P. Mauritius Honegger zum Palmsonntag

10.04.2022

Liebe Mitchristen,

Soeben haben wir die Lukaspassion gehört, die Leidensgeschichte Jesu in der Version des Evangelisten Lukas. Alle vier Evangelien enthalten eine Passionserzählung. Die Johannespassion wird jedes Jahr am Karfreitag gelesen. Die Passionserzählungen der drei anderen Evangelien wechseln sich in einem Dreijahreszyklus ab, sodass wir die Lukaspassion nur alle drei Jahre hören.

Ursprünglich dürfte die Passionserzählung in der Jerusalemer Urgemeinde entstanden sein. Diese bibelwissenschaftliche Hypothese leuchtet ein. Die Jünger Jesu wollten sich an die Ereignisse erinnern, die bei der Hinrichtung ihres Herrn geschehen sind. Es ist denkbar, dass sich in der Jüngergemeinde schon bald nach seinem Tod ein Erinnerungsritual entwickelt hat. Vermutlich wurde es alljährlich an seinem Todestag, am jüdischen Pessachfest, begangen.

Aus dem mündlichen Bericht der Augenzeugen ist mit der Zeit ein bewusst gestalteter schriftlicher Text entstanden. Beim genaueren Betrachten merkt man, dass es sich um eine schriftgelehrte Arbeit handelt. Das heisst, der Verfasser der Passionserzählung war jemand, der sich mit den jüdischen heiligen Schriften, unserem Alten Testament, auskannte. Das sieht man vor allem daran, dass er Zitate aus dem Alten Testament kunstvoll in den Text eingearbeitet hat.

Er hat dabei vor allem auf die literarische Gattung der Klagelieder zurückgegriffen. Solche Klagelieder kommen an verschiedenen Stellen des Alten Testaments vor, aber in besonders dichter Weise im Buch der Psalmen. Und so sind es vor allem Verse aus diesen Klagepsalmen, die im Verlauf der Passionserzählung immer wieder anklingen.

Die Klagepsalmen sind an Gott gerichtete Gebete einer Person, die sich in einer Notlage befindet. Die Person schildert darin ihre Gefühle, ihre Hilflosigkeit und Angst angesichts einer schwierigen Situation, einer Krankheit oder einer anderen Bedrohung, manchmal sogar in Lebensgefahr. In dieser ausweglosen Lage wendet sich der Beter an Gott, als den einzigen, von dem er jetzt noch Rettung erwarten kann.

Der Verfasser der Passionserzählung erkannte die Ähnlichkeit zwischen dem Schicksal Jesu und diesen Klagepsalmen und hat sie sozusagen als Vorlage für die Passionserzählung benutzt, die er schreiben wollte.

Jeder Evangelist hat dann noch seine eigenen Akzente gesetzt. Aber weil die Passionserzählungen sehr lange Texte sind, kann man in einer Predigt nicht auf alles eingehen. Ich beschränke mich deshalb auf einen Vers, der eine besondere Akzentsetzung des Evangelisten Lukas zeigt.

Bevor Jesus am Kreuz stirbt, ruft er mit lauter Stimme: «Vater, in deine Hände lege ich meinen Geist» (Lk 23,46). Es ist sehr auffällig, dass die letzten Worte Jesu bei Lukas anders sind als bei den übrigen Evangelisten. Bei Markus und Matthäus heissen die letzten Worte Jesu «Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?». Diesen Ausspruch überliefern sie gleich mehrsprachig, nämlich aramäisch, hebräisch und griechisch.

Man kann sich fragen, warum Lukas diesen Vers wohl ausgetauscht hat. Später in der Apostelgeschichte wird Lukas von der Pfingstpredigt des Petrus berichten, in der dieser sagen wird: «Gott hat Jesus nicht der Unterwelt überlassen» (Apg 2,31). Es ist dasselbe griechische Verb, das hier gebraucht wird, und vielleicht hat Lukas dann gemerkt, dass es irgendwie widersprüchlich werden würde, wenn er einmal sagt: «warum hast du mich verlassen», und das andere Mal: «er hat ihn nicht überlassen».

Aber das erklärt erst, warum Lukas die letzten Worte Jesu nicht einfach stehen lassen wollte. Es erklärt noch nicht, warum er als Ersatz ausgerechnet den Psalmvers «in deine Hände lege ich mein Leben» gewählt hat. Er hätte es auch wie Johannes machen können, bei dem Jesus einfach sagt: «Es ist vollbracht» (Joh 19,30).

Wir haben dieser Wahl des Evangelisten Lukas viel zu verdanken. Denn ausgehend von der prominenten Stellung als letzte Worte Jesu im Lukasevangelium hat dieser Psalmvers in der Liturgie der katholischen Kirche einen Siegeszug angetreten, sodass er nun überall auf der Welt täglich gebetet wird – auch hier bei uns im Kloster Einsiedeln.

«Herr, auf dich vertraue ich, in deine Hände lege ich mein Leben». Jeden Abend schliessen wir unser Tagewerk mit diesem Gebet ab. Jeden Abend repetieren wir die letzten Worte Jesu am Kreuz.

«Vater, in deine Hände lege ich meinen Geist». Dieser Psalmvers ist eine besondere Akzentsetzung des Evangelisten Lukas. Dante Alighieri hat Lukas den «scriba mansuetudinis Chrsiti» genannt, den Beschreiber von Christi Sanftmütigkeit. Und tatsächlich ist es ein sanftmütigeres, ein milderes Wort als das verzweifelte «warum hast du mich verlassen» von Markus und Matthäus.

«Vater, in deine Hände lege ich meinen Geist». Dieses sanftmütige Wort Jesu ist ein Ausdruck des Vertrauens. Kurz vorher bittet der eine der mitgekreuzigten Verbrecher: «Jesus, denk an mich, wenn du in dein Reich kommst». Und Jesus antwortet ihm: «Amen, ich sage dir: heute noch wirst du mit mir im Paradies sein» (Lk 23,42-43).

Jesus eröffnet seinem Schicksalsgenossen auf dem Golgotha-Hügel eine Hoffnungsperspektive: «Du wirst mit mir im Paradies sein». Auch Jesus wird also im Paradies sein. Wer das sagt, hat Vertrauen. Wer das sagt, kann sein Leben in die Hände des Vaters übergeben. Wer das sagt, glaubt, dass nach dem Karfreitag der Ostersonntag kommt.

Amen.