P. Markus Steiner zum Vierten Fastensonntag (Laetare)

27.03.2022

Vielleicht ist auch Ihnen schon der Gedanke gekommen, irgendwo in einem versteckten Winkel des Herzens: Eigentlich hat der ältere Sohn schon recht. Er ist vom Vater weniger grosszügig behandelt worden. Das Fest, das da gefeiert wird, geht von seinem Erbteil ab. Vor allem muss er den Eindruck bekommen, der jüngere stehe dem Vater näher als er, grundlos. Ist das gerecht? Und wenn man begonnen hat, die Gleichnisse Jesu kritisch zu betrachten, so kommen einem gleich andere in den Sinn, die irgendwo nicht stimmig sind. Nehmen wir den Gutsbesitzer, der den Arbeitern, die eine Stunde gearbeitet haben, gleich viel gibt wie jenen, die den ganzen Tag an der Arbeit waren. Nicht nur, dass das ganz unrealistisch ist. Der Guts­besitzer würde am nächsten Tag keinen finden, der schon am Morgen in seinen Weinberg ginge. Vor allem auch hier: Ist das gerecht? Auch hier werden Menschen bevor­zugt, grund­los. Oder das Gleichnis vom Schaf, das sich verirrt hat. Der Hirt lässt die Neunundneunzig in der Steppe zurück und sucht das verlorene. Damit gefährdet er die ganze Herde, riskiert, dass sie sich zerstreuen, überlässt sie schutzlos den Angriffen der Wölfe. Darf er das eine Schaf so bevorzugen?

Das alles könnte man als eine theoretische Diskussion abtun. Gleichnisse „gehen einfach nicht immer auf“. Aber wir haben doch auch im Leben oft den Eindruck, dass es nicht gerecht ist, dass Menschen grundlos bevorzugt sind, oft gerade jene, von denen wir denken, dass sie es am wenigsten verdienen. Steht da auch ein Vater dahinter, der eine Vorliebe hat für jene, die sich verirren?

Sicher will Jesus mit den Gleichnissen seine Zuwendung zu den Zöllnern und Sündern er­klären, die ihm von seinen Gegnern zum Vorwurf gemacht wurde. „Die Kranken brauchen den Arzt, nicht die Gesunden.“ Und er tut das in der Überzeugung, dass er damit dem Willen des Vaters entspricht. Die Gleichnisse zeichnen damit durchaus ein Bild des himmlischen Vaters. Wenn wir die Gleichnisse kritisieren, so kritisieren wir auch dieses Bild.

Paulus sagt uns im Römerbrief in einem ähnlichen Zusammenhang, dass es uns nicht an­steht, über Gott zu richten. Er ist souverän in seinen Entscheidungen, zum Beispiel nicht gebunden an unsere Vorstellungen von Gerechtigkeit. Ja, letztlich bleibt er für uns unbe­greiflich. „Wer hat den Geist des Herrn erkannt, oder wer ist sein Ratgeber gewesen?“, zitiert Paulus Jesaia. Das vorausgesetzt, ist vielleicht doch die eine oder andere Annäherung möglich.

Manche Eltern haben die Erfahrung gemacht, dass ihnen Sorgenkinder besonders lieb gewor­den sind. Sind sie damit ungerecht gegenüber den anderen Kindern? Die Sorgenkinder brauchen wohl einfach mehr Zuwendung als die anderen. Gerechtigkeit heisst nicht unbe­dingt „Jedem das Gleiche“, sondern „Jedem das Seine“. In seiner Regel führt der Hl. Benedikt einen Satz der Apostelgeschichte an: „Jedem wurde zugeteilt, was er nötig hatte.“  Und er fügt hinzu, dass jene, die so mehr erhalten, deswegen nicht überheblich werden sollen, im Gegenteil. Und wer weniger braucht, sei nicht neidisch, sondern dankbar dafür, dass er nicht so viel nötig hat. Die Sätze könnten an die beiden Söhne des Gleichnisses gerichtet sein.

Denken wir schliesslich daran, dass wir kaum den Satz des älteren Sohnes für uns in Anspruch nehmen können: „Nie habe ich dein Gebot übertreten.“ Wir alle gehen mehr oder weniger ausgeprägt auch die Wege des jüngeren Sohnes. So brauchen wir einen, der uns entgegenläuft, wenn wir umkehren. Danken wir dafür, dass der himmlische Vater nach dem  Gleichnis  tatsächlich so gesinnt ist und so handelt.