Abt Urban anlässlich der nationalen Gedenkfeier 2022

11.04.2022

Im Rahmen der nationalen Gedenkfeier für die Opfer der COVID-Pandemie und des Ukraine-Kriegs hielt Abt Urban folgende Predigt:

Die Covid-Krise und der Krieg in der Ukraine – sie betreffen uns gleichermassen. Es geht in beiden Fällen um Verlust, Einsamkeit, Tod und Versöhnung. Viele Menschen konnten sich während der Pandemie nicht von ihren Liebsten verabschieden, viele Menschen erlebten in der Isolation grösste Einsamkeit, auch im Sterben.

Die meisten Flüchtenden aus der Ukraine sind ebenfalls getrennt von ihren Familien, haben traumatische Erlebnisse mitgenommen und beklagen Tod und Verlust. Auch russische Soldaten wissen oft nicht, was sie bei diesem Krieg in der Ukraine erwartet. So erhält auch im Fall des Ukraine-Kriegs die Erkenntnis ihre Bestätigung: Krieg hat noch nie eine Lösung gebracht! Krieg ist immer eine Niederlage der Menschheit! Und «jede Kriegshandlung, die auf die Vernichtung ganzer Städte oder weiter Gebiete und ihrer Bevölkerung unterschiedslos abstellt, ist ein Verbrechen gegen Gott und gegen den Menschen, das fest und entschieden zu verwerfen ist», wie das Zweite Vatikanische Konzil sagt (Gaudium et Spes 80,4).

Als ein Mensch, der mit sich nicht in Frieden ist, wird im heutigen Evangelium Judas Iskariot dargestellt. Was er sagt, tönt gut, aber seine Rede vom Einsatz für die Armen kommt nicht aus einem versöhnten Herzen. Und Versöhnung ist eine Voraussetzung für Frieden. Voll Verachtung schaut er auf Maria, die Schwester der Martha, die in seinen Augen teures Öl verschwendet. Neid, Misstrauen, Stolz und Gekränkt-Sein: das sind Bedingungen für Hass und Krieg. Jesus wird auch darum gekreuzigt werden.

Maria von Bethanien hingegen sucht bei Jesus Versöhnung. Sie lernt bei ihm die Haltung des selbstlosen Gebens. Gegen alle gängige Vernunft verschwendet sie kostbares Nardenöl in spontaner Liebe zu Christus – immerhin verwendet sie Öl im Wert von zehn damals durchschnittlichen Monatslöhnen. Wer bei Gott ein solch versöhntes Herz findet, ist auch offen für die Mitmenschen in Not. Das wollen auch wir hier in diesem Gottesdienst erfahren und lernen. Auch wir sind aufgefordert, wie Christus und aus Christus zu handeln.

Viel wurde während des Höhepunkts der Pandemie von einer Spaltung unserer Gesellschaft gesprochen. Die Forderung wurde laut: Es braucht eine neue Welle der Solidarität. Ausgerechnet durch die Menschen auf der Flucht hat die Distanz und Kälte vieler einsamer Sterbestunden und Todeskämpfe der Covid-Pandemie nun ein Gegenwicht gefunden. Ganz konkret gibt es in unserer Gesellschaft jetzt Erfahrungen von Nähe und Anteilnahme. Manch unserer Ängste und Lebensgewohnheiten werden im Moment relativiert durch die Erfahrung von Gewalt, Tod und Flucht.

Die Handlung der Maria von Bethanien ist voller Zärtlichkeit. In Judas Iskariot begegnen wir einem kranken Herz, das sich verschliesst. Schlagen wir uns, gestärkt auch durch diesen Gottesdienst, noch bewusster auf die Seite menschlicher Solidarität, die sich in unserer Gesellschaft ja auch noch durchhalten muss. Wir haben in die heutige Welt eine Hoffnung einzubringen, die auf die Liebe und Hingabe von Jesus Christus gründet. Er hat gelebt, was der Prophet Jesaja in der Lesung verkündet hat: «Das geknickte Rohr zerbricht er nicht und den glimmenden Docht löscht er nicht aus; ja, er bringt wirklich das Recht.»