P. Philipp zum Hochfest Christi Himmelfahrt

26.05.2022

Liebe Schwestern und Brüder

Die Schriftlesungen des heutigen Gottesdienstes stammen beide aus der Feder des Evangelisten Lukas. Gerade eben hat uns Pater Justinus den Schluss des Lukasevangeliums verkündet und Frater Klemens hat kurz davor in der Lesung den Beginn der ebenfalls von Lukas verfassten Apostelgeschichte vorgetragen. Wir haben also gleich zweimal die Erzählung der Himmelfahrt Jesu gehört – aus der Feder ein und desselben Autors. Haben Sie die vielen kleinen Unterschiede bemerkt?

Falls nicht, kann ich Sie beruhigen: Die Kirche macht es uns auch nicht ganz leicht, denn die beiden Textabschnitte aus dem 24. Kapitel des Lukasevangeliums und aus dem 1. Kapitel der Apostelgeschichte sind aus ihrem Kontext herausgelöst worden und dieser muss bei einem kritischen Vergleich berücksichtigt werden.

Dies betrifft insbesondere den Zeitpunkt des Geschehens. In der Apostelgeschichte datiert Lukas das Geschehen der Himmelfahrt Jesu vierzig Tage nach der Auferstehung – genau so, wie wir dies in der Liturgie heute, 40 Tage nach Ostern, auch feiern. Im Evangeliumstext hingegen scheint das Ereignis der Himmelfahrt Jesu am Ostertag selbst stattzufinden!

Ein zweiter wichtiger Unterschied betrifft den Ort des Geschehens. In der Apostelgeschichte findet die Himmelfahrt auf dem Ölberg statt. Dieser geografische Hinweis wurde in der eben gehörten Lesung unterschlagen, um den Schrifttext nicht noch länger zu machen. Im nicht gelesenen Vers 12 heisst es: «Dann kehrten sie von dem Berg, der Ölberg genannt wird und nur einen Sabbatweg von Jerusalem entfernt ist, nach Jerusalem zurück» (Apg 1,12). Im Lukasevangelium findet die Himmelfahrt in der Nähe von Betanien statt (vgl. Lk 24,50).

Ein weiterer Unterschied zwischen den beiden Erzählungen sind die Zeugen der Himmelfahrt Jesu: In der Apostelgeschichte sind es die elf Apostel, im Evangelium ist es die Jüngerschar, welche neben den Aposteln zusätzliche Männer und Frauen umfasste.

Und zu guter Letzt: In der Apostelgeschichte erinnern die «zwei Männer in weissen Gewändern» (Apg 1,10) an die Engel beim leeren Grab am Ostermorgen, während im Lukasevangelium von keinen himmlischen Begleitern des Himmelfahrtsgeschehens die Rede ist.

Soweit also die kurze Gegenüberstellung der Unterschiede zwischen den beiden Schrifttexten, welche den Ort, die Zeit und die Zeugen des Geschehens betreffen.

Liebe Schwestern und Brüder, ist es nicht interessant, dass der gleiche Autor zwei derart unterschiedliche Versionen ein und desselben Geschehens bietet? Offenbar verfolgte Lukas nicht das Ziel, einen historischen Bericht zu liefern. Vielmehr ging es ihm um eine theologische Deutung des Geschehens mit unterschiedlichen Nuancen. Dabei ist auffällig, dass er neben der Tatsache, dass Jesus in den Himmel aufgenommen worden ist, eine weitere Parallele herstellt: die Zeugenschaft der Jünger, resp. der Apostel. Einmal sagt Jesus: «Ihr werdet meine Zeugen sein in Jerusalem und in ganz Judäa und Samarien und bis an die Grenzen der Erde» (Apg 1,8) und ein andermal: «Angefangen in Jerusalem, seid ihr Zeugen dafür» (Lk 24,48).

In beiden Fällen gebraucht der Evangelist Lukas im griechischen Originaltext dafür das Wort: μάρτυρες (mártyres). Dieses erinnert uns an den Begriff «Märtyrer», welchen wir für Frauen und Männer benutzen, die für ihren Glauben an Jesus Christus Leiden und Tod auf sich nehmen. Hier, im griechischen Urtext, handelt es sich aber noch um den ursprünglichen Wortsinn, nämlich den des Zeugen, der vom Duden als Person definiert wird, «die bei einem Ereignis, Vorfall o. Ä. zugegen war [und] darüber aus eigener Anschauung oder Erfahrung etwas sagen kann».

Die Jüngerinnen und Apostel Jesu werden vom auferstandenen und nun in die Herrlichkeit Gottes aufgenommenen Herrn in Dienst genommen, indem sie sein Evangelium und vor allem auch ihre eigenen, mit ihm gemachten Erfahrungen vor der Welt bezeugen sollen. Dass dieses Zeugnis auch heute noch existenzielle Konsequenzen haben kann, zeigt die Tatsache, dass aktuell rund 260 Millionen Christen einem hohen bis extremen Mass von Verfolgung ausgesetzt sind.

Doch Zeuginnen und Zeugen im Sinne der beiden heute gehörten Schrifttexte sind wir alle, auch wenn wir mit unserem Glauben nicht Tod oder Verfolgung riskieren.

Jesus vertraut bei seiner Himmelfahrt sein Werk der Kirche an, die dieses weiterführen soll. Das Zeugnis gehört deshalb – neben der Liturgie und der Diakonie – zu den drei Grundvollzügen der Kirche und wird dabei sogar an erster Stelle genannt. Zur Befähigung dazu sendet der Herr den Heiligen Geist, der als «Lebensatem der Kirche» Generationen von Christen durch die Zeit begleiten wird bis zur Wiederkunft des Herrn.

Liebe Schwestern und Brüder, das Hochfest Christi Himmelfahrt ist kein Fest zum Verweilen und zum Schwelgen. Der Auftrag Jesu nimmt die Jünger – und er nimmt auch uns – in die Pflicht! Wie die Apostel nach der Himmelfahrt Jesu nach Jerusalem zurückkehrten, so sind auch wir aufgerufen, in unseren Alltag zurückzukehren und den auferstandenen und verherrlichten Herrn dort zu bezeugen. Wir tun dies am besten wie die Märtyrer in der Geschichte der Kirche, indem wir Jesus bezeugen mit unserem eigenen Leben. Heute wie damals gilt als Kriterium für den glaubwürdigen Zeugen, die glaubwürdige Zeugin das Wort Jesu: «Daran werden alle erkennen, dass ihr meine Jünger seid: wenn ihr einander liebt» (Joh 13,35). Amen.