P. Gerhard Stoll am Pfingstsonntag

05.06.2022

Liebe Schwestern und Brüder im Herrn, vom ersten Pfingstfest wird berichtet: alle wurden vom Hl. Geist erfüllt und auf jedem Einzelnen von ihnen liess sich eine Feuerzunge nieder. – Dass der Hl. Geist uns alle und jeden Einzelnen von uns begeistern möchte, das war der Wunsch von Jesus. Aber nun ja, bei noch nicht allen Menschen ist sein Wunsch in Erfüllung gegangen. Trotzdem gilt: es gibt sie: begeisterte und begeisternde Menschen; geisterfüllte Christen, die wiederum andere anstecken und begeistern.

Einen möchte ich Ihnen heute vorstellen: den Jesuitenpater Oswald von Nell-Breuning, den Vater der Katholischen Soziallehre, Berater von Bischöfen und Päpsten, von Regierungen und Präsidenten von Ministern und Gewerkschaften, geschätzt bei Sozialisten und Kapitalisten, sozusagen bei Roten und Schwarzen. Er starb vor 31 Jahren, 1991, im überbiblischen Alter von 101 Jahren. Als Nell-Breuning 1975 85 Jahre alt war, hat sich folgende Begebenheit ereignet: Auf dem Sommerfest der Jesuitenhochschule St. Georgen bei Frankfurt in Deutschland, wo er als Professor lehrte und auch wohnte – bei diesem Fest trifft der alte Nell, wie er von den  Studenten liebevoll genannt wurde, auf einen ehemaligen Schüler und zeigt ihm ganz stolz, was er da in der Hand hatte: Zwei 1Mark Stücke (heute ungefähr 1 Franken) – das war das Chilbigeld, das jeder Pater von seinem Oberen extra für diesen Tag bekommen hatte. Wer das heute hört, dem bleibt wahrscheinlich die Luft weg: 2 lumpige Mark für einen namhaften Universitätsprofessor, der weltweit bekannt war. Eine Unverschämtheit, einen Ordensmann so kurz zu halten.

Interessant ist nun aber die persönliche Reaktion des alten Nell-Breuning gegenüber dem befreundeten Studenten: Er fragte ihn, ohne dabei zu schimpfen: Was meinen Sie, junger Mann: Soll ich mir davon nun 4 Lose kaufen oder eine Tasse Kaffee und ein Stück Kuchen?

Meine Lieben, was mich an dieser Geschichte so fasziniert? – Sie zeigt uns, dass P. Nell-Breuning innerlich völlig frei zu sein scheint. So souverän, bescheiden und anspruchslos wie er möchte ich eigentlich auch sein! So habe ich mir gedacht, als ich diese Geschichte vor ein paar Jahren zum 1.Mal hörte. Eine Scheibe möchte ich mir von diesem Mann abschneiden.

Jeder von uns ist wohl schon einmal Menschen begegnet, von denen er später sagte: ein Wenig wie Der oder Die möchte ich auch sein – ein Stück von deren oder dessen Geist wollte ich auch haben!

Ja, und so, wie es uns bei Menschen geht, die uns durch ihre Art tief beeindrucken (Spitzensportler, Filmstars, Wissenschaftler, Politiker oder tiefgeistliche Zeitgenossen) – so sollte es uns vielleicht oder bestimmt auch mit Jesus ergehen.

Wie viele Menschen hat Jesus schon begeistert?!  – Wie viele haben sich dabei wohl gedacht: wenn Jesu Geist unter den Menschen mehr verbreitet wäre; wenn viele so reden und handeln würden wie Er – dann wäre es besser um unsere Welt bestellt. Wenn ich doch nur ein wenig wäre wie dieser Jesus: in seiner Friedfertigkeit, in seiner Gewaltlosigkeit in seiner Liebe zu den Menschen!

Die Botschaft des heutigen Pfingsttages lautet also: «Mensch, wenn Du das wirklich willst – wie Jesus sein – dann kannst du das auch haben». Und eines kannst Du dabei immer tun: Du kannst im Gebet vor Jesus hintreten und sagen: Ich bitte Dich um Deinen Geist!

Der Pfingstgottesdienst heute quillt ja geradezu über von der Bitte um den Hl. Geist – und wer diese Bitte wirklich ernst meint, dem wird dieser Wunsch erfüllt – das hat Jesus uns im Evangelium zugesagt: «Mein Vater und ich werden zu ihm kommen und bei ihm wohnen».   Wie das gehen soll? Nun, zum Glück ist Pfingsten eine Sache des Herzens und nicht sosehr des Verstandes. Jesus sagt nicht: «Wer mich versteht, sondern wer mich liebt» – und Liebe ist eine Sache des Herzens – zu solchen Menschen kommt der Hl. Geist. Ein liebender Mensch ist immer offen für den Hl. Geist!   Und wer den Hl. Geist sozusagen als Dauergast in sich wohnen hat, der wird bestimmt zu einem Menschen, von dem wir uns eine Scheibe abschneiden wollen, von dem sagen wir gerne: so wie Der wäre auch ich gerne!

Liebe Schwestern und Brüder, Pfingsten lädt uns ein: alle Kritik an einzelnen Personen, auch an Missständen in Kirche und Staat mal beiseite zu schieben und uns neu von Gott im Herzen begeistern zu lassen. Martin Buber, der bekannte Religionsphilosoph sagt das so: «Gott wohnt da, wo man ihn einlässt» – anders ausgedrückt: Gottes Geist beginnt da zu wirken, wo wir das wirklich von Herzen zulassen.

Beten wir heute mit der ganzen Kirche: Komm, Hl.  Geist, erfülle die Herzen Deiner Gläubigen und entzünde in ihnen neu das Feuer der Liebe. Bekehre die Herzen der irdischen Machthaber. Schenke Trost und neuen Lebensmut den Opfern jeglicher Gewalt. Schaffe Du wirklichen Frieden!

Ich wünsche uns und allen Menschen wirklich geistreiche Pfingsten!!!