P. Justinus Pagnamenta am Rosenkranzsonntag 2023

01.10.2023

Liebe Brüder und Schwestern im Herrn!

Wir eröffnen den Monat Oktober mit dem Fest unserer Lieben Frau vom Rosenkranz. Das heutige Fest ist eine Einladung, das Rosenkranzgebet während dieses Monats besonders zu pflegen. Denn der Monat Oktober ist der Mutter Gottes gewidmet.

Das heutige Evangelium kündigt das erste Geheimnis des Rosenkranzes an: die Verkündigung. Wir wollen jetzt Schritt für Schritt dieses Geheimnis betrachten, denn es betrifft nicht nur das Leben Marias, sondern auch unser Leben.

Der Engel Gabriel bat Maria, die Mutter Jesu, des Sohnes Gottes, zu werden. Während ihrer neunmonatigen Schwangerschaft wuchs Jesus in ihrem Schoss heran; es war die erste Adventszeit der Geschichte, die Vorbereitung auf das erste Weihnachtsfest. Während dieser neun Monate war Maria alles für Jesus; sie war seine Nahrung, seine Wärme, sein Zuhause, sein Atem. Wo immer Maria hinging, dort war auch Jesus. Heute möchte Jesus auch in unser Leben eintreten, um mit uns zu sein, wo immer wir auch sind und was immer wir auch tun. Es stellt sich aber die grosse Frage: Sind wir bereit, wie Maria, Jesus in unser Leben aufzunehmen?

Es war nicht leicht für Maria, die Botschaft des Engels anzunehmen: «Wie soll das geschehen, da ich keinen Mann erkenne?». Vielleicht haben wir auch Einwände. Es fällt uns schwer zu glauben, dass Gott einen so grossen Plan für uns hat, nämlich Christusträgerinnen und -träger zu werden. Wer hat heute noch den Mut, in einer säkularisierten Welt über Jesus zu sprechen? Wir sind uns unserer Grenzen und Schwächen bewusst. Wir können kaum fassen, dass wir, die wir so armselig sind, so viel für Gottes Plan tun können. Wir meinen, wir können so oder so nichts ändern in dieser Welt, denn wir sind zu klein und unbedeutend. Und doch Gott hat eine grosse Wertschätzung für uns und er traut uns Grosses zu.

Der Engel Gabriel ermutigte Maria mit den Worten: «Für Gott ist nichts unmöglich». Manchmal brauchen auch wir Ermutigung und Zuspruch, weil unser Glaube schwach ist. Erinnern wir uns an die Worte des Paulus: «Diesen Schatz tragen wir in zerbrechlichen Gefässen; so wird deutlich, dass das Übermass der Kraft von Gott und nicht von uns kommt» (2 Kor 4,7). Es ist völlig normal, dass wir uns begrenzt, zerbrechlich und verletzlich fühlen. Das steht nicht im Widerspruch zu einem christlichen Leben. Nicht wir sind es, die etwas Gutes und Grosses bewirken müssen, sondern Gott ist es, der mit seiner Kraft in uns und durch uns wirkt. Nichts ist für Gott unmöglich! Gott wählt die Demütigen, die Kleinen in der Welt, um zu zeigen, dass er es ist, der das Heil wirkt. Unser Anteil am Werk Gottes besteht darin, unser «Ja» zu sagen. Und wenn wir entschieden «Ja» zu Gott und zu seinem Plan sagen, dann wird er in uns und durch uns Grosses tun. Denken wir an die Worte Marias: «Der Mächtige hat Grosses an mir getan» (Lk 1,49). Machen wir uns deshalb keine grossen Sorgen um unsere Unzulänglichkeiten und Grenzen und vertrauen wir uns ganz Gott an, wie Maria es getan hat.

Und Maria sprach: «Ich bin die Magd des Herrn; mir geschehe, wie du es gesagt hast». Maria musste in diesem ersten Moment nichts Besonderes tun, sondern überliess alles Gott. Das Gleiche gilt auch für uns. Zuerst müssen wir Gott dem Vater und seinem Sohn Jesus Christus ermöglichen, in uns Wohnung zu nehmen (vgl. Joh 14,23). Jedes Mal, wenn wir aufrichtig sagen: «Siehe, ich bin die Magd (oder, der Knecht) des Herrn», steigt Gott wieder vom Himmel herab, nimmt in uns Wohnung und beginnt, Grosses in uns und durch uns zu wirken.

Schliesslich verliess der Engel Maria. Aber sie war nicht sich selbst überlassen, denn Gott war mit ihr und in ihr. Manchmal erfahren wir dasselbe. Gott ruft uns zu einem anspruchsvollen Dienst; wir antworten mit unserem «Ja» und dann haben wir den Eindruck, wir seien auf uns selbst gestellt. Wir stehen vor einer Aufgabe, die für unsere Möglichkeiten zu gross erscheint. Aber wir sind nicht allein gelassen. Gott ist der «Immanuel», der «Gott mit uns»; er lässt uns nicht im Stich. Wir machen oft die Rechnung 2 + 2 = 4 und dabei vergessen wir den wichtigsten Summanden: Gott. 2 + 2 + Gott ist viel grösser als 4. Wir dürfen keine Angst haben, dem Ruf Gottes zu folgen, denn er wird uns nie verlassen, und je mehr wir uns ihm anvertrauen, desto mehr werden wir seine Gegenwart und sein Wirken erfahren.

Maria war die erste, die Jesus aufnahm, und sie war auch seine erste Jüngerin. Jesus sagte: «Wer den Willen Gottes tut, der ist für mich Bruder und Schwester und Mutter» (Mk 3,35). Auch wir können, wie Maria, zur Familie Jesu gehören und seine Jünger werden, wenn wir auf das Wort Gottes hören und es auch tun. Mit dem Rosenkranzgebet wollen wir Maria bitten, sie möge uns helfen, gute Jüngerinnen und Jünger Jesu zu werden.

Im Obergemach waren die Apostel zusammen mit einigen Frauen und Maria, der Mutter Jesu, und seinen Brüdern versammelt. Mit dem Rosenkranzgebet betreten wir diesen Raum im Obergeschoss, den mystischen Raum der Gemeinschaft der Heiligen. Das gibt uns Mut und Kraft, marianische Menschen zu werden: Menschen, die Gottes Pläne bejahen und dadurch befähigt werden, Christus überallhin zu bringen. Das ist unsere wichtigste Aufgabe als Christinnen und Christen. Amen!