P. Daniel Emmenegger zum 13. Sonntag im Jahreskreis

26.06.2022

Haben Sie’s verstanden? Esch de Zwänzger abe; der Groschen gefallen? Es ist ja kein leichtes Wort! Da ist jemand ernsthaft bereit, Jesus nachzufolgen
und möchte nur noch den verstorbenen Vater begraben. Aber Jesus sagt ihm: Die Verkündigung des Reiches Gottes ist wichtiger als die Beerdigung deines Vaters. Konkret: Wenn du nicht sofort kommst, bist du für die Nachfolge ungeeignet. Einem Zweiten, der ebenfalls zur Nachfolge bereit wäre und sich nur noch von seiner Familie verabschieden möchte, sagt Jesus klipp und klar: Wenn du das tust, bist du für das Reich Gottes untauglich. Das ist hart, oder etwa nicht? – Aber nochmals: Haben Sie verstanden?

Esch de Zwänzger abe; der Groschen gefallen? Wenn Sie nämlich gut zugehört haben, wird Ihnen aufgefallen sein, dass Jesus hier im Grunde eine ähnliche Begebenheit aus dem Alten Testament aufgreift. Erinnern Sie sich an die Lesung aus dem Ersten Buch der Könige? – Da wird Elischa mitten von der Arbeit auf dem Feld weggeholt, um anstelle von Elija zum Propheten gesalbt zu werden. Er soll also gewissermassen für das Reich Gottes in den Dienst genommen werden. Elischa ist sofort dazu bereit, möchte sich aber noch von Vater und Mutter verabschieden – ähnlich wie die beiden Männer im Evangelium. Was diesen aber verwehrt wurde, gesteht Elija dem Elischa zu! Ist nun Elija einfach etwas freundlicher und entgegenkommender als Jesus? Ich zweifle, dass Jesus bzw. der Evangelist Lukas dies damit sagen wollte. Die eigentliche Aussageabsicht scheint mir eine ganz andere zu sein. Hier wird gesagt: Jesus ist mehr als Elija. Es geht in den harten Forderungen Jesu im heutigen Evangelium also nicht in erster Linie um irgendwelche Nachfolgebedingungen, sondern um Jesus selbst, der mehr ist als Elija und damit mehr als ein Prophet. Jesus steht nicht nur im Dienst des Reiches Gottes; Er selbst repräsentiert dieses Reich; mehr noch: Jesus ist in gewissem Sinne selbst dieses Reich.

Wie steht es nun aber um das Reich Gottes in unserer Welt? Antwort: Es wird abgelehnt. Und auch dies kommt im heutigen Evangeliumsabschnitt zum Ausdruck: In Samarien findet Jesus keine Unterkunft; man nimmt ihn nicht auf. Vordergründig liegt der Grund darin, weil Jesus sich auf dem Weg nach Jerusalem als Jude zu erkennen gibt. Diese stehen mit den Samaritanern in einem gespannten Verhältnis. Hintergründig geht es aber um mehr: Denn in Jerusalem wird Jesus auch vom jüdischen Volk abgelehnt werden, und man kann sich fragen, ob der Beginn des heutigen Evangeliumsabschnitts nicht auch als leiser Hinweis auf die Erhöhung Jesu am Kreuz gedeutet werden kann, wenn es zu Beginn hiess: «Als die Tage sich erfüllten, da er [Jesus] hinweggenommen werden sollte» bzw., wie man eben auch übersetzen kann: da Jesus erhöht werden sollte. Dies jedenfalls würde die Ablehnung Jesu und damit eben auch die Ablehnung des Reiches Gottes nur umso stärker unterstreichen. Entsprechend dann Jesu Wort: «Der Menschensohn hat keinen Ort, keinen Raum, keinen Platz in dieser Welt. Die Ablehnung des Reiches Gottes von Seiten des Menschen ist eine gravierende Sache. Im Prinzip droht dem Menschen tatsächlich die Vernichtung, wie sie von den Jüngern Jakobus und Johannes, den «Donnerssöhnen», angedroht wird: «Herr, sollen wir sagen, dass Feuer vom Himmel fällt und sie verzehrt?» Wir Menschen können als Menschen dieser von Gott geschaffenen Welt nicht wählen, ob wir zum Reich Gottes gehören wollen oder nicht. Eher müsste man sagen: Wir werden erst eigentlich zu Menschen im vollen Sinne, im Masse das Reich Gottes in uns, durch uns und um uns lebendig wird. Nur im Reich Gottes kann der Mensch erst wirklich und eigentlich leben. Auf die Vernichtungsdrohung der beiden Jünger reagiert Jesus mit einer offensichtlich deutlichen Zurechtweisung. Jesus will nicht die Vernichtung des Menschen, sondern dass er lebt! Eben deshalb hat die Verkündigung des Reiches Gottes, das in Ihm und durch Ihn volle Wirklichkeit ist, oberste Priorität, dem nichts, aber auch gar nichts höhergestellt werden darf – nicht einmal Liebeswerke! Das ist ja das eigentlich Bemerkenswerte und zunächst Verstörende: Jesus untersagt den beiden Männern, die ihm nachfolgen wollen, Liebeswerke zu tun. Dass man Tote begräbt zählt nach unserer katholischen Tradition bis heute zu den Werken der Barmherzigkeit.

Vater und Mutter zu ehren ist eines der Zehn Gebote, die kein geringerer als Gott selbst dem Menschen zur Aufgabe gegeben hat. Zentrale Gebote, zentrale Werke der Liebe zu unterlassen, um jemandem nachzufolgen: Um Himmels Willen, wer kann einen solchen Anspruch stellen; solches fordern, wenn nicht Der, der das Gebot selbst gegeben hat!? Auch hier zeigt sich wieder: Jesus ist mehr als Elija. Hier erscheint uns der Geber der Liebesgebote als dieser Mensch Jesus. Das aber heisst: Neben Ihm, ausserhalb von Ihm oder alternativ zu Ihm hat nichts Bestand; auch keine Liebeswerke, und seien sie noch so gut gemeint. Alles bleibt irgendwie tot: «Lass die Toten die Toten begraben.» Anders gesagt: Werke der Liebe sind geradezu Ausdruck des Reiches Gottes. Mit wohl einiger Berechtigung dürfen wir das Reich Gottes als ein «reines Umsonst des Geliebtseins» umschreiben, wofür niemand etwas tun; was niemand verdienen, niemand sich erwerben kann. Dieses «Umsonst des Geliebtseins» ist Fundament unserer menschlichen Existenz – und zwar nicht nur der individuellen, sondern und vor allem unserer gemeinsamen menschlichen Existenz. Und doch: Das, worauf unsere Existenz ruht und wonach wir uns zutiefst sehnen – gerade das lehnen wir auch immer wieder ab. Dieses Paradox durchzieht und zeichnet unser Menschenleben in dieser Welt – so lange, bis wir die Demut haben, das «Umsonst des Geliebtseins» in einem Akt der Grossmut anzunehmen. Diese Demut und die daraus sich ergebende Grossmut, Christus nichts vorzuziehen; in Ihm nach der ganzen Fülle des Lebens zu verlangen, wird zeigen, ob wir verstanden; öb de Zwänzger abe, der Groschen gefallen ist. Amen.