P. Cyrill Bürgi zum Fest Darstellung des HERRN 2024

02.02.2024

Lesung: Mal 3,1–4
Evangelium: Lk 2,22–35

Die beiden Lesung sprechen Offenbarungsgeschehen. Gott wird sichtbar. Maleachi prophezeit: «Dann kommt plötzlich zu seinem Tempel der Herr, den ihr sucht, … Seht, er kommt!» (Mal 3,1) und Lukas berichtet im Evangelium: «Meine Augen haben das Heil gesehen» (Lk 2,30). Diese Offenbarungen enden aber in apokalyptischen Ereignissen. Dazu später noch mehr.

Lukas nennt denjenigen, dem die Offenbarung zuteil wird Simeon, was auf Deutsch heisst: der «Erhörte» (vgl. Gen 29, 33). Simeon – wahrscheinlich ein programmatischer Name – wird in seiner Erwartung erhört. Von ihm heisst es, dass er «den Trost Israels» erwartet. Das ist eine sonderbare Beschreibung: den Trost Israels.

Wenn wir im AT nachschauen, entdecken wir diesen Ausdruck recht häufig. Ja, Trost oder Tröstung erscheint als eigentliche Tat Gottes. Als Beispiele für viele den Ps 71: «Bring mich zu Ehren! Du wirst mich wiederum trösten» (V 21). Ein Teil des Buches Jesaja wird gar «Trostbuch» genannt. «Getröstet sein» ist das Merkmal des Volkes Gottes in der Zukunft. Gottes Trost ist die endzeitliche Wirklichkeit im Gericht. Tost oder Tröstung ist die umfassende Bezeichnung für die Heilszeit des Messias. In diesem Sinn konnte die alte Einheitsübersetzung mit gutem Gewissen übersetzen: «Simeon war gerecht und fromm und wartete auf die Rettung Israels.» Der Trost Gottes meint die messianische Rettung, die Erlösung.

Wenn wir «Trost» hören, dann schwingt da etwas Beschwich­ti­gendes mit drin. Die Religion vertröstet uns auf eine bessere Zeit nach dem Tod bei Gott. Jetzt haben wir es nicht so gut, wenn wir aber glauben, wird es uns dann einmal gut gehen. Diese Vertröstung wird der Religion oft vorgeworfen und manchmal fallen wir sogar selber in diese Falle, dass wir ebenfalls so denken.

Und alle Tatsachen sprechen ja von dieser Tendenz. Selbst das Buch Maleachi sagt: «Wer erträgt den Tag, an dem Gott kommt? Wer kann bestehen, wenn er erscheint? Denn er ist wie das Feuer des Schmelzers und wie die Lauge der Walker» (Mal 3,2). Selbst Simeon weissagt im Lukasevangelium: «Jesus er wird ein Zeichen sein, dem widersprochen wird, – und deine Seele wird ein Schwert durchdringen» (Lk 2,34f). Gott zeigt sich und gleichzeitig wird Feuer, Lauge und Schwert angesagt.

Bleibt also bei diesen düsteren Voraussagen nicht einfach das Vertrösten?

Wenn wir auch in unsere Zeit hinschauen – die Kriege, der Terror, die militärischen Provokationen, die instabilen Regie­rungen, die Überschuldung, die Inflation, der Klima­wandel und damit einhergehenden Naturkatastrophen, aber auch die gesellschaftlichen Unruhen und die gewerk­schaftlichen Streiks, die Problematik mit der Migration und oben drauf die Zerrüttung der Kirche, der Missbrauch in den eigenen Reihen, der schwindende Glaube, um nicht noch die eigenen Schwierigkeiten, verknorzten Beziehungen und die innere Zerrissenheit zu erwähnen – bleibt da nichts anderes als Vertröstung auf bessere Zeiten, einmal in Gott?

Sie alle kennen die Antwort. Ganz klar der Glaube will keine Ver­tröstung auf ein besseres Jenseits, auch wenn wir ein solches erwarten. Der Trost Gottes will hier und jetzt wirk­sam sein.

Wenn wir vom griechischen Wort Trost, παράκλησις aus­gehen, sehen wir die Verbindung mit dem Parakleten, dem Beistand, dem Heiligen Geist. Er ist der eigentliche Tröster. Er ist derjenige, der uns als sicheres Zeichen der Gegenwart Gottes gegeben ist – nicht im Sinn einer vertröstenden und beschwichtigenden Instanz, sondern eine Kraft, die uns befeuert heute in dieser Welt Gottes Reich zur Sichtbarkeit zu verhelfen. Der Paraklet, der Tröster, befähigt uns zu aktiver Solidarität und Sympathie, Mitleid im Tal der Tränen. Seine tröstende Gegenwart mittendrin ermächtigt uns zu einer Hoffnung, die uns nicht mit den Händen im Hosensack auf bessere Zeiten warten lässt.

Das Elend unserer Zeit mutet Gott uns zu, weil er selber mittendrin ist und es schon überwunden hat. Das ist unser sicherer Glaube, unsere tragende Hoffnung. Ja, dieses Licht tragen wir sichtbar in unseren Händen.

Wir sind das Licht der Welt (vgl. Mt 5,14) – nicht weil wir so leuchtende Vorbilder wären, sondern weil wir Träger des Trostes Gottes sind. Es ist der Glaube, der uns sagt, dass jeder Mensch von Gott gewollt und geliebt ist von der Zeugung bis zum natürlichen Tod. Göttliche Würde wohnt in jedem Menschen inne. Dieser Glaube, den wir hochhalten, ist ein tröstendes Licht für uns und die übrige Welt. Das ist ein tröstendes Licht, nach dem diese Welt so verzweifelt lechzt. Es ist eine Richtung in der verzweifelten Orientierungs­losigkeit. Wenn du niemanden hast, auf den absolut Verlass ist, hast du nur dich selbst und deine eigene Kraft – und das ist in dieser egoistischen Welt ein Todesurteil.

Ich glaube, dass ist die Botschaft des heutigen Abends: Gott steigt in Jesus in die Armut dieser Welt hinab, um sie mit Seinem Licht zu erleuchten. Sein Mitleiden gibt unserem Elend einen Sinn, weil wir wissen, dass unser Leben in Ihm schon den Sieg davonträgt. «Du hast mein Klagen in Tanzen verwandelt, mein Trauergewand hast du gelöst und mich umgürtet mit Freude» (Ps 30,12). Der Tröstergeist befähigt uns das Licht der Hoffnung gegen alle Hoffnung hochzuhalten – aktiv gegen die Verzweiflung diese Welt Zeuge der Erlösung zu sein: Unsere Augen sehen das Heil, nicht nur für uns, sondern für alle Völker. Das ist ein Trost für heute – in meinen Nöten, wie in den Nöten der heutigen Zeit.