Bischof Joseph Maria Bonnemain an Mariä Empfängnis 2023

08.12.2023

Als Hauptzelebrant und Festprediger am Hochfest der unbefleckten Empfängnis Mariens durften wir am 8. Dezember 2023 den Bischof von Chur, Msgr. Joseph Maria Bonnemain, willkommen heissen. Er hielt das folgende Predigtwort, das von Kurt Bucher freundlicherweise transkribiert worden ist.

Lieber Abt Urban
Liebe Klostergemeinschaft
Lieber Mitbrüder
Liebe Schwestern und Brüder

«Wo bist du?» Diese Frage Gottes kann man verschieden interpretieren, deuten. Es kann bedeuten: «Warum bist du nicht dort, wo du sein solltest, dort, wo ich dich erwarte? Du hättest auf mich warten sollen! Warum bist du immer unpünktlich, warum bist du immer zerstreut, wo bist du? Wieso finde ich dich immer am falschen Ort? Die Frage kann aber als Ausdruck der Zuneigung, des Interesses, der Liebe verstanden werden, im Sinne: Ich suche dich, ich brauche dich, ich habe mich für dich entschieden und bin zu dir gekommen. Ich will mit dir sein, ich möchte mit dir gemeinsam den Weg gehen, unterwegs mit dir bleiben.»

Also wir haben zwei Möglichkeiten der Deutung dieser, ja, entscheidenden Frage zu uns Menschen: Wo bist du? ich bin überzeugt, dass die Frage an Adam im Munde Gottes die dauernde Frage an uns Menschen ist und zwar im zweiten Sinn. Gott sucht uns, Gott sucht uns stets, nicht um uns zu kontrollieren, zu tadeln, um uns zu sagen, was wir falsch machen, sondern, weil er uns gern hat, weil er mit uns sein möchte, weil er das Unsere teilen will, weil er sich in Christus entschlossen hat, einer von uns zu sein, weil er eins werden möchte mit all unseren Belastungen, Sorgen, Mühen, Niederlagen, mit dem Unangenehmen und dem Schönen, das wir erleben, weil er Leid und Freud mit uns teilen will. Sein Einswerden mit uns hat nur einen Sinn, nämlich uns das Leben in Fülle zu ermöglichen. Wir haben vorher aus dem Evangelium die Worte des Engels an Maria gehört: Der Herr ist mir dir. Diese Botschaft gibt genau wider, meine ich, was wir anhin betrachtet haben: Gott will endgültig in uns und mit uns Menschen sein. Der Mensch ist Familie Gottes geworden. In Maria und durch Maria ist der göttliche Sohn sozusagen, ich wage es zu sagen, der göttliche Sohn ist auch durch Maria unser Sohn geworden. Wir sind gewohnt, Jesus als Bruder zu betrachten, und ich wage zu sagen: Irgendwie durch diese Empfänglichkeit, wenn wir die Art Marias zu eigen machen, machen  wir die Geburt Jesu in der Welt möglich.

Im Herr Geliebte: Die Frage Gottes muss uns immer bewegen, wachrütteln: Wo bist du? Vor dieser Frage dürfen wir uns nicht fürchten, sondern uns dazu berufen fühlen in einem Bund der Liebe zu leben. Als Gott Adam suchte, versteckte er sich, geriet in Furcht, weil er sich nackt fühlte. Maria fürchtete sich auch, aber in einem ganz anderen Sinn. Es war Ehrfurcht gegenüber der Grösse Gottes, dies aber geschah in völliger Offenheit und Bereitschaft. Sie versteckte sich nicht, im Gegenteil, sie versuchte zu verstehen, was die Botschaft Gottes bedeutet und wie sie den Plan Gottes erfüllen konnte. Das Bewusstsein ihrer Armseligkeit vor Gott, man kann sagen auch ihres Nacktseins vor Gott.

Das heisst von Gott in Anwesenheit Gottes durch und durch erkannt zu werden, erweckte in Maria kein Zögern, sondern nur Bereitschaft und Verfügbarkeit.

Voilà.

Wenn wir die Reaktion Adams und die Reaktion Marias vergleichen, können wir besser verstehen, das was wir heute feiern, nämlich die unbefleckte Empfängnis Marias. In Maria war seit dem Augenblick ihres menschlichen Daseins kein Vorbehalt Gott gegenüber, kein Misstrauen. Das, was wir als Erbsünde, als Ursünde bezeichnen, ist nichts anderes als das Urmisstrauen den Plänen Gottes  gegenüber. Damit durch die Menschwerdung Christi endgültig der Bund Mensch-Gott verwirklicht werden konnte, brauchte man einen Menschen, der restlos von diesem Misstrauen geheilt war. Maria war offen, bereit, empfänglich, vorbehaltlos, vertrauensvoll. So konnte die Geschichte unserer Erlösung Fuss fassen auf Erden.  Ich sage gerne: Maria war für die Gottesliebe unkontaminierte Erde, damit Gott auf unserer Erde landen, Fuss fassen konnte.

Liebe Schwestern und Brüder, es gibt eine gute Furcht und eine schlechte Furcht vor Gott. Und ich frage: Was entdecken wir in unseren Herzen? Es gibt eine gute Art, Fragen zu stellen, auch Gott gegenüber, ja, vor allem Gott gegenüber, im Sinne: Ich möchte besser verstehen, wie ich Gottes Willen verwirklichen kann, im Sinne von Vertrauen, Offenheit, Empfänglichkeit, Bereitschaft. Wie soll das geschehen, damit ich es verwirklichen kann? Und es gibt eine schlechte Art, Fragen zu stellen, als Vorbehalte, Einwände, als Zögern, als Mangel an Bereitschaft. Und ich frage zum zweiten Mal: Wie steht es bei uns? Es gibt eine schlechte Art, sich vor Gott, nackt zu fühlen, im Sinne nicht zugeben, dass wir armselig sind oder im Sinne sich als selbstgenügsam verstehen, sich autonom verwirklichen wollen. Es gibt aber eine wunderbare Art, nämlich sich als Magd Gottes erkennen, in der Bereitschaft die eigene Schwäche durch seine Grösse ausgleichen lassen, überzeugt, dass bei ihm nichts unmöglich ist. Die Geschichte der Erlösung der Menschheit setzt sich fort dank Menschen, die wie Maria auf die Frage: Wo bist du? antworten: Mir geschehe, wie du es gesagt hast. Da bin ich! Fiat! Es geschehe! Die Heilspläne Gottes auf Erden – Gott hat nur Pläne des Heils, des Friedens und der Geschwisterlichkeit – die Pläne Gottes auf Erden werden nur durch marianische Menschen fortgesetzt. Wir sollten alle solche marianische Männer und Frauen sein. Heute, meine ich, ist ein wunderbarer Trag, und jeder Tag ist ein solcher, jeder Tag des Lebens eigentlich ist ein solcher Tag, um auf die Frage Gottes: Wo bist du? entschlosssen zu antworten: Da bin ich!

Amen.