P. Lukas Helg zum Dritten Fastensonntag

20.03.2022

Da  sitzt Einer in einem Regionalzug. Bei jeder Station streckt er den Kopf zum Fenster hinaus, liest den Ortsnamen und stöhnt. Nach vier oder fünf Stationen fragt ihn sein Gegenüber: „Kann ich Ihnen helfen?“ Der gibt zur Antwort: „Eigentlich müsste ich aussteigen und umkehren und mit dem nächsten Zug zurückfahren. Denn ich fahre in die falsche Richtung. Aber es ist so warm da drinnen – und draussen ist es so entsetzlich kalt.“

Liebe Schwestern und Brüder,

Eigentlich müsste ich umkehren. Umkehr und Bekehrung sind das zentrale Thema im heutigen Evangelium. „Ihr alle werdet genauso umkommen, wenn Ihr Euch nicht bekehrt, wenn Ihr nicht umkehrt“. Das ist ein happiger Satz,  gegen den sich heftiger Widerstand meldet.

Es kamen Leute zu Jesus und berichteten ihm von einem tragischen Ereignis. Pilatus liess unschuldige Menschen wahllos umbringen. Wer ist schuld? Jesus selber fügt noch eine andere Tragödie dazu. In Schiloach ist ein Turm eingestürzt und hat unschuldige Menschen erschlagen. Wer ist schuld? Wir kommen heute zu Jesus mit ganz ähnlichen Sorgen und Fragen. Putin greift ein freies Land an. Bei russischen Raketenangriffen kommen unschuldige Ukrainer ums Leben. Oder die Pandemie: wir haben geglaubt, wir seien jetzt draussen. Aber die Zahlen steigen wieder. Und in der Schweiz sind schon über 13’000 Menschen gestorben, weltweit über 6 Million. Oder die Klimakatastrophen, das Hochwasser in Deutschland letztes Jahr mit 184 Toten. Und – und – und.

Ja, Jesus, wir kommen zu dir und möchten dir das sagen.

Wie reagiert Jesus? Wie nimmt er zu all dem Stellung? Es fällt auf: wir hören aus Jesu Mund keine Klage über das Schicksal der Opfer, keinen Aufruf, sich um die Hinterbliebenen zu kümmern und Spenden für sie zu sammeln. Jesus lässt sich auf die Schuldfrage überhaupt nicht ein. Er hält nichts davon, die Opfer, die Verantwortlichen oder gar Gott, der dies alles zulässt, vor ein Gericht zu zerren. Hingegen ist für ihn eines klar: Was hier geschehen ist, ist nicht nur ein bedauerlicher Unfall, sondern eine ernste Warnung: Das kann auch mit uns geschehen, wenn wir unser Denken und Handeln nicht grundlegend ändern. Überhaupt nicht  diplomatisch, dieser polternde Satz aus dem heutigen Evangelium: „Ihr alle werdet genauso umkommen, wenn Ihr Euch nicht bekehrt.“ Hätte man das denn nicht etwas positiver formulieren können? Zum Beispiel so: „Es ist sicher in Ordnung, dass Du ein Herz hast für die Opfer, dass Du Dich um die Hinterbliebenen kümmerst, dass Du tröstest, wo Du kannst. Es ist sicher in Ordnung, dass Du alles unterstützest, was dazu dient, solche Ereignisse in Zukunft möglichst auszuschliessen. Aber das sind doch nur billige Ablenkungsmanöver. Es geht um Dich. Versteh doch endlich: was hier geschah, ist ein Fingerzeig Deines Dich mit Liebe suchenden Gottes, ist eine Einladung an Dich, endlich umzukehren und Gott aus ganzem Herzen zu lieben und zu tun, was er von Dir will. Nicht stöhnen bei jeder Station, nein, beim nächsten Halt aussteigen und mit dem nächsten Zug zurück!“

Statt diesen Putin in die tiefste Hölle zu verdammen, statt mit den umgekommenen oder geflüchteten Ukrainern Erbarmen zu haben, statt nach dem Warum und dem Wieso der Pandemie und der Klimakatastrophen zu grübeln, statt all dem nur Eines: in den Spiegel schauen und mich fragen: Wo bin ich ein Putin? Wo überfalle ich Unschuldige? Wo ellbögle ich, um zum Ziel zu kommen?  Wo greife ich zu direkter oder versteckter Gewalt? Zu Drohungen und Erpressungen, um das zu erreichen, was mein „Setzgrind“ erreichen will?

Statt über die Architekten und Bauleute des Turmes von Schiloach auszurufen, statt wie Aasgeier bei tragischen Unfällen sich immer zuerst auf die Schuldfrage zu stürzen und in dieser Suppe genüsslich zu schnüffeln, statt all dem nur Eines: in den Spiegel schauen und mich fragen: Wie sicher und stabil sind meine „Türme“? Wie umweltverträglich und umweltschonend, wie menschenverträglich und menschenschonend ist das, was ich tue und rede, was ich plane und bastle?

Liebe Schwestern und Brüder!

„Wie der Abt sein soll“. So ist das zweite Kapitel der Benediktsregel überschrieben.

Lassen Sie mich zur Auflockerung kurz einen Witz erzählen. Eigentlich ist es gar kein Witz, sondern es ist in unserem Kloster passiert. Als ich junger Frater war, hatten wir einen Abt, der sehr viel ausser Haus war. Und als beim Mittagessen genau dieses Kapitel der Regel vorzulesen war, las der Tischleser – absichtlich oder aus Versehen, das weiss ich nicht.- Jedenfalls las er: Wo der Abt sein soll. Und natürlich war er auch diesmal auswärts. Natürlich gab es ein Gelächter, wo sonst Stillschweigen herrscht. – Aber jetzt zurück zum Ernst der Predigt.

„Wie der Abt sein soll“. So ist das zweite Kapitel der Benediktsregel überschrieben. Dort drin  steht ein weiser Satz: „Je nach Zeit und Umständen verbinde der Abt Strenge mit Liebenswürdigkeit; er zeige bald den Ernst des Meisters, bald die liebevolle Güte des Vaters.“  Diese Strategie scheint auch in unserem Evangelium zur Anwendung zu kommen. Ich bin meinem Namenspatron, dem Evangelisten Lukas, unendlich dankbar für das Gleichnis vom Feigenbaum am Schluss unseres Evangeliums. Lukanisches Eigengut! Nach so viel Strenge und Ernst, womit man unsere verhärteten Herzen offenbar doch nicht aufweichen kann, wird auf ein anderes Medikament umgestellt, auf Liebenswürdigkeit und liebevolle Güte. Wenn wir zu Hause als Kinder etwas angestellt hatten, gab’s ein nicht besonders effektives Gepolter des Vaters. Die Mutter erreichte mit ihrer liebevollen Güte meistens viel mehr. Ist es hier nicht ähnlich? Gott als strenger Vater mit dem happigen Satz, der Ihnen bestimmt noch in den Ohren nachklingt: „Ihr alle werdet genauso umkommen, wenn Ihr Euch nicht bekehrt“ und Gott als liebevolle, sich um uns sorgende Mutter, als Weingärtnerin mit einer unendlichen Geduld und einer zu Herzen gehenden Sprache: „Lass ihn dieses Jahr noch stehen; ich will den Boden um ihn herum aufgraben und düngen. Vielleicht trägt er doch noch Früchte.“

Es ist nicht immer angenehm, in den Spiegel zu schauen. Denn es könnte ja sein, dass ich einen Feigenbaum sehe, der keine Früchte bringt. Man erwartet Früchte von mir, Früchte der Gottes- und Nächstenliebe. Die bisherige Bilanz ist nicht rosig. Gar keine Früchte bisher, das wäre vielleicht  etwas übertrieben, aber wenn ich ehrlich bin, sind es doch zu wenig. Die Zwischenbilanz mag aber noch so ernüchternd und bedrückend sein, ich habe einen Fürsprecher, der mich noch nicht abgeschrieben hat, der alles tut, dass ich doch noch mehr Früchte bringe. Ich habe eine Fürsprecherin!

Sie ist die Weingärtnerin – sie ist mein Gegenüber im Zugsabteil und spricht mich an:  „Kann ich Dir helfen? An Deiner Stelle würde ich beim nächsten Halt aussteigen und mit dem nächsten Zug zurückfahren. Weißt Du, es könnte bald einmal der letzte sein.“