P. Theo Flury zum 5. Sonntag im Jahreskreis

06.02.2022

Die soeben verkündigte Stelle aus dem Lukasevangelium steht in der Klammer, welche die Zeit von Jesu vierzigtägiger Prüfung in der Wüste bis zum Abschluss der Berufung der zwölf Jünger umfasst (Lk 4,1-6, 16).

Da finden sich, gewissermassen als Visitenkarte Jesu, dessen Antrittsrede in der Synagoge von Nazareth, Dämonenaustreibungen und Krankenheilungen in Kafarnaum, die Verkündigung des Reiches Gottes in weiteren Städten, der wunderbare Fischfang, die Heilung eines Aussätzigen am Sabbat und die Tischgemeinschaft mit dem Zöllner Levi und seinen Gästen, die, in den Augen der jüdischen Zeitgenossen als zu meidende Sünder galten.

Der Blick auf einen bestimmten Aspekt des heutigen Sonntagsevangeliums wird geweitet und geschärft, wenn wir zum Vergleich die Antrittsrede Jesu in Nazareth beiziehen (Lk 4, 16-30).

Worum geht es da? Jesus predigt in der Synagoge seiner Heimatstadt. Seine Rede erstaunt und begeistert die Zuhörer. Sie fragen sich: «Ist das nicht Josefs Sohn? Ist er nicht einer von uns?» Doch Jesus brüskiert sie. Er unterstellt ihnen, dass sie von ihm ein Wunder erwarten, und verweigert ihnen dieses zum Vornherein mit der Begründung, dass der Prophet in der eigenen Heimat ohnehin niemals etwas gelte. Darauf werden die Anwesenden so zornig, dass sie ihn einen Abhang hinunterstürzen und töten wollen.

Nun zur kontrastierenden Geschichte vom wunderbaren Fischfang, die wir soeben gehört haben. Simon, der später von Jesus Petrus genannt werden wird, Jakobus und Johannes sind am Fischen. Sie fangen nichts. Doch Jesus fordert sie auf, ihre Netze nochmals auszuwerfen. Gegen ihre Erfahrungen als Berufsleute folgen sie seiner Weisung und fangen zu ihrer Überraschung eine grosse Menge an Fischen. Da fällt Petrus vor Jesus nieder und ruft aus: „Geh weg von mir, denn ich bin ein sündiger Mensch, Herr!»

In beiden Texten zeigt sich Jesus als jemand, der gängige Erwartungen sprengt und vor den Kopf stösst, entweder durch eine Standpauke oder durch ein Wunder.

Wie unterschiedlich gibt sich Jesus da und dort, und wie unterschiedlich reagieren die Menschen auf ihn!

Warum ist Jesus mit seinen Mitbürgern so hart umgegangen? Hat er eine in ihnen verborgene Verstocktheit erkannt? Aber: Wäre diese Verstocktheit denn die Folge einer freien Entscheidung, wäre sie gewollt und deshalb vielleicht schuldhaft? Wer könnte diese Entscheidung für sich überhaupt treffen wollen? Wäre sie nicht vielmehr ein Leiden? Weshalb also greift Gott hier nicht ein, warum räumt er dieses Hindernis nicht einfach weg? Ist er etwa unfähig dazu, willkürlich, oder parteiisch?

Wer ist für die so unterschiedlich verlaufenden Ereignisse in Nazareth und am See Gennesaret letztlich verantwortlich? Der Mensch oder Gott?

Wir berühren hier das unergründliche Zusammenwirken der Gnade mit der menschlichen Freiheit. Wie spielen sie zueinander und ineinander? Zu dieser Frage sind bereits viele Bücher geschrieben worden, wobei wir uns gerade da in eine Gefahrenzone begeben: wenn wir nämlich mehr verstehen wollen als uns ehrlicherweise möglich ist, laufen wir Gefahr, die unergründliche Vorsehung Gottes mit einem von uns gebauten in sich geschlossenen System zu verwechseln. Gott würde damit absehbar, berechenbar wie ein programmierter Computer. Im Vordergrund stünde sein Programm und nicht er. Damit aber verlören wir ihn als eine letzte Instanz über allem, als ein hörendes und verstehendes Gegenüber, als ein Du, das wir anrufen und dem wir uns erklären können.

Es gibt in der Bibel, über die Zusammenschau der beiden erwähnten Geschichten hinausgehend, viele Stellen, mit denen wir uns schwertun, wenn wir nur genau hinschauen. Da gibt es Brüche und Reibungsflächen, Rechnungen, die von uns aus gesehen einfach nicht aufgehen. Auch bei biblischen Texten müssen wir allerdings bedenken, dass Gott und das Geschehen dessen, was Gottes ist, in unserer menschlichen Sprache zwar nicht falsch, aber nur sehr bruchstückhaft und tastend erfasst werden kann.

Gott ist immer grösser. Vor allem aber ist er kein ehernes seelenloses Gesetz, sondern Beziehung: Als Vater, Sohn und Heiliger Geist ist sein innerstes Wesen ein unaufhörliches Aufeinander Hören und Zueinander Reden. Gott ist wesentlich Empathie, Einfühlung. Es ist deshalb unvorstellbar, dass seine Beziehung zu uns Menschen nicht ebenfalls von diesem seinem Wesen geprägt wäre.

Petrus erhält von Gott aufgrund eines Wunders die Gnade des Glaubens. Den Menschen von Nazareth wird das Wunder hingegen zum Vornherein verweigert, weil bei ihnen, nach Jesus, ohnehin keine Antwort des Glaubens erfolgen würde. Nochmals beharrlich: warum diese ungleichen Startchancen?

Versuchen wir hier nicht, diese Frage zu beantworten, versuchen wir lediglich, unseren Blick etwas zu weiten. Bewegen wir uns dabei vorwiegend auf der Ebene der biblischen Texte, so wie sie dastehen.

Wenn wir die Bibel aufmerksam lesen, fällt uns auf, dass nicht nur wir gelegentlich bei Gott anecken und vor Rätseln stehen, sondern dass sich, umgekehrt, auch Gott mit den Menschen immer wieder schwergetan hat. Er ist an ihnen gewissermassen zunächst immer gescheitert: schon das erste Buch der Bibel erzählt vom sogleich auf die Erschaffung des Menschen folgenden Sündenfall, von einem Brudermord aufgrund von Eifersucht, weil Gott das Opfer des einen Bruders angenommen hatte, dasjenige des andern hingegen nicht, und von merkwürdigen Verbindungen zwischen Menschentöchtern und Gottessöhnen (hier sind wohl mythologische Vorstellungen von der zeitgenössischen biblischen Umwelt in das Buch Genesis eingeflossen). Da ist, schon zu Beginn, fast alles schiefgelaufen! Das Buch erzählt auch von der Wut Gottes darüber, welche sich in der Sintflut ausgetobt hatte – und von seiner Entscheidung danach, in Zukunft nie mehr nur Vergelter und Rächer sein zu wollen. Unter dem Bundeszeichen des Regenbogens fasste er einen völlig anderen Plan, den Plan der Feuersäule in der Wüste, des Sterns von Bethlehem und des Schreis auf Golgotha: In ihm begegnen sich die Not Gottes am Menschen und die Not des Menschen an Gott.  In ihm offenbart sich aber vor allem das entwaffnete endgültige und alles neu interpretierende Schlüsselwort Gottes, das über allem steht: «Ich liebe dich – glaube mir doch endlich, es ist mir todernst mit dir.» Amen.