P. Patrick Weisser am Zweiten Adventssonntag 2023

10.12.2023

Wenn wir einen Text lesen oder hören, wirkt er auf uns ganz unmittelbar. Er weckt in uns bestimmte Gefühle; er berührt uns oder ärgert uns; er bewirkt etwas in uns und löst eine Reaktion aus.

Das ist ein guter Umgang gerade auch mit Bibeltexten. Sie sprechen uns unmittelbar an und können uns in unserer konkreten Lebenssituation oft etwas Überraschendes und Unerwartetes sagen.

Wenn wir von diesen Texten auch ihren Hintergrund kennen, wenn wir wissen, wer sie weshalb geschrieben hat, dann kann sich ihre Aussage und damit ihre Wirkung auf uns nochmals deutlich verändern.

Auch das ist ein guter und sogar notwendiger Umgang mit Bibeltexten. Sie wurden ja zu ganz bestimmten, längst vergangenen Zeiten und mit ganz konkreten Absichten geschrieben.

Beide Methoden wollen wir auf die heutigen Lesungen anwenden – mit der Frage im Kopf, was denn „Advent“, „Ankunft des Herrn“ genau bedeutet. —

Der soeben gehörte Abschnitt aus dem MkEv lässt sich von der Adventszeit nicht wegdenken: Johannes der Täufer tritt als Bote Gottes auf. Er verkündet Umkehr und tauft zur Vergebung der Sünden. Vor allem aber kündigt er den Messias an, der nach ihm kommen soll.

Der Abschnitt aus dem MkEv spricht uns ganz unmittelbar an. Er löst in uns vorweihnächtliche Gefühle aus, denn wir erwarten tatsächlich die Ankunft des Herrn: Weihnachten, das Fest der Geburt Jesu von Nazaret. –

Ist das auch für Mk und seine Zeit der Fall? Nein. Mk schreibt sein Evangelium um das Jahr 80 nach Christus. Nicht nur die Ankunft des Herrn, seine Geburt, sondern auch der Tod Jesu sind längst Vergangenheit.

Mk verfasst vielmehr eine Lebensbeschreibung Jesu im Nachhinein. Er tut dies, weil die Augenzeugen Jesu langsam aussterben und es deshalb notwendig wird, Erinnerungen an Jesus von Nazaret schriftlich festzuhalten.

Diese Erinnerungen sind allerdings nicht historische Biographien im heutigen Sinn. Die Evangelien enthalten zwar historische Wahrheiten über Jesus von Nazaret und seine Zeit. Doch die Evangelien sind zugleich Glaubenszeugnisse. Sie wollen den Glauben an Jesus Christus, den Sohn Gottes, vermitteln.

Das zeigt uns die Überschrift des MkEv, die wir vorhin gehört haben: „Anfang des Evangeliums von Jesus Christus, dem Sohn Gottes.“ (Mk 1,1.)

Die Evangelien hoffen also nicht auf die Geburt Jesu. Was sie aber bleibend erhoffen, ist die Wiederkunft Christi am Ende der Zeiten. —

Betrachten wir deshalb gleich die Lesung aus dem Zweiten Petrusbrief. Denn dieser Brief thematisiert genau diese zweite Wiederkunft Christi am Ende der Zeiten.

Der Brief macht uns Hoffnung, dass diese Welt einmal gerichtet und verwandelt werden wird. Der Verfasser schreibt: „Dann erwarten wir einen neuen Himmel und eine neue Erde, in denen die Gerechtigkeit wohnt.“ (3,13.)

Wir leben in einer sehr ungewissen, ja schrecklichen Zeit. Es ist eine Zeit der Krisen, die wir Menschen zum grossen Teil selbst zu verantworten haben: Klimawandel, Krieg, Terror. Eines ist klar: Wir Menschen haben diese Welt nicht im Griff.

Wie tröstlich ist da die heutige Lesung, die uns Hoffnung macht auf die Wiederkunft Christi und die Schaffung eines neuen Himmels und einer neuen Erde, in welcher endlich Gerechtigkeit und Frieden herrschen.

Diese Hoffnung ist jedoch nicht rein passiv: Der Zweite Petrusbrief ermahnt uns zu einem gut geführten christlichen Leben. Nur so können wir, wie der Verfasser schreibt, „den Tag Gottes erwarten und seine Ankunft [sogar] beschleunigen“. (3,12.) –

Blicken wir auch bei diesem Text auf die konkrete Situation, in welcher er geschrieben wird. Es handelt sich um eine Situation zu Beginn des 2. Jahrhunderts nach Christus.

Zu dieser Zeit gibt es ein Problem, das immer drängender wird. Denn die frühen Christen des 1. Jahrhunderts glaubten, dass die Wiederkunft Christi unmittelbar bevorsteht.

Da diese Wiederkunft aber immer länger ausbleibt, kommen im 2. Jahrhundert ernsthafte Zweifel auf: Weshalb verzögert Christus seine Wiederkunft so lange? Kommt er vielleicht gar nicht mehr?

Der Zweite Petrusbrief tröstet seine Leser damit, dass die Zeiten bei Gott eben andere sind als bei uns Menschen. Vor allem aber möchte Gott Zeit geben zur Umkehr.

Die Verzögerung der Wiederkunft Christi ist für uns heute nicht mehr so schwer zu ertragen wie für die Christen zu Beginn des 2. Jahrhunderts – ganz einfach deshalb, weil wir uns daran gewöhnt haben. Nach Jesu Tod und Auferstehung sind bald 2000 Jahre vergangen – da eilt es jetzt auch nicht mehr.

Damit aber wird überraschenderweise der Blick frei für eine dritte Ankunft Christi: Die Ankunft Christi im Hier und Jetzt, in unserem eigenen Leben.

Jesus Christus kommt in unsere Welt nicht nur bei seiner Geburt vor 2000 Jahren, und er kommt nicht erst am Ende der Zeiten. Nein: Er ist der immer Kommende, der immer Ankommende.

Das ist auch die endgültige Antwort der frühen Christen auf die scheinbar ausbleibende Wiederkunft Christi: seine Gegenwart mitten unter uns.

Wir stehen einmal mehr in der Adventszeit. Sie wird bald abgelöst durch Weihnachten. Doch Advent ist in Wahrheit immer. Denn Jesus Christus ist der immer Ankommende. Er tritt jeden Tag in unser Leben. Wir leben in seiner Gegenwart.

Amen.