P. Pascal Meyerhans zum 14. Sonntag im Jahreskreis

03.07.2022

Als ich 1962 Matura gemacht habe, hat sich etwa ein Drittel der Klasse 18 für das Theologie-Studium entschieden. Früher gab es Jahrgänge, wo die Hälfte der Klasse Priester wurden. Und heute? Auf weiter Ebene niemand mehr.

Schon damals hiess es – wie vor 2000 Jahren schon: Betet um Arbeiter in die Ernte, denn die Ernte ist gross. Und heute sollen wir wieder beten? Hat das noch einen Sinn?

Wir könnten uns einmal fragen: Warum ist der Beruf des Priesters nicht mehr attraktiv? Wie soll das Priesterbild denn heute aussehen, damit es beim Volk ankommt?

So viele Menschen sind heute tätowiert. Soll der Prieser ein tätowierter Muskelprotz sein, damit dieser Beruf wieder attraktiver aussähe? Oder soll der Priester in schillerndem Anzug daherkommen, der überall zeigen möchte, wie überzeugt und eingenommen von sich selbst er ist, ein eleganter, schicker Mann von dieser Welt? Brächte das etwas? Muss er gut reden, gut schreiben, andere in den Schatten stellen können? Vielleicht brächte das die Lösung, wenn er süffisant genau weiss, was andere falsch machen, gezielt Steine auf andere werfen kann? Allmählich merken Sie gewiss selbst, dass so etwas nie die Lösung ist.

Was wir vorhin im Galaterbrief gehört haben, kann uns vielleicht weiterhelfen. Paulus sagt dort: «Ich will mich allein des Kreuzes Jesu Christi rühmen». Meiner Meinung nach ist das Kreuz das Einzige, was der Arbeiter der Ernte zu zeigen, zu sagen, zu bezeugen hat. An anderer Stelle spricht Paulus sogar von der Torheit des Kreuzes. Das ist doch wirklich das Hinterletzte: das Kreuz soll der Priester verkünden, die Torheit des Kreuzes, so etwas Dummes. Das macht ihn natürlich nicht attraktiv. Warum diese Verkündigung? Ganz einfach: weil wir Christen durch das Kreuz und die Auferstehung Jesu erlöst und gerettet sind. Dazu braucht es aber den Glauben.

Wie soll demnach bei einem allfälligen Anstellungs-Gespräch das Priesterprofil von heute aussehen? Da haben sicher nicht wir Menschen zu entscheiden, sondern Gott. Und da hängt es wohl vom Glauben des Christen ab, ob er offen ist auf einen Anruf Gottes. Gott kann jeden rufen. Positiv Antwort geben kann vermutlich nur einer, der selber schon das Kreuz gespürt hat, selber Kreuzträger ist. Muss aber nicht sein. Gott ruft, wen er will.

Nun das grosse Aber – und das ist wohl das Problem der heutigen Zeit: dieser Glaube ist weitestgehend verschüttet. Gott ruft eventuell auch dich in die Ernte, aber du hast diesen Anruf nicht verspürt oder nicht gehört, weil es an einem fundierten Glauben fehlt oder er schwach und durchlöchert ist. Wer weiss?

Die letzte Frage noch: warum fehlt es an diesem Glauben? Ob wir wohl am Ende der Zeiten angekommen sind – und es eben keinen Glauben mehr gibt, wie der Evangelist Lk im 18 Kapitel sich frägt? Wir wissen das nicht.

Viel eher scheint mir eine Verzettelung der Glaubenswahrheiten schuld daran zu sein. Dass das Kreuz das Zentrale unserer Religion ist, ist wohl den meisten Christen eine einsichtige Selbstverständlichkeit. Das wurde uns so beigebracht. Doch diese Selbstverständlichkeit wird, weil sie nicht ernst, sondern eben zu selbstverständlich gelebt wird, unter den Boden gewischt und plötzlich gar nicht mehr wahrgenommen. Ist wie bei einem Teich, in den ich Kiesel werfe. Wenn ich eine ganze Handvoll miteinander werfe, gibt es momentan kleine, harmlose Wellenbewegungen, die aber gleich wieder vorbei sind. Wenn ich die Kieselsteine aber hintereinander immer am gleichen Ort hineinwerfe, also intensiviere, wird die Welle grösser und bleibt wenigstens eine Zeit lang. So sollte auch der Glaube bewusster, nicht nur einmal, sondern immer wieder vertieft werden im Gebet, im Gespräch, im persönlichen Nachdenken, damit er Wurzeln treiben und bleiben kann. Kinder sollten dazu von klein auf von den Eltern angeleitet, immer wieder mit dem Kreuzzeichen bezeichnet und unterrichtet werden.

Was bleibt uns? Kommen wir dem Wunsch Jesu weiter nach und beten wir um Arbeiter in die Ernte. Wie’s immer auch sei: Letztlich macht es Gott und nicht wir.