P. Gerhard Stoll zum Zweiten Fastensonntag

13.03.2022

Was ist eigentlich klarer geworden durch die Verklärung Jesu? – Zur Situation stellen wir uns vor: Jesus hatte eine einsame Bergeshöhe bestiegen, um mit 3 seiner Jünger, Petrus, Jakobus und Johannes zu beten und ihnen etwas zu erklären; sagen wir, da auf dem Berg findet ein Gipfelgespräch statt: Jesus und seine 3 Jünger auf Augenhöhe mit den Hauptprofeten Moses und Elias. Der Stifter des Neuen Bundes und die Vertreter des Alten Bundes reden miteinander, man diskutiert nicht, man erklärt sich gegenseitig. – Es herrscht Konferenzstimmung: die einen reden eifrig miteinander, die anderen 3 Jünger hören zu und schlafen vor Müdigkeit ein. Während die Vertreter des Alten und Neuen Bundes so miteinander reden, erhellt sich die Situation, das Gespräch bringt Erleuchtung im wörtlichen Sinn, es geschieht Verklärung – alles erscheint in hellerem Licht. – Petrus will diesen Verklärungs-Zustand sogar festhalten und plant einen Daueraufenthalt auf dem Verklärungsberg. Er will Hütten bauen. – Die Jünger werden hellwach – doch haben sie auch wirklich verstanden, sind ihnen die Augen aufgegangen – endgültig?

Meine Lieben, hier auf dem Verklärungsberg findet der erste Jüdisch-Christliche Dialog statt. Das Ergebnis dieser Gipfelkonferenz (wohlgemerkt ohne grosse Diskussion zustande gekommen), lautete – von oben bestätigt: Dieser Jesus ist der beim Propheten Jesaja verheissene Gottesknecht, der Messias. Dieser Stifter des Neuen Bundes kann Euch den Sinn der Schriften des Alten Bundes erschliessen. – Hört auf ihn, er führt die Befreiung Israels aus Ägypten gleichsam weiter. Durch ihn setzt Gott sein Erlösungswerk fort über Leiden und Kreuz zur Herrlichkeit der Auferstehung – für alle! Bei den Jüngern Jesu liess allerdings nach dem Abstieg vom Verklärungsberg die Klärung noch etwas auf sich warten. – Weil sie ihm bisher schon eine Zeit lang nachgefolgt waren, hätten sie ihn ja eigentlich verstehen müssen. War ihr Herz verstockt und ihre Augen verschlossen wie bei so vielen ihrer Zeitgenossen? – Erinnern wir uns dabei auch an die beiden Emmausjünger, nachdem Jesus bereits auferstanden war: das Gespräch mit dem (noch) unerkannten Auferstandenen rührte sie an, brachte eine gewisse Klärung. Jesus erklärte ihnen die gesamte Heilsgeschichte von Moses an bis über alle Propheten. Die Feier des Mahles, das Brotbrechen, öffnete ihnen dann endgültig Herzen und Augen, Sie kamen vom Glauben zum Schauen.    Ich wünsche uns heute, dass durch die Begegnung mit dem verklärten Jesus uns klar geworden ist: Gott macht die menschliche Unheilsgeschichte zu einer Heilsgeschichte. – Kein Schlaraffenland will er uns schaffen, sondern das Reich Gottes will er errichten, wo alle menschenwürdig und gottgefällig miteinander leben können. Der Messias ist kein politischer Revolutionär, sondern ein Diener, der Knecht Gottes – verheissen im Alten Bund, von Gott bestätigt im Neuen Bund.

Liebe Schwestern und Brüder, in der Bibelwissenschaft gilt der Berg Tabor als der Berg der Verklärung. Wenn man nun von diesem Berg hinunter in die Ebene geht – so habe ich mal einem Reiseführer entnommen – kommt man an einer kleinen Kapelle vorbei. Dort auf einer Tafel kann man dann lesen, für wen diese Kapelle erbaut wurde – es steht darauf:  DESCENDENTIBUS (auf Deutsch: den Herabsteigenden) ihnen ist sie gewidmet! Also denen, die vom Berg der Verklärung wieder in die Ebene des Alltags hinabsteigen (müssen).    Auch wir haben ja mehr oder weniger regelmässig verklärende Gipfelerlebnisse – z. B. in unseren Gottesdiensten, im Gebet, in den Sakramenten, oder wenn wir in wirklicher Liebe unseren Mitmenschen dienen – in Zeiten, wo wir uns ganz nah und eins mit Jesus fühlen.

Aber wir werden aufgeschreckt – in der Ebene, im Tal unseres Lebens scheint uns Jesus oft so fern mit seinen Verheissungen – von wegen Verklärung! Damit wird deutlich: wer Jesus wirklich kennen lernen und verstehen will, der muss vom Berg der Verklärung herab; der muss auf den Ölberg und auf den Kreuzigungshügel Golgatha hinauf, bevor er den Berg der Vollendung und Auferstehung erreicht. Zwischen Verklärung und Auferstehung liegt der für uns der oft krumm verlaufende Weg unseres Lebens, der für Viele ein Leidensweg ist. Diesen Weg ist Jesus als Erster gegangen – und nur dieser Jesus kann uns auch Kraft und Hoffnung geben, diesen Weg auszuhalten und unser Leben zu meistern. Und es gilt dabei: Mit dem Tabor im Herzen können wir den Ölberg und den Golgotha bestehen.

Ich wünsche uns Allen eine gute, gelingende Österliche Busszeit (Fastenzeit) und vor allem einen guten Aufstieg zum Osterberg bei Jerusalem!!!