P. Alois Kurmann am Sechsten Sonntag in der Osterzeit

22.05.2022

«Der Heilige Geist und wir haben beschlossen»: Dieser Satz aus der Lesung tönt recht selbstbewusst. Und diese Aussage ist nicht etwa ein Kurzschlussurteil einer kirchlichen Behörde, die unsicher ist und darum ihre Entscheidung mit einem frommen Spruch garniert, um weitere Diskussionen abzublocken. Ganz im Gegenteil!

Die Lesung aus der Apostelgeschichte, in der diese Aussage steht, erzählt von einem Ernstfall in der frühesten Zeit unserer Glaubensgeschichte. Die Christen in Jerusalem waren von einem Problem bedrängt, das uns heute kaum mehr verständlich ist. Es ging um Folgendes: Jesus war ein Jude, trug das grosse Zeichen der Zugehörigkeit zum Judentum, nämlich die Beschneidung, glaubte und lebte als Jude. Er hob sich in einigen Punkten von der zeitgenössischen Art, den jüdischen Glauben zu leben, ab: er zeigte nämlich in einigen wichtigen Handlungen und in Gleichnissen auf, dass viele seiner Glaubensgenossen den Wert zu sehr auf die äussere Praxis des Glaubens legten, statt auf das Zentrum, nämlich auf das Vertrauen auf den grenzenlos und bedingungslos liebenden Gott und auf die Nächstenliebe. Viele Christen in Jerusalem, die zum Glauben an Jesus Christus gekommen waren, meinten aber, alle, die Christen werden, müssten zuerst auch den jüdischen Glauben annehmen, müssten vor allem das wichtigste Kennzeichen eines Juden bekommen, eben sich beschneiden lassen. Das führte, wie die heutige Lesung sagt, zu grosser Aufregung und heftigen Auseinandersetzungen zwischen den Christen in Jerusalem und Paulus, der der Überzeugung war, dass Griechen oder Römer, die also nicht die jüdische Religion hatten, Christen werden können, ohne sich zuerst zum Judentum bekehren zu müssen. Wie die Sache ausgeht, haben wir gehört: in einer Versammlung setzte sich Paulus durch. Bei einer anderen Auseinandersetzung um die gleiche Frage nimmt Petrus Stellung und erzählt eine Erfahrung, die er gemacht hat. Er sagt, er selber habe einem Römer und seiner Familie, also Nichtjuden, von Jesus Christus erzählt und plötzlich sei der Heilige Geist über alle diese Menschen gekommen; er habe darum diese Menschen sofort getauft, ohne dass sie vorher beschnitten werden mussten. Und er zieht die grosse Erkenntnis daraus: Gott „machte keinen Unterschied zwischen uns und ihren, denn er hat ihre Herzen durch den Glauben gereinigt“. Wir sehen: Petrus erinnert an eine Erfahrung, die er gemacht hat; diese Erfahrung ist ein aktives Geschehen, löst in den Zuhörenden eine positive Reaktion aus, und die wichtige Erkenntnis ist, dass man Christ werden kann, ohne vorher die jüdischen Glaubenspraxis annehmen zu müssen. Die Formulierung, die in der heutigen Lesung als Entscheidung des diskutierten Problems gegeben wird, ist grossartig: „der Heilige Geist und wir haben beschlossen“, dass es so richtig ist. Und unmittelbare Folge dieser Entscheidung ist, dass nun Paulus und nach ihm alle Missionare Menschen aller Religionen Jesus Christus verkünden und sie in die christliche Glaubensgemeinschaft aufnehmen.

Hören wir nun noch auf das Evangelium! Johannes lässt Jesus nach dem letzten Abendmahl eine wichtige Rede halten über das, was für uns Christen nach dem Tod und der Auferstehung Jesu grundlegend ist. Eine der Aussagen, die wir heute gehört haben, lautet: „Der Beistand, der Heilige Geist, den der Vater in seinem Namen senden wird, der wird auch alles lehren und euch an alles erinnern, was ich euch gesagt habe.“ Haben Sie gehört: Der Heilige Geist wird uns an alles erinnern, was Jesus gesagt hat. Wir Christen leben von der Erinnerung an Jesus Christus, von der Erinnerung daran, wie er gelebt hat, wie er mit den Menschen umging, was er gesagt hat. Und weil wir Menschen vergesslich sind und uns nur an das erinnern, was wir wollen, wird der Heilige Geist dafür sorgen, dass wir nicht Wichtiges vergessen. Die christliche Gemeinde ist eine Erinnerungsgemeinschaft, hat ein Theologe treffend formuliert.

Ich möchte darum mit Freude und grosser Dankbarkeit noch an das 2. Vatikanische Konzil erinnern, das uns vor 60 Jahren auf ganz neue Art geholfen hat, die Erinnerung an Jesus Christus neu wach werden zu lassen. Es hat uns in Erinnerung gerufen, dass Christ / Christin sein, zur christlichen Kirche zu gehören, eine persönliche Entscheidung ist.- Dass Sie heute hier sind, liebe Schwestern und Brüder, ist Ihre persönliche Entscheidung. Niemand kontrolliert mehr wie früher, ob Sie zur Kirche gehen, ob Sie glauben oder nicht glauben. Sie nehmen am Gemeinschaftsleben der Kirche teil, weil Sie überzeugt sind, dass Jesus Christus und die Gemeinschaft der Kirche für Sie wichtig ist, weil die Erinnerung an ihn, die der Heilige Geist wachhält, Sie verändern und Ihnen helfen kann, aus tiefem Vertrauen auf Gott zu leben und in dieser Liebe den Mitmenschen zu begegnen. Die Erinnerung an Jesus Christus ist eine geheimnisvolle Macht, und kann uns wirklich verändern. Das sagt das heutige Evangelium in unübertrefflicher Weise. Es lässt Jesus sagen: «Wenn jemand mich liebt, wird er mein Wort halten; mein Vater wird ihn lieben und wir werden zu ihm kommen und bei ihm Wohnung nehmen.» Liebe ist eine vielfältige Wirklichkeit: sie kann ein inniges, schönes Gefühl sein, Vertrauen, Zutrauen, Freude, Hingebung, Verbindung mit dem Geliebten in Freude und Trauer, in Schmerz und Verlassenheit. In allen diese Empfindungen kann sich meine Liebe zu Christus ausdrücken. Wenn wir glaubend und hoffend so mit ihm verbunden sind, erinnern wir uns an ihn, sind von seiner Liebe getragen und bekommen die Kraft, auch schwere Situationen und Erfahrungen zu bestehen. Darum, so möchte ich sagen, haben der Heilige Geist und die erste christliche Gemeinde in Jerusalem beschlossen, uns keine weitere Last aufzuerlegen als uns darauf zu verpflichten, uns bei allen Entscheidungen an Jesus Christus zu erinnern.