P. Georg Liebich am Ersten Adventssonntag 2023

03.12.2023

Was für Vorstellungen verbinden Sie mit Advent, was gehört dazu, wie sehen Ihre Erwartungen aus?
In einem Gespräch erwähnte ich – etwas zerknirscht –, dass ich mich mit der einer Predigt zum 1. Advent befasse. Zurück kam: «einfach so, dass Licht wird».
Ein hoher Anspruch, heisst es doch am Anfang der Bibel: «Gott sprach, es werde Licht. und es ward Licht.» Gott schuf das Licht, aber noch immer sehnen sich die Menschen nach Licht im Dunkel.

Das scheint auch durch in den beiden heutigen Lesungen.
Der Text aus dem Propheten Jesaja ist Teil eines umfangreichen Klage- und Sehnsuchtsgebetes. Heimgekehrt aus dem Exil findet das Volk Israel im 5. Jahrhundert vor Christus im niedergewirtschafteten Jerusalem vor. Das Trauma von Krieg und Leben in der Fremde sitzt noch tief. Der Tempel, einst das überwältigende Zeichen der Gegenwart Gottes unter seinem Volk, liegt in Trümmern, als Zeugen der Verlassenheit von Gott.

Betend, seiner Abwege bewusst, klagt das Volk, ruft Gott bei dem Namen an, der sein Wesen ausmacht:
«Du, Herr, bist unser Vater, ʺUnser Erlöser von jeher’’ ist dein Name.
Warum lässt du uns, Herr, von deinen Wegen abirren und machst unser Herz hart…?
Niemand ruft deinen Namen an, keiner rafft sich dazu auf, festzuhalten an dir. Denn du hast dein Angesicht vor uns verborgen und hast uns zergehen lassen in der Gewalt unserer Schuld.
Hättest du doch den Himmel aufgerissen und wärest hinabgestiegen.
Doch nun, Herr, du bist unser Vater, wir sind das Werk deiner Hände.»
Aus Leiden an Gottferne gepaart mit Schuldbewusstsein kommt dieses Gebet. Aber es klammert sich auch an die Hoffnung auf die Treue Gottes. Er hat seinem Volk in seiner Geschichte zugesagt, immer sein Gott zu sein, sein Retter und Erlöser, der, der da ist, ihm zugewandt in Barmherzigkeit und Erbarmen.

Gibt es bei ihnen Erfahrungen und Umstände, in denen Sie dieses Gebet des Volkes Israel zu ihrem Gebet im Advent machen könnten, – oder sonst zum Gebet aus der Solidarität mit Menschen in unserer Zeit im Dunkel der Erfahrung von Gewalt, Trauma und Gefangenheit in Schuld, dass auch ihnen Gott nahe kommt, Licht bringt durch sein Erbarmen, seine Liebe, dass Advent wird?

Gott schuf das Licht, und noch immer sehnen sich die Menschen nach Licht im Dunkel.
Gott ist im Menschen Jesus in die Welt gekommen als Immanuel, Gott mit uns, – und noch immer sehnt sich die ganze Schöpfung auf das Kommen und Offenbarwerden des Menschensohnes Christus, dass er zu Ende führe, vollende, was grundgelegt ist in seiner Geburt, in seinem Leben und Wirken unter den Menschen, in seinem Sterben und seiner Auferweckung in Gott und in die Herzen der Menschen hinein.
Das widerspiegelt der Abschnitt aus der Endzeitrede Jesu im 13. Kapitel des Evangeliums nach Markus.
Es ist 3. Tag nach dem Einzug, der Ankunft Jesu in Jerusalem, drei Tage vor seiner Passion. Auf dem Rückweg von Jerusalem über den Ölberg nach Bethanien schwärmt ein Jünger im Blick auf den Tempel: «Meister, sieh, was für Steine, was für Bauten!» Jesus antwortet: «Kein Stein wird auf dem andern bleiben, der nicht niedergerissen wird.»
Petrus, Johannes, Jakobus und Andreas fragen dann Jesus, was er damit meint, und wie es um das Ende der Zeit stehe. Mit Bildern von Kriegen, von der Zerstörung des Tempels, von Verfolgung beschreibt dann Jesus Zeichen, die das Ende der Zeit und Welt nahe zeigen.  Vieles davon ist für Juden und Christen der Zeit, leidvolle Erfahrung in der Vergangenheit und Gegenwart. Gibt es in einer Welt, in der alles aus den Fugen zu geraten scheint, wie es damals zu erleben war, wie es sich uns in Ereignissen und Entwicklungen unserer Zeit aufdrängt, gibt es da Hoffnung, Licht?

Es gibt Hoffnung, es wird Licht – im Kommen des Menschensohnes mit grosser Kraft und Herrlichkeit. Der Menschensohn ist Jesus selbst mit seinem Herz für die Menschen. Sein endgültiges Kommen ist für unser persönliche und für das Ende von allem angekündigt. In diesem Ende wird alles neu, und Gott wird alles in allem. Die Engel Gottes führen alle von ihm Auserwählten aus allen vier Windrichtungen zusammen, vom Ende der Erde bis zum Ende des Himmels. Auserwählte sind die von Gott Geliebten. Gott liebt alle ohne Ausnahme. In der frühen Kirche wurde inständig darum gebetet: Maranatha, komm, Herr Jesus

Bis zu seinem Kommen legt uns Jesus Wachsamkeit ans Herz. «Gebt Acht und bleibt wachsam.» Achtsames, wachsames Leben ist adventliches Leben. Es gehört dazu Nachsinnen in der Stille des Betens mit Jesus vor unseren Augen, wie er Mensch für die Menschen war; so achtsam Unmenschliches in uns sich verwandeln lassen, menschlich werden, wie er Mensch war. Den Menschen begegnen, wie er ihnen begegnete, wie er mit Gottes Liebe und Barmherzigkeit im Herzen, sodass vor allem Ende allezeit Gottes Kommen, Advent aufscheint, Licht im Dunkel der Welt

Mensch werden
wie Gott.
Er kommt jeden Tag zur Welt.
Gott kommt zur Welt,
wird nicht müde,
in uns Mensch zu werden.
Still, sanft und zart.
Demütig, frei und stark.
Hell, brennend von Liebe.