P. Pascal Meyerhans zum Fünften Fastensonntag

03.04.2022

Primarschule 1954. Religionsunterricht. In meiner Klasse gab es ein paar wenige, die die Kirche schwänzten. In der grossen Kirche hatte jeder seinen Platz für die Christenlehre. Die ganze Kirche war voller Schüler, alle Klassen. Bei jeder Bankreihe war ein Täfelchen mit den Namen, die zu dieser Bank gehörten. Der Äusserste der Bankreihe, das war gleichsam ein Ehrenamt, hatte die Kontrolle zu führen über die, die fehlten. Am Täfelchen war bei jedem Namen ein Loch. Mit einem Bändel musste er diejenigen im betreffenden Loch markieren, die nicht im Gottesdienst waren. Fehlende waren gewöhnlich nur wenige, immer die gleichen. Bei denen schauten die Eltern wohl zu wenig zum Rechten.

Die nachfolgende Besprechung wegen des Fehlens erfolgte dann im Religionsunterricht. Wo warst du? Warum bist du nicht in die Christenlehre gekommen? Man wusste mit der Zeit aus Erfahrung, wer nicht dabei war.

Einer, der immer fehlte, hatte einmal vor der ganzen Klasse hinzuknien und die Arme auszubreiten. – Stellen Sie sich das vor –  Der hat natürlich gelacht, aber nur eine Zeitlang. Der Kaplan hat mit einem Bambusstecklein gewacht, dass er den Arm nicht zurückzog und zwar solange, bis er nicht mehr konnte und vor der ganzen Klasse weinte. Unvorstellbar so etwas: eine solche Erniedrigung! Purer Sadismus. Leider hatten wir andern damals noch das Gefühl, es passiere etwas Rechtes, es geschehe dem genauso, wie er es verdiente. Heute würde jedermann den Kopf schütteln, sogar Klage einreichen. Und wir waren damals die, die in Gedanken mit dem höhnenden Finger auf ihn zeigten und lachten. Und das geschah im Religionsunterricht. Wenn ich heute daran denke, mir wird fast schlecht.

Vorhin haben wir die Worte Jesu gehört: wer von euch ohne Sünde ist, werfe den ersten Stein. Wir (ich) war der, der den ersten Stein geworfen hat. Heute schäme ich mich in Grund und Boden dafür. Der Mitschüler, der vorne kniete, konnte ja nichts dafür. Er kam aus ungeordneten Verhältnissen. Dieser Bub – abgestempelt , verachtet – tut mir heute noch leid oder immer mehr leid. Was ist aus ihm geworden? Ich weiss es nicht.

Wenn so einer der Kirche für immer den Rücken zukehrt, verstehe ich das voll. Ich bin überzeugt: Auch Jesus würde das verstehen. Das ist aber ein Beispiel, wie es immer wieder vorkommt.

Darf ich mit Ihnen einen kleinen Anschauungsunterricht machen? Strecken Sie einmal Ihren Zeigefinger aus mit gestrecktem Arm, dann machen Sie die Entdeckung, dass der Zeigefinger nach vorne schaut auf den angezeigten Punkt und drei andere Finger Ihrer Hand zurück zu Ihnen. Bei wem ist das Problem, bei jenem, auf den ich zeige, oder bei mir? Bei Gott bin gewiss «ich» das Problem, jener mit dem ausgestreckten Finger.

Das Evangelium von heute ist sonnenklar. Ich muss es Ihnen nicht weiter erklären. Vielleicht fragen Sie sich, auf welcher Seite stehe ich? Ich würde sagen: auf beiden. Einmal bin ich der Bessere, der Mehrbessere, der sich besser vorkommt, ist gleich in welcher Angelegenheit, ein anderes Mal bin ich der Ausgesetzte, der Aussätzige, auf den gezeigt wird. Davon sind wir auch im Kloster nicht verschont: das schwarze Schaf und die selbstgerechten Korrekten gibt es überall. Anderseits kann man sich selber auch leicht in die Rolle des schwarzen Schafes manövrieren, wenn das Selbstmitleid überhandnimmt. Für uns gilt eines: Jesus wäre bestimmt immer auf der Seite des Schwächeren, sicher bei jenem, der verachtet wird.