Abt Urban am Hohen Donnerstag

14.04.2022

Liebe Brüder und Schwestern

Was kann die Kirche tun, um lebendiger und noch mehr für die Menschen da zu sein? Es gibt Gläubige in der Kirche, für die ist klar: Die Gottesdienste müssen lebendiger sein, Menschen müssen diese froh und in Frieden verlassen können. Dann werden sich andere automatisch von dieser Freude anstecken lassen. Und es gibt Gläubige, die ebenso überzeugt sind, die Kirche müsse ihre diakonischen Dienste ausbauen: Je mehr sich die Kirche für andere einsetze, desto weniger drehe sie sich um sich selbst und sei so eine beglückende Heimat für andere Menschen.

Finden Sie nicht auch, dass beide Positionen etwas für sich haben? Das heutige Evangelium jedenfalls hat kein Interesse an einer solchen Unterscheidung der Positionen. Zu Beginn heisst «Es war vor dem Paschafest» … «Es fand ein Mahl statt». Alle kirchlich geschulten Hörerinnen und Hörer wissen bei diesen Worten: Jetzt geht es um das letzte Abendmahl Jesu mit seinen Jüngern. Vor allem haben wir kurz vorher in der Lesung das älteste Zeugnis zu diesem Mahl aus dem 1. Brief an die Gemeinde in Korinth gehört, was uns auf diese Mahl-Feier eingestimmt hat. Aber Johannes überrascht uns. Er erwähnt das Abendmahl an dieser Stelle des Evangeliums gar nicht, sondern erzählt von der Fusswaschung Jesu an seinen Jüngern, eine Arbeit, die normalerweise die Bediensteten, die Sklaven vornahmen. Und als er mit dieser Arbeit fertig war, sagte er: «Begreift ihr, was ich an euch getan habe? Ihr sagt zu mir Meister und Herr und ihr nennt mich mit Recht so; denn ich bin es. Wenn nun ich, der Herr und Meister, euch die Füsse gewaschen habe, dann müsst auch ihr einander die Füsse waschen. Ich habe euch ein Beispiel gegeben, damit auch ihr so handelt, wie ich an euch gehandelt habe.» Jesus betont hier nicht die Feier, sondern den Dienst am anderen Menschen, die Hingabe derjenigen, die wie Christus leben wollen. Er betont also den sozialen Charakter des Christentums, die Diakonie. Und wir werden in dieser Woche noch sehen, wie weit das Beispiel Jesu geht im Einsatz für andere: bis es weh tun, bis es ans Lebendige geht, bis zum Kreuz des Karfreitags.

Warum feiern wir denn die Fusswaschung im Gottesdienst und nicht viel eher draussen, wo die Probleme der Welt stattfinden? Das heutige Evangelium beginnt mit den Worten: «Jesus wusste, dass seine Stunde gekommen war, um aus dieser Welt zum Vater hinüberzugehen. Da er die Seinen liebte, die in der Welt waren, liebte er sie bis zur Vollendung.» Es geht bei der Fusswaschung nicht einfach um das Dienen, sondern um die Rückbindung an einen Gott, der liebt und darum dient. Wir lernen in jedem Gottesdienst erneut, uns von Christus lieben zu lassen, um selbst liebender zu werden. Wir nehmen im Brot der Eucharistie Gott nicht gleichsam als unseren «Privatbesitz» in unser Inneres auf. Wir nehmen mit diesem Brot die Hingabe eines liebenden Gottes in uns auf, der sich kreuzigen liess, der uns darin aber auch den Weg zum Leben, zur Auferstehung zeigt. Wir sollen in diesem Mahl Menschen der Auferstehung werden, bereit, anderen zu dienen, denn in ihnen kommt uns Christus entgegen. Es gibt für das Johannesevangelium eben keine Trennung zwischen Gottesdienst und Dienst an den anderen – beides gehört unweigerlich zusammen. Die Fusswaschung findet in der Feier des liebenden Gottes seine Quelle, seine Einbettung, um danach im Alltag wirksam zu werden.

Mit dieser Hoffnung, meine Lieben, die wir schöpfen dürfen aus diesem heiligen Mahl, in dem wir Tod und Auferstehung Christi feiern, Karfreitag und Ostern, wollen wir jetzt die Fusswaschung feiern – eine Fusswachwaschung, die etwas mit dem konkreten Leben ausserhalb des Gottesdienstes zu tun hat. Gewaschen werden nun die Füsse von Flüchtlingen aus der Ukraine sowie von denen, die den Flüchtlingen helfen, aus privater Initiative oder als Teil einer Behörde. Gemeinsam wollen wir bezeugen: Seien wir in dieser furchtbaren und trostlosen Situation Menschen der Auferstehung, die sich für Solidarität und den Dienst am anderen einsetzen. Bringen wir gemeinsam – Flüchtende und die, welche ihnen helfen – Trost und Versöhnung in unsere Welt. Oder wie wir während der Fusswaschung miteinander singen: Ubi caritas et amor, Deus ibi est – «Wo Liebe ist und Güte, da wohnt Gott».