P. Lukas Helg am Hochfest Erscheinung des Herrn 2024

06.01.2024

Liebe Mitchristen!

Haben Sie’s vielleicht gehört, die Trychlergruppen, die heute in den frühen Morgenstunden durch die Strassen Einsiedelns gelaufen sind. Ich nicht! Mit den grossen Kuhglocken am Rücken machen sie einen monotonen Lärm, um uns aus dem Schlaf zu wecken. Damit auch wir uns freuen. Denn heute ist  der Dreikönigstag, für die Einsiedler der offizielle Beginn der Fasnacht.

In unserem Direktorium steht am 6. Januar nichts von Dreikönig geschweige denn von Fasnacht. Da steht das griechische Wort, das ins Deutsche übernommen wurde: Epiphanie – Erscheinung des Herrn. Trotzdem sind die drei Könige die Hauptpersonen im eben vernommenen Festtagsevangelium – die drei Könige, die in den Sternsingergruppen weiterleben, die heute wie die Trychler durch die Strassen ziehen und an die Haustüren klopfen. Aber sie sind viel leiser unterwegs und sammeln zudem Geld für einen guten Zweck.

Also doch das Fest der Heiligen Drei Könige? Alle Kölner und Wallfahrer nach Köln sollen beim folgenden Satz die Ohren zuhalten. Die Heiligen Drei Könige waren erstens keine Könige, zweitens kann niemand beweisen, dass es drei waren, und drittens sind sie nie heiliggesprochen worden. Ich will Niemanden schockieren. Ich halte mich nur streng an das Matthäus-Evangelium. Matthäus spricht von Magiern vom Sonnenaufgang, mágoi apó anatolón, Magier aus dem Orient. Das sind Sternforscher. Sie kennen offenbar die jüdische Geschichte vom Seher Bileam aus dem Alten Testament. Balak, der König Moabs, hatte Angst vor Israel, das von Ägypten her heranzog. In seiner Angst bestellte er den Seher Bileam, er soll kommen und Israel verfluchen. Lesen Sie die Geschichte in der Bibel nach, die Kapitel 22 bis 24 im Buch Numeri. Sie werden darin sogar einem Esel begegnen, der sprechen kann. Bileam kann nicht verfluchen, er muss tun, was Gott befiehlt. Er muss das Volk Israel segnen, er prophezeit als Erster im Alten Testament den kommenden König der Juden– noch vor den Propheten: „Ich sehe ihn, aber nicht in der Nähe. Ein Stern geht auf in Jakob“. Diesen Stern haben die Magier aus dem Orient gesehen. Jetzt kommen sie nach Jerusalem und fragen dort nach, wo man es wissen muss, bei König Herodes.

Meine Lieben! Ich sage jetzt etwas, woran mein Namenspatron, der heilige Lukas, keine Freude haben wird. Ich sage es trotzdem! Wir sollten den Anfang des Matthäusevangeliums einmal so lesen, als gäbe es kein Lukasevangelium. Unsere Vorstellungen vom Weihnachtsgeschehen in Bethlehem sind ganz geprägt von der lukanischen Weihnachtsgeschichte mit der Krippe, mit dem Engelskonzert über den Hirten auf dem Felde, mit dem Zug der Hirten nach Bethlehem, wie es in unserer Weihnachtskuppel da oben so genial dargestellt ist. Nichts von all dem bei Matthäus. Bei Matthäus sind die Magier, diese Ausländer, diese Heiden, diese Unbeschnittenen, die Allerersten, die den neugeborenen König der Juden suchen, schliesslich finden und – das ist für Matthäus das Wichtigste – als Gott anbeten.  Matthäus verwendet das griechische Wort „proskunein“ in diesem Evangeliumsabschnitt dreimal. „Wir sind gekommen, um ihn anzubeten“ – Herodes pervertiert das Wort: „Berichtet mir, dass auch ich hingehe und es anbete“ – Und dann die entscheidende Stelle, als die Magier in Bethlehem ankommen: „Sie fielen nieder und beteten es an“! Die Einheitsübersetzung spricht von „huldigen“. Mir gefällt das nicht so.  „Huldigen“ kann man schliesslich auch einem Putin oder einem Trump, solch egomanen Typen. „Anbeten“ hingegen kann man nur Gott allein. Das kann man im Matthäusevangelium an vielen Stellen sehen. Ob der Aussätzige, ob Jairus, ob die Jünger nach dem Seesturm, ob die Kananäische Frau oder die Mutter der Zebedäus Söhne, immer, wenn sie Jesus begegnen, heisst es, sie gingen auf die Knie und beteten ihn an. Und immer steht im Urtext das Verb proskunein.

Ganz eindrücklich dann der Schluss des Matthäusevangeliums. Als die Jünger auf dem Berg in Galiläa den auferstandenen Jesus zum letzten Mal sahen, beteten sie ihn an – und vieldeutig heisst es noch: „Einige aber hatten Zweifel“, ob er es tatsächlich auch sei. Dann schickt er sie in die ganze Welt: „Geht zu allen Völkern und macht alle Menschen zu meinen Jüngern“ – damit alle Menschen, Juden und Heiden, mich anbeten. Damit sind wir wieder bei den Magiern, die alle Menschen repräsentieren. In der Apokalypse, im letzten Buch des Neuen Testamentes, können wir mit Johannes in den Himmel schauen und feststellen: Der Himmel ist der Ort der endgültigen und ewigen Anbetung Gottes. Die Magier sind sozusagen der Prototyp all jener Frauen und Männer, die an Christus glauben und ihn als Gott anbeten.

Liebe Mitchristen! Vielleicht sind Sie auch Opernfan wie ich. Sicher wissen Sie, dass der Komponist in der Ouvertüre oft wichtige Themen vorausnimmt. Mir kommt das heutige Evangelium wie eine Ouvertüre zum Matthäusevangelium vor. Da gibt es ja nicht nur die Magier als Vertreter der Heidenvölker. Es gibt neben Herodes vor allem auch die Hohenpriester und die Schriftgelehrten, die ganz genau wissen, wo der Messias geboren wird. Die aber niemals auf die Idee kämen, selber dorthin zu gehen und ihn gar anzubeten. Es sind genau diese Hohenpriester und Schriftgelehrten, die den Messias ans Kreuz ausliefern werden.

Epiphanie – Die Erscheinung Gottes im Neugeborenen ruft nach der Anbetung durch die Menschen. Das ist die wichtigste Botschaft des heutigen Hochfestes. Unser christlicher Glaube hat seine Herzmitte in der Anbetung Gottes. Auf die Knie gehen, Gott anbeten, das ist das Schönste, was ein Mensch tun kann. Das macht seine wahre Grösse aus. Der heilige Papst Johannes XXIII hat einmal gesagt: „Der Mensch ist nie so gross, wie wenn er kniet“.

Liebe Mitchristen! Die Anbetung der Magier aus dem Orient ist wohl abertausend mal von Künstlern dargestellt worden. Ganz vorne links in unserer Klosterkirche gibt es ein grossartiges Relief, das Sie vom Schiff aus unmöglich sehen können. Nach dem Gottesdienst dürfen Sie, wenn Sie wollen, durch das Chorgitter nach vorne kommen, um es anzuschauen. Sie können ein Foto davon auch zu Hause auf der Webseite unseres Klosters anschauen. Zwei Dinge faszinieren mich an diesem Relief. Der Künstler hat ganz eindeutig vier Könige modelliert. Sie vertreten die vier damals bekannten Erdteile, also die ganze Welt. Ausserdem vertreten sie  die vier Lebensphasen eines Menschen vom Jüngling etwas im Hintergrund bis zum alten Mann ganz im Vordergrund. Das Zweite, was mich fasziniert: Während die drei Jüngeren mehr oder weniger aufrecht stehen, kniet der Älteste, nein, er hat die Krone abgenommen und sich zu Boden geworfen. Er macht genau das, was Matthäus mit proskunein meint und was wir alle auch vermehrt tun sollten. Auf die Knie gehen – anbeten. Nicht bloss in der Weihnachtszeit vor der Krippe, sondern durchs ganze Jahr. Denken wir daran: Wir Christinnen und Christen können täglich nach Bethlehem gehen. Bethlehem heisst Haus des Brotes. Unsere Tabernakel sind heilige Häuser des Brotes. Und der Weihnachtsstern leuchtet im Ewigen Licht durch das ganze Jahr. Passen wir auf, dass uns die Anbetung nicht unversehens abhandenkommt.  Dann müssten wir den 6. Januar in unserem Kalender streichen – und die Fasnacht dazu. Das will wohl niemand, oder?   Amen.