P. Philipp Steiner zum Ersten Fastensonntag

06.03.2022

«Der einzige Weg, eine Versuchung loszuwerden, ist, ihr nachzugeben.» Dieses Zitat des irischen Autors Oscar Wilde (1854-1900) werden Sie, liebe Schwestern und Brüder, vielleicht schon einmal gehört und darüber geschmunzelt haben. Tatsächlich scheint dieser Ausspruch einiges vom Lebensgefühl dieses bekanntesten wie auch umstrittensten Schriftstellers des Viktorianischen Zeitalters wiederzugeben.

Von einem gänzlich anderen Umgang mit der Versuchung war im eben gehörten Evangelium (Lukas 4,1–13) die Rede, wo niemand anders als Jesus Christus selbst mit der Versuchung konfrontiert wird. Von einem Nachgeben Jesu kann dabei aber keine Rede sein, tritt er doch dem Versucher in einem bibelfundierten Duell entgegen und geht daraus als unbestrittener Sieger hervor.

Es ist tröstlich zu wissen, dass auch Jesus versucht worden ist – auch wenn er anders als Oscar Wilde und wohl auch jede und jeder von uns selbst – nicht mit den leidvollen Konsequenzen der Sünde fertigwerden musste. Jesus Christus, der ganz Gott und ganz Mensch ist, kennt unser Menschsein und dies selbst in die Höhen und Abgründe menschlicher Freiheit hinein. Im Hebräerbrief wird deshalb über ihn gesagt: «Wir haben ja nicht einen Hohepriester, der nicht mitfühlen könnte mit unseren Schwächen, sondern einen, der in allem wie wir versucht worden ist, aber nicht gesündigt hat» (Hebräer 4,15).

Die drei Versuchungen Jesu sind nicht nur unsere eigenen Versuchungen nach sofortiger Befriedigung unserer Bedürfnisse, nach Macht auf Kosten anderer und nach Unantastbarkeit. Sie stellen auch drei Versuchungen dar, Jesus und seine Sendung falsch zu verstehen. Ich möchte im Folgenden diesen Gedanken etwas genauer nachzeichnen.

Die erste Versuchung, mit welcher der Satan Jesus konfrontiert, ist die «schnelle Lösung». Jesus hat nach vierzigtägigem Fasten Hunger und der Teufel versucht ihn zu überreden, einen Stein in Brot zu verwandeln. Jesus hat kurze Zeit später im Laufe seines öffentlichen Wirkens zweimal Brot vermehrt und übertraf diese Wunder am Abend vor seinem Leiden, mit der Einsetzung der Eucharistie. Das Verwandeln von Stein in Brot wäre ein Leichtes für den Gottessohn gewesen, doch Jesus kontert mit einem Vers aus dem Buch Deuteronomium (8,3): «Der Mensch lebt nicht nur von Brot» (Lukas 4,4). Bei Matthäus wird dieser Vers ergänzt: «Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, sondern von jedem Wort, das aus Gottes Mund kommt» (Matthäus 4,4).

Jesus will damit zeigen, dass eine «schnelle Lösung» des Hunger-Problems nicht das ist, was dem Menschen, der auf Gott verwiesen ist, zutiefst entspricht. Wie oft sind auch wir versucht, Jesus um die «schnelle Lösung» zu bitten? Und wehe, sie kommt nicht wie bestellt! So wie Jesus das Eintreten in diese erste Versuchung verweigert und den Hunger erleidet, so braucht es auch in unserer Beziehung zu Jesus zweierlei: Geduld und Vertrauen.

Jesus schafft weder für sich noch für uns Menschen den Hunger aus der Welt. Er erleidet ihn bewusst, um zu zeigen, dass seine und unsere wahre Nahrung eine andere ist.

Die zweite Versuchung ist die Errichtung eines irdischen Reiches um den Preis der Huldigung Satans. Wenn wir auf die Geschehnisse der letzten Tage und Wochen schauen, dann ist die Gier nach Einfluss, Kontrolle und Macht omnipräsent. Auch die Kirche scheint vielen Zeitgenossen ein Unternehmen zu sein, das kläglich gescheitert ist. Mit seiner Antwort «Vor dem Herrn, deinem Gott, sollst du dich niederwerfen und ihm allein dienen» (Lukas 4,8) verweist Jesus auf die Transzendenz seines Reiches, das Gott allein die Ehre gibt.

Auch wir kennen die Versuchung, das Reich Gottes am falschen Ort zu suchen, in rein irdischen Kategorien zu denken und die Kirche, die zu diesem Reich pilgernd unterwegs ist, zu einem «weltlich Ding» zu machen. Doch Selbstoptimierung, Effizienzmaximierung und Kundenbindung sind nicht Kategorien, nach denen das Reich Gottes funktioniert, auch nicht die Kirche, die auf dieses verweist. Jesus will kein irdisches Reich – weder auf der politischen Karte noch durch ein vermeintliches «Top-Unternehmen Kirche» – er will Menschen, die Gott im Geist und in der Wahrheit anbeten (vgl. Johannes 4,24).

Die dritte Versuchung will ein Eingreifen Gottes erzwingen. Der Teufel geht hier besonders gewieft vor, denn er zitiert Verse aus dem einundneunzigsten Psalm, der zum täglichen Abendgebet eines frommen Juden gehört. Jesus antwortet darauf, indem er sich weigert, Gott auf die Probe zu stellen. Er erteilt dem billigen Wunder eine Absage, wenngleich dieses den Applaus dieser Welt auf sicher hätte. Jesus aber wählt den Weg über das Leiden und das Kreuz. Nicht im Tempel von Jerusalem, sondern auf der Schädelstätte ausserhalb der Stadtmauern soll sich die Liebe Gottes erweisen. Jesus rettet uns nicht durch ein spektakuläres Wunder vor den Augen dieser Welt, sondern durch seine Hingabe am Kreuz.

Wir Christinnen und Christen haben keinen einfachen Glauben, denn er setzt Vertrauen voraus, dass der von Jesus Christus gewählte Weg, gegen alle Logik Satans und der Welt, der richtige ist. Es ist der Weg eines Gottes, der – wie es im vorhin zitierten Hebräerbrief heisst – mit unseren Schwächen mitfühlen kann, weil er wie wir versucht worden ist (vgl. Hebräer 4,15). Diese Einsicht können wir erweitern durch den nachfolgenden Vers, der uns ermutigen will, die eben begonnene Fastenzeit gut zu nutzen: «Lasst uns also voll Zuversicht hinzutreten zum Thron der Gnade, damit wir Erbarmen und Gnade finden und so Hilfe erlangen zur rechten Zeit!» (Hebräer 4, 16).

Dank dieser Zuversicht auf einen barmherzigen und gnädigen Gott sind wir nicht dem ironischen und resignativen Ausspruch von Oscar Wilde unterworfen: «Der einzige Weg, eine Versuchung loszuwerden, ist, ihr nachzugeben.» Nein, als Christinnen und Christen dürfen wir hoffnungsvoll bekennen: «Der einzige Weg, eine Versuchung loszuwerden, ist, diese mit Jesus Christus durchzustehen». Amen.