P. Theo Flury zum 18. Sonntag im Jahreskreis

31.07.2022

Liebe Schwestern und Brüder

Im Gleichnis, das Jesus heute erzählt, ist er vor allem eines: ein Realist. Er weist auf den Tod hin, der kommt, wann er will, und dem kein Mensch entrinnen wird. Irdische Güter, damit ist nicht nur materieller Reichtum gemeint, sondern auch ein imposantes Lebenswerk, Titel, Ehre, Geltung in der Gesellschaft – all das werden wir zurücklassen müssen, es wird gleichsam von uns abfallen wie von Motten zerfressene Kleider. Wir werden mit jedem Jahr älter, schwächer, vielleicht krank. Wir werden sterben und in einigen Jahrzehnten vergessen sein. Das ist die Realität.

Diese Realität schockiert besonders dann, wenn wir nur auf die Zukunft hinleben, geführt vom Bedürfnis nach stetem Mehr haben wollen. So leben wir fast nur im Blick auf ein Morgen, in der Hoffnung auf eine unerreichbare diesseitige Erfüllung; unerreichbar auch deshalb, weil ein erfüllter Wunsch sogleich Junge gebiert und wiederum unerfüllt zurücklässt.

Wie können wir diese Sackgasse vermeiden? Indem wir zunächst versuchen, nicht für das Morgen zu leben, sondern für das Heute, wenn wir weniger nach vorn denken als gewissermassen zur Seite hin: wir können für heute etwas tun und auch zugleich versuchen, nicht nur an uns zu denken, sondern auch an jede, die mit uns unterwegs sind. So helfen wir mit, an einem Netz zu knüpfen, das viele Menschen miteinander verbindet und eine Schicksalsgemeinschaft aufbauen hilft.

Albert Camus, ein Vertreter der französischen Existenzphilosophie, denkt in seinem Roman La peste genau darüber nach. Die Geschichte spielt sich in Oran, einer Stadt in Algerien, ab. Dort bricht in den 1940er-Jahren eine Pestepidemie aus. Zunächst sind es die Ratten, die vom Virus befallen, in den Straßen sterben. Allmählich geht die Krankheit auf die Menschen über und breitet sich mit zunehmender Geschwindigkeit in der Stadt aus. Diese wird daraufhin von der Außenwelt abgeriegelt, Sperrstunden werden verhängt. Protagonist und Held des Romans ist Doktor Rieux. In seiner Schilderung der Ereignisse zeigt sich, wie unterschiedlich die verschiedenen Charaktere mit der Krisensituation, welche für Camus ein Sinnbild des Lebens ist, umgehen. Die einen versuchen sich daran zu bereichern, wie der reiche Mann im Gleichnis, andere sehen darin eine Bestrafung Gottes der in Sünde gefallenen Menschheit oder aber verlieren ihren Glauben. Einige wenige schliesslich stellen sich vollkommen in den Dienst an den Andern und geben damit ihre Antwort auf die aktuelle Herausforderung. Das Absurde bleibt jedoch stetiger Begleiter: Unschuldige Kinder sterben genauso wie Menschen, die den Tod wohl verdient hätten. Selbst die Menschen sterben, die sich solidarisch zeigen, die Freundschaften entwickeln und so der Sinnlosigkeit ihres Daseins zu entfliehen versuchen – wie Tarrou, der Freund und Begleiter des Arztes Rieux.

«Edel sei der Mensch, hilfreich und gut» – das betonte schon der Dichter Johann Wolfgang von Goethe. Doch der Tod multipliziert scheinbar auch dieses Bestreben mit Null. Welchen Sinn also hat unser Tun und Lassen angesichts der unabweisbaren Vorläufigkeit und Vergänglichkeit aller Dinge? Will es uns einfach zerstreuen, hinhalten und ablenken von der finalen nackten Wahrheit, die den auf das Diesseitige fixierte Verstand blockiert und den Willen lähmt?

Der Tiefenpsychologe Carl Gustav Jung sagt aufgrund seiner langen Tätigkeit als Arzt und Therapeut, dass es für die seelische Gesundheit erfahrungsgemäss besser sei, im Tod eine Wende zu erkennen und nicht ein Ende. Damit aber betreten wir unweigerlich den Bereich der Religion, die naturgemäss über das rein Diesseitige hinausgreift. Ist der Glaube jedoch nicht einfach eine weitere Illusion neben anderen Illusionen: neben jenen von ewiger Jugend, dauerndem Erfolg, viel Geld, ungetrübter Gesundheit und stetem Glücksgefühl? Werden diese Träume in den Religionen nicht einfach auf ein späteres Jenseits verlegt, weil wir sie hier nicht erreichen können?

Da gilt es nun, sogleich einen wesentlichen Unterschied festzuhalten. Bei den erwähnten Selbsttäuschungen werden die Schattenseiten und Härten des Lebens ausgeblendet. Dadurch entsteht ein dunkler Bereich der Sprachlosigkeit; schwierige und schmerzliche Dimensionen unserer Erfahrungswirklichkeit werden tabuisiert. Im christlichen Glauben hingegen gibt es Worte und Bilder dafür, sie schaffen einen Ort, wo wir uns als Ganze mit unserer Mühsal, aber auch mit den Schönheiten des Lebens wiederfinden können. Schöpfung, Schuld, Opfer, Sühne, Gnade, Tod und Ewiges Leben sind Grundbegriffe unseres Glaubens. Nur: verstehen wir diese Begriffe überhaupt noch? Geht unsere religiöse Praxis noch in diese Tiefe? Ein Glaube aber, der nicht unsere totale Lebensrealität in sich aufnehmen kann, ihnen Sinn stiftet und zudem ins Mysterium hineinreicht, das alle unsere Horizonte sprengt und uns zur Demut und zur Hingabe führt, ist kraftlos und eigentlich überflüssig.

Wenn uns nun, neben der Einsicht der Vernunft, auch das Licht des geoffenbarten Glaubens geschenkt ist, können wir schliesslich das Leben grundsätzlich neu sehen. Dieses Licht fällt zunächst auf das Kreuz des Herrn und dann auf das leere Grab. Derjenige, der für uns gelitten hat, der gestorben und begraben worden ist, ist uns vorausgegangen in die Herrlichkeit Gottes. Die Strahlen dieser Herrlichkeit fallen seit der Taufe in unsere Herzen und lassen uns gewahren, dass unser Lebensschiff nicht im Irdischen verankert ist, sondern in Dem, der Erde und Himmel umfasst. Zur unabweisbaren Erkenntnis, dass wir einmal nichts werden mitnehmen können, gesellt sich die Hoffnung, dass wir – geläutert und befriedet in Gott – dereinst in Ihm alles wiederfinden werden (Maria Theresa Ledochowska). Amen.