P. Theo Flury am Christkönigsonntag 2023

26.11.2023

Liebe Brüder und Schwestern

Im Evangelium, das wir soeben vernommen haben, erscheint Jesus Christus als Weltenrichter am Ende der Zeit, der die Menschen aufnimmt oder aber verwirft. Entscheidend ist dabei nicht, ob ihn jemand in seinem Leben als Herrn anerkannt hat oder nicht; beide Gruppen sprechen ihn doch gleicherweise mit diesem Titel an. Was sie hingegen voneinander unterscheidet, ist die Nächstenliebe. Ein Glaube ohne Liebe, die sich in Werken äussert, ist tot, unfruchtbar.

Wir feiern den Christkönigssonntag. In einer Paraphrase des 99. Psalms findet sich im Kirchengesangbuch bei Nr. 211 folgender Text:

«König ist der Herr, Völker gebt ihm Ehr. Um ihn steht und wacht seiner Engel Macht, und vor ihm erbebt alles, was da lebt. Preiset seinen Namen: er ist heilig. Amen. – Allen schafft er Recht; wie dem Herrn dem Knecht. Jeder gilt ihm gleich. Wahrheit heisst sein Reich, Kraft, Gerechtigkeit, Treu und Billigkeit. Preiset seinen Namen: Er ist heilig. Amen. – Kommt von nah und fern, lobet Gott, den Herrn. Beuget eure Knie, tief anbetend hie. Ruft ihn. Er verzeiht in Barmherzigkeit. Preiset seinen Namen: Er ist heilig. Amen.»

«Wohl uns solch eines Herren» möchten wir mit einem anderen Kirchenlied (KG 75; der Herr ist hier allerdings Gott Vater) antworten. In einer Zeit zahlreicher Konflikte und Kriege weltweit müssen wir an der Fähigkeit des Menschen, mit Macht gut umzugehen, zweifeln. Nicht nur gehen Menschen oft achtlos an Mitmenschen vorüber; nein, sie bringen sie sogar um, sie vergiessen Blut; Familien werden zerstört, Lebensträume zerschmettert, Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit gesät.

In der heute üblichen Gottesdienstordnung ist der Christkönigssonntag ans Ende des Kirchenjahres gerutscht und damit in die Atmosphäre der Endzeit, gar des Jenseits, getaucht. Die daraus folgende verklärte Auffassung des Christkönigsgedankens entspricht aber keineswegs der Intention, welche zur Einführung des Festes geführt hat. Es wurde anlässlich des Heiligen Jahres 1925 von Papst Pius XI. eingesetzt, wenige Jahre nach dem Untergang von König- und Kaiserreichen mit dem Ende des Ersten Weltkriegs. Das Fest wurde erstmals am 31. Dezember 1925 gefeiert und dann bis zur Kalenderreform jeweils am letzten Sonntag im Oktober. Papst Pius XI. wollte damit dem sich seit der französischen Revolution zunehmend breit machenden Laizismus die Stirn bieten und das Königtum Christi in der Gesellschaft propagieren.

Damit stellen sich allerdings schwierige Fragen. Inwiefern haben Religion und Politik, Kirche und Gesellschaft etwas miteinander zu tun? Wie verhalten sich diese Grössen zueinander? Wie geht man in einer durch eine bestimmte Deutung des Lebens mehrheitlich geprägte Gesellschaft mit Andersdenkenden um? Geht es um eine gewisse Toleranz ihnen gegenüber oder geht es vielmehr um gleichberechtigende Freiheit aller Überzeugungen? Wo und wie stellt sich aber der Anspruch der Wahrheit? Zudem scheint die säkulare Welt immer weniger Andockstellen für ein traditionelles Sprechen vom christlichen Glauben zu bieten. Wie kann also der Christkönigsgedanke aus einer endzeitlich entrückten Ferne ins Heute geholt werden?

Ich möchte drei sehr unterschiedliche Texte zu uns sprechen lassen. Der erste Text ist ein Gebet und stammt vom hl. Franz Xaver. «Mein Herr und Gott, ich liebe dich, nicht darum, dass du rettest mich, noch weil im Feuer untergehen, die deine Liebe kalt verschmähen. Nein, Herr, so wie du liebtest mich so lieb und will ich lieben dich, weil du allein, Herr Jesus Christ, Gottkönig meines Herzens bist.» Jesus Christus als Gottkönig des Herzens: ist das nicht die Mitte jeder Berufung von Getauften, Ordensleuten und Priestern? Das Königreich Christi ist zunächst mein Herz. Ein Stück Welt wird so durch die Gnade von Jesu umsichtiger Liebe und Weisheit erneuert und geleitet. Daraus fliessen wiederum Taten der Liebe und der Weisheit.

Der zweite Text stammt von Conrad Ferdinand Meier. Das Gedicht «Die Füsse im Feuer» erzählt von einem königlichen Gesandten, der in einer Gewitternacht in einer Burg Gastfreundschaft findet. Mit Schrecken stellt er plötzlich fest, dass er an einen Ort geraten ist, an dem er vor Jahren auf einer Hugenottenjagd die Frau des Ritters brutal umgebracht hatte. Angstvoll verbringt er die Nacht und fürchtet Rache, da er richtigerweise vermutet, ebenfalls erkannt worden zu sein. Beim Abschied lauert der Gesandte aus den Augenwinkeln und meint: „Herr, Ihr seid ein kluger Mann und voll Besonnenheit / Und wisst, dass ich dem größten König eigen bin [gemeint ist der König von Frankreich]. / Lebt wohl! Auf Nimmerwiedersehn!“ Der andre spricht: / „Du sagst’s! Dem größten König eigen! Heute ward / Sein Dienst mir schwer … Gemordet hast Du teuflisch mir / Mein Weib! Und lebst … Mein ist die Rache, redet Gott.»

Dem höchsten König eigen! Was gibt es Schöneres, Edleres, Erhebenderes, das uns aus allem Niedrigen emporzieht und den endlos selbstlaufenden Mechanismus von Untat, Rache und Vergeltung durchbricht? Das letzte Gericht steht allein Gott zu.

Ein dritter Text begleitet den Ritus der Kerzenweihe zu Beginn der Feier der Osternacht: «Christus gestern und heute / Anfang und Ende / Alpha und Omega / Sein sind die Zeiten / Sein die Jahrhunderte / sein ist die Herrlichkeit und das Reich / durch alle Zeit und Ewigkeit.»

Alles ist Gnade: Das Werk Gottes, das in Jesus Christus zur Erlösung der in Sünde gefallenen Welt vollbracht worden ist, um alles, Himmel und Erde, in Christus zu erneuern und zusammenzufügen; das kleine menschliche Herz, das durch den Glauben und die Taufe nach dem Bild Jesu Christi fortwährend umgestaltet wird und aus dessen Geist heraus zu Taten anregt, wie sie der Rabbi selbst vorgelebt hat; schliesslich das ritterliche Bewusstsein, allein dem höchsten König eigen zu sein, nicht aber Banalem, Niedrigem, Elendem.

Zum Schluss ein Rückgriff auf die Frage der Andockstellen einer christlichen Interpretation von Leben und Welt in einer säkularen Gesellschaft, welche die traditionelle religiöse Rede, die uns immer noch bestimmt – und vielleicht in gewisser Weise auch bestimmen muss, kaum mehr versteht. Lassen wir doch für einmal die christliche Kunst ihre eigene Sprache sprechen: die Kirchen, die Bilder, die Musik, die Literatur – sie sind privilegierte Möglichkeiten, Herzen zu öffnen, Gedanken anzustossen und Inhalte in die Gesellschaft hineinzutragen. Ein Beispiel: Durch die Vatikanischen Museen und die Sixtinische Kapelle in Rom werden täglich 25’000 staunende Menschen hindurchgeführt, welche vielleicht nur selten mit dem Glauben in Kontakt kommen! Gerade die Klöster haben in dieser Beziehung immer wieder Vieles geleistet. Möge diese wichtige Aufgabe auch heute und in Zukunft ernst genommen werden: Steht sie doch im Dienst einer differenzierten Wahrnehmung und eines breiten Spektrums von nuancierten Ausdrucksmöglichkeiten in einer Zeit der verbreiteten Beschränkung auf Schlagworte, welche besonders die Werbung zur Steigerung von Lust und Konsum bewirtschaftet. Im Christentum können, im Gegenteil, selbst Verzicht, Leid, Krankheit und Tod nüchtern benannt werden, weil nicht sie den Endpunkt unserer Geschichte bilden, sondern Jesus Christus, der König der Herzen und Herr über Geschichte, Zeit und Ewigkeit. Amen.