P. Patrick Weisser zum 6. Sonntag im Jahreskreis

13.02.2022

Der berühmten „Bergpredigt“ im Matthäusevangelium stellt Lukas seine so genannte „Feldrede“ gegenüber. Darin verkürzt Lukas die neun so berührenden Seligpreisungen des Matthäus auf nur vier und ergänzt sie dafür durch vier Weherufe. Diesen Text haben wir soeben gehört.

„Selig, ihr Armen, denn euch gehört das Reich Gottes.“ (6,20.) – „Aber weh euch, die ihr reich seid; denn ihr habt keinen Trost mehr zu erwarten.“ (6,24.)
Weshalb diese Weherufe? Sind die Seligpreisungen bei Mt nicht viel schöner? Fällt Lk für einmal gegenüber Mt ab – ausgerechnet Lk, bei dem Jesus sonst so menschliche, barmherzige und friedvolle Züge hat?

Lukas hält nichts von Reichtum, Sattsein und Gelobt-Werden. Das ist nicht nur an dieser Stelle der Fall, sondern das ist bei Lukas geradezu Programm. Das zeigen vier kurze Beispiele.

Lukas erzählt das Gleichnis vom reichen Gutsherrn, der sich über eine gute Ernte freut und grössere Scheunen bauen will, um seinen Besitz zu horten. In der gleichen Nacht aber muss er sterben. (Lk 12,16-21.) Lukas erzählt die Geschichte vom reichen Prasser und dem armen Lazarus. Der reiche Prasser ist reich und satt zugleich, und beides führt ihn ins Verderben. (Lk 16,19-31.) Lukas erzählt umgekehrt vom Zöllner, der um die Grenzen seines Lebens weiss und deshalb, anders als der stolze Pharisäer, vor Gott gerechtfertigt nach Hause gehen darf. (Lk 18,9-14.) Und schliesslich erzählt Lukas, wie ein schwerer Verbrecher sich, seiner Untaten bewusst, voll Vertrauen an Jesus wendet und so noch in der letzten Stunde seines Lebens am Kreuz das Heil findet. (Lk 23,39-43.)

Diese Erzählungen sind erstaunlich und geben zu denken. Erstaunlich ist aber noch etwas anderes: Alle diese Erzählungen finden sich nur im Lukasevangelium. Das kann kein Zufall sein.

Was ist nun der Grund, weshalb Lukas derart entschieden dem Reichtum, dem Sattsein und dem Gelobt-Werden entgegentritt? Was ist das Geheimnis dafür, dass es im Lukasevangelium immer die Armen und die Sünder sind, zu denen Jesus Zugang findet, während er bei den Reichen, Mächtigen, Gerechten und Selbstgerechten nicht gut ankommt?

Der Schlüssel zum Verständnis Jesu im Lukasevangelium liegt darin, dass Reichtum und Anerkennung uns Menschen verschlossen machen, Armut und Hunger uns dagegen öffnen. Anders gesagt: Wir Menschen wachsen nicht durch Befriedigung unserer Bedürfnisse, wie wir so gerne glauben, sondern wir wachsen durch das Unbefriedigtsein unserer Bedürfnisse. Wir wachsen nicht durch Fülle, sondern durch Mangel, nicht durch Vollkommenheit, sondern an unseren Grenzen.

Das zeigt ein Versuch mit Ratten sehr deutlich. Das Gehirn von Ratten wurde mit einem Gerät derart stimuliert, dass diese Ratten das Gefühl hatten, alle ihre Bedürfnisse würden rundum befriedigt. Was haben diese Ratten gemacht? Sie lagen nur noch herum. Sie spielten nicht mehr miteinander, sie suchten keine Nahrung mehr, sie pflanzten sich nicht mehr fort und hatten an ihrer Umwelt keinerlei Interesse mehr.

Die Testfrage an uns lautet: Möchten wir auch gerne so ein Gerät, mit dem wir auf Knopfdruck das Gefühl haben könnten, alle unsere Bedürfnisse wären rundum erfüllt? – Falls Ja: Wie würden wir wohl reagieren, wenn dieses Gerät eines Tages aussteigen und seinen Dienst aufgeben würde?

Jesus kannte ein solches Gerät natürlich nicht, aber er sagt im Zusammenhang mit der Geschichte vom reichen Mann, der sich grössere Scheunen bauen will, ganz klar und deutlich: „Der Sinn des Lebens besteht nicht darin, dass ein Mensch aufgrund seines grossen Vermögens im Überfluss lebt.“ (Lk 12,15.)

Es sind die Grenzen unseres Lebens, die uns auf den Weg schicken – auf den Weg zu uns selbst, zu den Mitmenschen und zu Gott. Sie machen uns offen für Jesus von Nazaret. Es gilt deshalb, uns mit unseren Grenzen, Verletztheiten, Scham und Schuld anzufreunden, sie nicht zu verdrängen. Denn sie sind sowieso einfach da. Wenn wir so tun, als wären wir vollkommen, als hätten wir keine Grenzen, dann stehen wir in der Unwahrheit. Dafür zahlen wir einen hohen Preis. So zu tun, als hätten wir keine Grenzen, als wären wir perfekt, kostet uns sehr viel Energie. Und wenn wir unseren Grenzen dann doch begegnen, brauchen wir einen Sündenbock – eine Mitschwester oder einen Mitbruder, Ausländer oder Andersgläubige.

Spätestens an diesem Punkt erahnen wir, wie wichtig die Versöhnung mit den Grenzen des Lebens ist. Das ist die Barmherzigkeit, wie sie im Umgang Jesu mit den Menschen deutlich wird. Nur jene Menschen, die um ihre Begrenztheit und Sündhaftigkeit wissen, finden Zugang zu Jesus. Dazu gehören Zöllner, die ihre Landsleute finanziell ausnehmen und deshalb verachtet werden, Kranke, Arme und Ausgestossene, welche die religiösen Gesetze nicht befolgen können, und andere mehr. Sie alle wissen um ihre Verletztheit, um ihre Grenzen und um ihre Schuld. Deshalb können sie mit Jesus etwas anfangen, der sie nicht verurteilt, sondern ihnen gegenüber barmherzig ist. Interessanterweise sind es gerade jene, die ohne Grenzen und ohne Sünden sind, es wenigstens meinen oder zumindest so tun, als ob sie es wären, die Jesus kritisieren: „Wie kann er zusammen mit Zöllnern und Sündern essen?“ (Mk 2,16.)

Wer nicht zur Begrenztheit des eigenen Lebens stehen kann und deshalb so tut, als gäbe es sie nicht, kann nicht wirklich an einen barmherzigen Gott glauben. Deshalb sagt Jesus an anderer Stelle: „Zöllner und Dirnen gelangen eher in das Reich Gottes als ihr.“ (Mt 21,31.) Uns versöhnen mit unserer Begrenztheit, mit dem Schwierigen im eigenen Leben, das kann allein die Barmherzigkeit. Denn sie nimmt an; sie liebt und lässt leben. Sie versteht – und richtet nicht. Gerade deshalb kann sie heilen. Alles, was wir dagegen ablehnen und bekämpfen, bleibt unversöhnt. Es wird nicht verdaut, nicht angenommen. Zurückgewiesenes aber lastet schwer, ein Leben lang.

Mit seiner Menschwerdung hat Gott in Jesus von Nazaret unser Menschsein angenommen und getragen. Er hat es nicht abgelehnt, sondern bewusst auf sich genommen. Jesu Barmherzigkeit mit den Armen und den Sündern kann uns helfen, uns selbst und anderen versöhnlicher zu begegnen. Und das hat auf jeden Fall Auswirkungen.

Amen.