P. Jean-Sébastien Charrière zum 15. Sonntag im Jahreskreis

10.07.2022

Liebe Schwestern und Brüder

Die Frage des Todes beschäftigt uns alle. Die einen mehr, die anderen weniger.

Die einen wünschen sich zu sterben auf Grund von Enttäuschungen, Lebensmüdigkeit, Leid, Schicksal oder aufgrund ihrer Ängste. Andere hingegen wollen ewig die Güter dieser Erde geniessen oder nie Abschied nehmen müssen von dieser Welt und ihren Nächsten. Sie wollen ewig in diesem Zustand leben.

Die Frage nach unserem eigenen Tod oder dem unserer Liebsten kann uns stark beschäftigen – besonders dann, wenn der Tod überraschend kommen kann durch Unfall, Naturkatastrophen, Krieg oder Terrorismus.

Bin ich bereit?

In diesem Sinn ist die Frage, die Jesus im heutigen Evangelium gestellt wird, eine wesentliche Frage der Menschheit: «Meister, was muss ich tun, um das ewige Leben zu erben?». Mit dieser Frage wollte der Gesetzeslehrer Christus vor allem auf die Probe stellen. Denn zur Zeit Jesu glaubten die Pharisäer an ein zukünftiges Leben, die Sadduzäer hingegen nicht. Die Antwort Jesu könnte spalten – zu welcher Gruppe wird der Meister gehören? Was wird er wohl antworten?

Als guter Meister antwortet Jesus mit einer Gegenfrage. Er lädt den Gesetzlehrer ein, die Antwort selbst zu finden. Dieser zitiert die Bücher Deuteronomium und Levitikus (Dtn 6, 5 und Lev 19, 18). Er antwortet zusammengefasst: «Gott, seinen Nächsten, sowie sich selbst lieben». Jesus sagt: «Handle danach, und du wirst leben». Das Wesen des Gesetzes ist zu lieben und um ewig zu leben, müssen wir lieben.

Sich zu bemühen, Gott und sich selbst zu lieben, ist klar aber «wer ist mein Nächster?» fragt der Gesetzeslehrer weiter. Das Judentum hatte doch sehr strenge Regeln, gegenüber den Nichtjuden, Sündern, Kranken oder Unreinen. Man durfte mit ihnen nicht einfach verkehren aus Angst, selbst unrein zu werden und sich dadurch von Gott zu trennen.

Auf die Frage nach der Nächstenliebe antwortet Jesus mit einer Geschichte, einer sehr provokativen Geschichte. Ein Priester, ein Levit und ein Samariter kommen in seiner Erzählung vor.

Alle drei kommen aus Jerusalem, der Stadt von Gegenwart Gottes auf Erden. Zuerst gehen der Priester und der Levit dem Opfer vorbei. Beide sehen ihn und meiden ihn, indem sie an ihm vorüber gehen. Beide sind Diener Gottes, Spezialisten des Kultes, der Liturgie. Sie wollen kein Blut berühren, um «rein zu bleiben» für den Tempeldienst.

Der Samariter hingegen – vom Judentum her gesehen ein Häretiker und Unreiner, mit dem man nicht in Kontakt treten darf – geht zum Opfer hin, pflegt ihn und sorgt für ihn. Sogar am nächsten Tag bringt er noch Geld, um ihn weiter pflegen zu lassen.

«Wer von diesen dreien meinst du, ist dem der Nächste geworden?» fragt Jesus.

Es war sicher nicht leicht für der reinen Gesetzeslehrer Jesus zu antworten, dass der häretische und verachtete Samariter der Nächste sei; der, der barmherzig gegenüber dem Opfer gehandelt hat.

Jesus dreht die Frage um. «Wer ist mein Nächster?» fragte der Gesetzeslehrer. Jesus seinerseits fragt: «Wer von diesen dreien, ist dem der Nächste geworden». Es geht nicht darum, wer mein Nächster ist, sondern von wem ich der Nächste bin. Was tue ich, dass mein Nächster sich von Gott geliebt fühlt?

Damit erinnert Jesus auch daran, dass wir Gott keinen Dienst im Tempel erweisen können, wenn wir ihm nicht zuerst auch auf dem Weg des Alltags in unserem Nächsten dienen.

Liebe Schwestern und Brüder

Ob wir uns vor dem Tod fürchten, oder nach dem Tod sehnen, oder sogar unsere Sterblichkeit verleugnen: All diese Haltungen weisen auf eine nähere oder weitere Zukunft hin. Auch die Frage des ewigen Lebens ist auf die Zukunft gerichtet – eine Zukunft, die noch nicht existiert. Gott lädt uns aber ein, im Jetzt zu leben. Im Jetzt öffnet sich das Tor zur Ewigkeit. Die Antwort auf die Frage «Was muss ich tun, um das ewige Leben zu erben?» lautet, zu Lieben. Handle jetzt nach der Liebe und du wirst leben, antwortet Jesus. Lieben ist aber nicht zuerst ein Wohlgefühl, sie ist Hingabe. Lieben heisst, dass wir auf unserem Lebensweg die Bedürftigen sehen, ihnen beistehen und ihnen dienen. Es geht darum, jetzt der liebende und barmherzige Nächste des anderen zu sein. Das Leid ist allgegenwärtig in unserer Welt und an Gelegenheiten zu helfen, mangelt es nicht. Hier sind wir berufen, uns zu bemühen wie Gott zu lieben, der uns bis zum Kreuz geliebt hat. Wahre Liebe erfüllt das Leben und verleiht diesem Sinn und Kraft. Wahre Liebe öffnet das Herz und lässt uns die Ewigkeit erspüren – denn wie Paulus in seinem Ersten Brief an die Kirche in Korinth schreibt: «Die Liebe hört niemals auf» (1. Kor. 13,8).

Amen.