P. Justinus am Hochfest Gottesmutter Maria 2024

01.01.2024

Liebe Brüder und Schwestern im Glauben!

Heute, am ersten Tag des neuen Ziviljahres, feiern wir das Hochfest der Gottesmutter Maria. Mit diesem Hochfest ehren wir Maria, die auf dem Konzil von Ephesus zur «Mutter Gottes» – oder genauer: «Gottes Gebärerin» – erklärt wurde. Man wollte mit dieser Erklärung die Göttlichkeit Jesu Christi unterstreichen.

Acht Tage sind seit Weihnachten, der Geburt Jesu, vergangen. Nach jüdischer Tradition wird das neugeborene Kind am achten Tag nach seiner Geburt beschnitten und es wird ihm sein Name gegeben. Das war auch bei Jesus der Fall, wie wir heute im Lukasevangelium gehört haben. Ursprünglich wurde in der katholischen Tradition genau dieses Ereignis am ersten Januar gefeiert: die Beschneidung des Herrn.

Die Beschneidung war das äussere Zeichen des Bundes zwischen Gott und dem Volk Israel. Jeder männliche Israelit musste und muss heute noch dieses Zeichen ab seinem achten Lebenstag tragen. Doch bereits die Propheten des Alten Bundes mussten das Volk immer wieder darauf aufmerksam machen, dass die äussere Beschneidung am Körper nicht ausreichte. Denn die äussere Beschneidung musste ein Zeichen einer viel tieferen Wirklichkeit sein. Die Propheten nannten sie «Beschneidung des Herzens».

Genau über diesen Punkt wollen wir heute nachdenken: die «Beschneidung des Herzens». Was bedeutet dieser Ausdruck? Welche sind die unverwechselbaren, klaren und offensichtlichen Merkmale eines beschnittenen Herzens? Das heutige Evangelium legt uns nahe, diese Frage zu beantworten, indem wir auf Maria schauen.

In ihr zeigt sich das beschnittene Herz vor allem als ein Herz, das fähig ist, zuzuhören. Maria bewahrt, erwägt und betrachtet die Worte, die zu ihr gesprochen werden, sowie die Ereignisse, die sie erlebt. Sie hört mit Aufmerksamkeit auch auf das, was die einfachen und ungebildeten Hirten berichten.

Ihre Haltung ist ungewöhnlich. Sie kennt das Geheimnis dieses Kindes und seiner Geburt. Sie weiss, wie dieses Leben auf geheimnisvolle Weise in ihrem Schoss entstanden ist. Sie hat die Botschaft des Engels empfangen und kann die Ereignisse einordnen und besser deuten als alle anderen.

An ihrer Stelle hätte ich der Versuchung nicht widerstehen können, alles zu erzählen und zu erklären. So hätte ich mich vor allen rühmen können, dass ich einen Wissensvorsprung habe.

Aber zum Glück war nicht ich dort, sondern Maria. Sie schweigt, hört zu, denkt nach und lernt. In ihrer Demut ist sie fähig, auch auf die Hirten zu hören und von ihnen zu lernen. Denn sie weiss, dass Gott sich oft den Unmündigen offenbart (vgl. Mt 11,25).

In ihrem betrachtenden Schweigen begreift und vertieft Maria mehr und mehr das Geheimnis ihres Sohnes. Sie hat nicht den Anspruch, alles zu wissen. Sie weiss, dass sie auch das Wort anderer Menschen braucht, und nicht nur die Offenbarungen von oben, von den Engeln Gottes.

Wir müssen uns sehr vor denen hüten, die behaupten, Offenbarungen von oben zu haben und im Namen der Engel zu sprechen, wenn sie dann nicht in der Lage sind, auf die Worte zu hören, die von der Erde, von den Kleinen und von den Armen kommen.

Maria, im Gegensatz zu vielen Besserwissern, kann zuhören, denn sie hat ein reines, beschnittenes Herz. In ihrem Herzen gibt es nicht die geringste Spur von Stolz, Eigenwillen, Vorurteilen oder Widerstand gegen den Willen Gottes. Ihr Herz war rein, und aus diesem Grund konnte Gott es mit seiner Gnade füllen. Deshalb können wir Maria mit Recht als die «Voll der Gnade» verehren.

Das beschnittene Herz ist also ein demütiges Herz, das keine Angst vor seinen eigenen Grenzen hat. Es ist ein Herz, das fähig ist, das Wort Gottes aufzunehmen und sich von diesem Wort formen zu lassen. Lernen wir also vom betrachtenden Schweigen der Gottesmutter Maria und bitten wir Gott, auch uns ein reines, beschnittenes Herz zu geben, das fähig ist, zuzuhören, zu lernen und nach seinem Willen zu leben.

Liebe Brüder und Schwestern!

Heute, am ersten Tag des Ziviljahres, feiern wir nicht nur das liturgische Fest der Gottesmutter Maria. Wir begehen auch den Weltfriedenstag.

Unsere von Kriegen, Terrorismus und Ungerechtigkeit zerrissene Welt sehnt sich nach dauerhaftem Frieden. Wir Christen wissen, dass dieser Friede ein Geschenk der kommenden Zeiten ist, wenn alles Böse endgültig besiegt sein wird.

Das bedeutet nicht, dass wir untätig dastehen und einfach auf diese zukünftigen Zeiten warten sollen. Wir Christen sind berufen, Frieden zu stiften (vgl. Mt 5,9). Beginnen wir also bei uns selbst! Reinigen wir unsere Herzen von bösen Gedanken, Vorurteilen, Verleumdungen … von allem, was der brüderlichen Liebe widerspricht. Denn wahrer Friede kann nur aus einem beschnittenen, gereinigten und mit Gottes Gnade erfüllten Herzen hervorgehen. Für uns Menschen ist das unmöglich, doch nicht für Gott. Er kann in uns viel Gutes bewirken, wenn wir ihn zulassen. Gemeinsam mit Maria wollen auch wir sagen: «Mir geschehe nach deinem Wort».

Amen!