Abt Urban in der Osternacht

16.04.2022

Nein, die beiden Männer in den leuchtenden Gewändern sagen zu den Frauen nicht: Grüezi! Und nein, von Engeln steht im heutigen Evangelium nichts, es sind leuchtende Menschen mit einer speziellen Frage an die Frauen, die den toten Jesus suchen: «Was sucht ihr den Lebenden bei den Toten?»

Liebe Schwestern und Brüder, ich begrüsse Euch auch nicht mit «Grüezi», obwohl dieser Gruss ursprünglich religiös ist und auseinandergenommen meint: «Gott grüez-i / Gott grüsse Euch». Gott will uns heute Nacht mehr als ansprechen. Er nimmt uns mit auf eine Reise der Befreiung, des Lebens und der Hoffnung. Begonnen haben wir den Lesungsteil mit der Erschaffung des Menschen. Nach seinem Bild hat Gott uns geschaffen. Er hat uns eine grosse Würde gegeben, aber auch eine Verantwortung: Wir sollen fruchtbar sein in allem, was wir tun, und uns um seine Schöpfung kümmern. Kaum haben wir diese Berufung bejaht, wurden wir in die Geschichte der Befreiung gestellt: in den Auszug des Volkes Israel aus Ägypten. Wir haben den Jubel aus der Lesung als Antwort darauf sogar zusammen gesungen: «Der Herr macht zunichte den Krieg.» Wenn wir diese Hoffnung im Moment nicht brauchen können! Ob wir ihr den Weg bereiten können? Und dann hat Gott uns auf der Reise auch gesagt, wo er vor allem gegenwärtig ist: in unserem Inneren. Beim Propheten Ezechiel heisst es: «Ich gebe euch ein neues Herz und einen neuen Geist gebe ich in euer Inneres.»

Der Abschluss dieser Reise in die Freiheit Gottes ist dann eher konfus: das Evangelium, in dem Christus gesucht und nicht gefunden wird, wo das Grab leer ist und der letzte Satz vom Apostel Petrus gerade einmal sagen kann, dass dieser «voll Verwunderung» war. Also kein Finale mit Trompeten und Fanfaren! Eher wie die Osterkerze: das Aufleuchten der Hoffnung im Dunkeln dieser Zeit. Meine Lieben, die Lesungen zeigen einen Weg der Berufung und der Freiheit des Menschen in Gott, aber auch der Hoffnung. Es ist nun nicht alles plötzlich verständlich an Ostern, aber es brennt da eine grosse Hoffnung in den Frauen und Männern, die Jesus folgen. Darum wird in der Ostkirche – und in diese Kirche schauen wir im Moment viel über den Krieg in der Ukraine – an Ostern nicht «Grüezi» oder ähnliches zueinander gesagt. Vielmehr sagt die eine zum anderen: «Christus ist auferstanden!» Und die angesprochene Person bestätigt diese Hoffnung: «Er ist wahrhaft auferstanden!»

Wo finden wir das Ziel von Ostern? Suchen wir nicht den Lebendigen bei den Toten, verschieben wir die Auferstehung nicht auf die Zeit nach unserem biologischen Tod. Die Reise der heutigen Lesungen führt geradewegs zu den Menschen der Auferstehung, zur Hoffnung jener, die an Gott glauben. Und über diese sagte der hl. Paulus in der Lesung: «Wir wurden ja mit ihm begraben durch die Taufe auf den Tod, damit auch wir, so wie Christus durch die Herrlichkeit des Vaters von den Toten auferweckt wurde, in der Wirklichkeit des neuen Lebens wandeln.» Die Taufe ist das Ziel unserer Reise. Sie ist mehr als ein Segen. Die Taufe ist das Eintauchen in einer neuen Wirklichkeit, die unser Leben bestimmen soll. Darum erhält Milena Meister in diesem Gottesdienst während ihrer Taufe ein weisses Gewand: Sie soll Christus als neues Gewand anziehen und aus ihm leben. Sie soll aus der Hoffnung leben dürfen: «Christus ist auferstanden, er ist wahrhaft auferstanden!» Die österliche Befreiung geschieht nicht irgendwo in Jerusalem, sondern in uns und an uns. ‘Milena’ heisst übersetzt «freundlich, gütig, lieb». Milena darf heute als strahlender Mensch die Liebe Gottes in unserer Welt zeigen. Und ihr zweiter Name ‘Valérie’ heisst «die Starke» und erzählt uns von der befreienden Kraft Gottes, der uns nicht aus der Sklaverei in Ägypten führt, sondern weg von dem, was unsere Berufung verdunkelt, hin zur Freiheit der Gebote in Christus.

Liebe Milena, was ich mit komplizierten Worten gesagt habe, hast Du mir mit einem Geschenk viel einfacher gezeigt: ein Osterhase, der für die Osterhoffnung steht. Er hat in seinen Händen einen Osterhasen, der wieder einen Osterhasen in seinen Händen hat, und der wieder einen Hasen. Und Du hast mir gesagt, so gehe das weiter. Die Osterreise geht nach der Taufe weiter, bis sie unser Innerstes erreicht hat: Gott gibt Dir Milena ein Herz und einen Geist voll Hoffnung, damit Du diese in Deinem Leben leben und in diese Welt bringen kannst. Christus ist auferstanden! Er ist wahrhaft auferstanden!