P. Philipp Steiner am Dritten Adventssonntag 2023

17.12.2023

Liebe Schwestern und Brüder

In Einsiedeln steigt in diesen Tagen nicht nur die Vorfreude auf das nahende Weihnachtsfest. Für alle Theaterbegeisterten sind die Vorbereitungen auf das Einsiedler Welttheater 2024 in eine neue Phase getreten, indem am vergangenen Mittwoch die Rollen für die 35 Aufführungen im nächsten Sommer verteilt worden sind. Wir Mönche konnten uns gestern mit dem kulturellen Grossevent des nächsten Jahres vertraut machen: Der Autor Lukas Bärfuss und der Regisseur Livio Andreina präsentierten uns die neue Fassung des Einsiedler Welttheaters und stellten sich unseren Fragen.

Ich muss gestehen, dass ich persönlich keine grosse Theater-Affinität habe, aber die Begegnung mit den beiden künstlerischen Leitern hat mich dennoch beeindruckt und neugierig macht auf das grosse Schauspiel auf dem Einsiedler Klosterplatz. Besonders gefreut hat mich aber eine dabei gewonnene Einsicht, die mich zu dieser Predigt inspiriert hat.

Lukas Bärfuss und Livio Andreina haben uns nämlich von einer wichtigen Änderung des Originalstücks des spanischen Barockdichters Pedro Calderón de la Barca erzählt. Im ursprünglichen Mysterienspiel aus dem 17. Jahrhundert erhalten zu Beginn die verschiedenen Akteure vom Schöpfer alles, was sie für das Spiel ihrer Lebensrolle brauchen. Die Welt wird dabei zu ihrer Bühne und es gilt, ihre Rolle – den Umständen entsprechend – einfach bestmöglich zu spielen. In der Einsiedler Neuinszenierung im Jahr 2024 aber muss eine einzelne Person mehrere Rollen spielen, was der heutigen Komplexität unseres Lebens ja auch besser entspricht. Der Regisseur Livio Andreia erzählte uns deshalb, dass in seinem Umfeld Menschen im Laufe des Lebens sieben verschiedene Berufe ausüben oder dreimal verheiratet waren.

Ja, da konnten die Menschen im 17. Jahrhundert nicht mithalten – die Glücklichen! Das Leben war damals weniger von Selbstverwirklichung, Veränderungen und Neuorientierungen geprägt. Egal ob König, Reicher, Bauer, Armer: die Lebensrolle war klar und blieb unveränderlich.

Von Rollen haben wir vorhin auch im Evangelium gehört. Ja, es hätte definitiv das Zeug zu einem beeindruckenden Theaterstück: In der Hauptrolle ist Johannes der Täufer, Spielort ist Betanien jenseits des Jordan, der inhaltliche Rahmen des Stücks bildet der fulminante Prolog des Johannesevangeliums, den wir am Weihnachtstag hören werden.

Der erste Satz klang wie aus dem Drehbuch: «Ein Mensch trat auf, von Gott gesandt; sein Name war Johannes» (Joh 1,6). Kurz und knapp wird der Täufer eingeführt und in Szene gesetzt. Seine Aufgabe wird umschrieben als Zeugnisgeben für das Licht. Dann entfaltet sich dramaturgisch formvollendet ein Dialog zwischen Held und Antihelden: «Die Juden [sandten] von Jerusalem aus Priester und Leviten zu ihm […] mit der Frage: Wer bist du? Er bekannte und leugnete nicht; er bekannte: Ich bin nicht der Christus. Sie fragten ihn: Was dann? Bist du Elija? Und er sagte: Ich bin es nicht. Bist du der Prophet? Er antwortete: Nein. Da sagten sie zu ihm: Wer bist du? Wir müssen denen, die uns gesandt haben, Antwort geben. Was sagst du über dich selbst?» (Joh 1,19-22).

An Johannes werden also von den Fragenden verschiedene Rollen herangetragen: verheissener Christus/Messias, wiedergekehrter Elija, ein weiterer grosser Prophet. Doch Johannes winkt ab: Gott hat ihm keine dieser prestigeträchtigen Rollen zugeteilt. Und er nennt seine Lebensrolle: «Ich bin die Stimme eines Rufers in der Wüste» (Joh 1,23). Johannes sieht sich anders als unsere Zeitgenossen und das Spielvolk im Einsiedler Welttheater nicht mit verschiedenen, sich abwechselnden Rollen konfrontiert. Seine Rolle ist eine einzige: Zeuge zu sein für den, der das Licht ist, das jeden Menschen erleuchtet. Und sein Sprechtext im heutigen Evangelium endet mit dem entsprechenden Hinweis: «Mitten unter euch steht einer, den ihr nicht kennt, der nach mir kommt; ich bin nicht würdig, ihm die Riemen der Sandalen zu lösen» (Joh 1,26-27). Dann fällt der Vorhang für diese Szene.

Liebe Brüder und Schwestern,

Können Sie sich mit der Rollenverteilung im nächstjährigen Einsiedler Welttheater anfreunden? Finden Sie sich im Vielerlei der Ansprüche und Herausforderungen wieder, so dass wechselnde Rollen tatsächlich ein authentisches Abbild Ihrer Existenz darstellen? Oder beneiden Sie vielleicht insgeheim einen Johannes den Täufer, der souverän Rollenangebote ausschlägt, weil er um seine Identität weiss?

Mit einem nüchternen Blick auf unsere Realität im 21. Jahrhundert müssen wir uns wohl eingestehen, dass das Leben in unseren Breitengraden zwar in vielem angenehmer und leichter ist als vor 2000 oder 300 Jahren. Aber es ist trotzdem ganz sicher nicht einfacher geworden. Die Fragen der Priester und Leviten an Johannes «Wer bist du? Was sagst du über dich selbst?» sind Fragen, die auch an uns gestellt werden. Und gerade hier können uns die Schrifttexte des Dritten Adventssonntags eine Hilfe sein: Wir brauchen uns als Christinnen und Christen nicht ständig neu zu erfinden! Wir haben eine Identität, die uns aus reiner Gnade geschenkt ist. Es ist eine Identität, die in der Lesung aus dem Buch Jesaja aufgeschienen ist, als wir die Worte gehört haben: «Von Herzen freue ich mich am Herrn. Meine Seele jubelt über meinen Gott. Denn er kleidet mich in Gewänder des Heils, er hüllt mich in den Mantel der Gerechtigkeit» (Jes 61,10). Dieses Heilsgewand ist unser Taufkleid, das wir am Tag unserer Taufe empfangen haben. Wir haben Christus angezogen (vgl. Gal 3,27) und dieses Gewand ist mehr als ein Theaterkostüm, es ist unsere neue Identität! In einem lebenslangen Prozess ist es unsere Aufgabe, aus Gnade das zu werden, was Jesus Christus von Natur aus ist. Auch über uns sagt der Vater im Himmel wie über Jesus Christus bei dessen Taufe im Jordan: «Du bist mein geliebter Sohn, du bist meine geliebte Tochter an dir habe ich Wohlgefallen gefunden.» (Mk 1, 11). Diese unsere Identität als geliebte Kinder Gottes reicht tiefer als wechselnde Rollen im oft verrückt scheinenden Theater dieser Welt. Im Bewusstsein unserer Annahme dürfen wir mit Freude unseren Weg gehen und unsere Lebensrolle spielen: «Von Herzen freue ich mich am Herrn. Meine Seele jubelt über meinen Gott. Denn er kleidet mich in Gewänder des Heils, er hüllt mich in den Mantel der Gerechtigkeit» (Jes 61,10).

Liebe Schwestern und Brüder!

In diesen Tagen sind wir auf dem Weg zur Krippe, in der wir Gott erblicken, der Mensch geworden ist: «Und das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt und wir haben seine Herrlichkeit geschaut, die Herrlichkeit des einzigen Sohnes vom Vater, voll Gnade und Wahrheit.» (Joh 1,14). Gott schreibt seine Heilsgeschichte zweifellos virtuoser als Caldéron oder Bärfuss, aber noch besser: Er schreibt sie mit uns! Amen.