P. Lorenz Moser am Fest Darstellung des Herrn

03.02.2022

Liebe Brüder und Schwestern

Das heutige Fest, Maria Lichtmess, ist so volkstümlich und mit so vielen Bräuchen verknüpft, dass wir seinen alttestamentlichen Hintergrund nur allzu leicht aus den Augen verlieren: die Eltern Jesu brachten das Kind nach Jerusalem hinauf, um als fromme Juden die beiden vom Gesetz vorgeschriebenen Riten zu vollziehen: die Reinigung und die Weihe des Kindes an den Herrn. Interessanterweise hat die frühe christliche Gemeinde diese beiden Riten nicht übernommen; es gibt keinen Ritus in unserer Liturgie, welcher diese beiden alttestamentlichen Verpflichtungen aufgenommen und verchristlicht hätte.

Schon für den Evangelisten Lukas, der uns diese Episode erzählt, scheint etwas anderes viel wichtiger gewesen zu sein: der Auftritt des greisen Simeon und der betagten Hanna. Beiden warteten auf „die Rettung Israels“, und beide können nun verkünden, dass diese Rettung da ist: dieses Kind ist der Erlöser, der Retter.

Dabei fällt ein kleines Detail auf: Simeon spricht vom Heil, „das du vor allen Völkern bereitet hast, vom Licht, das die Heiden erleuchtet, und erst dann von der Herrlichkeit für dein Volk Israel, also eine universale Perspektive, die die ganze Menschheit umspannt.

Im Übrigen gibt Simeon einen Ausblick auf das, was noch kommen wird: an diesem Kind werden sich die Geister scheiden, und auch Maria sagt er eine harte Prüfung voraus; er spricht vom Schwert, das ihre Seele durchdringen wird. So wird dieser Besuch im Tempel zur ersten Gelegenheit, auf das Erlösungswerk Christi hinzuweisen, zu einer ersten Begegnung mit der Botschaft, die Jesus später verkünden und mit seinem Kreuz und seiner Auferstehung bezeugen wird. Von daher auch die Bezeichnung des Festes in der Ostkirche: „Fest der Begegnung“.

„Darstellung des Herrn“ ist gleichsam die erste Präsentation des Erlösers, eine Vorstellung des Herrn im Blick auf seine zukünftige Sendung.

Doch „Darstellung des Herrn“ hat ursprünglich eine andere Bedeutung, und da-rauf möchte ich kurz zurückkommen.

Nach dem alttestamentlichen Gesetz gehörte jede männliche Erstgeburt dem Herrn und sollte deshalb dem Herrn geweiht werden. Das ist eine Erinnerung da-ran, dass das Leben letztlich ein Geschenk Gottes ist.

Wir beten zwar im Glaubensbekenntnis „Ich glaube an Gott, den Vater, den Schöpfer des Himmels und der Erde“ und bringen dadurch zum Ausdruck, dass die ganze Wirklichkeit auf Gott zurückgeht, aber dieser Glaubenssatz ist so allgemein, so weit weg, dass er uns kaum persönlich trifft. Wo wir aber die Geburt eines neuen Lebewesens erfahren (sei es ein Mensch oder ein Tier), da kann es uns persönlich treffen; da erleben wir hautnah die Ankunft eines neuen Lebens. Und da könnte etwas wie der alttestamentliche Ritus, eine symbolische, rituelle Rückgabe des Erstgeborenen, uns daran erinnern, dass dieses neue Leben weder ein Zufall noch selbstverständlich ist, sondern als Geschenk Gottes betrachtet werden kann und soll.

„Darstellung des Herrn“ hat also ein doppeltes Gesicht, eine doppelte Bedeutung: im Blick auf die Zukunft ist es die Präsentation des Heilswerkes, das mit diesem Kind beginnt, im Blick auf die Vergangenheit ist es die Weihe (Präsentation) dieses Kindes an Gott und damit die Anerkennung, dass es ein Geschenk Gottes ist.

Diese zweite Botschaft in unserem Bewusstsein wieder lebendig werden zu lassen und zu vertiefen, wäre m.E. für unseren Glauben ebenso wichtig wie die Botschaft von der Erlösung.

So wollen wir heute unseren Blick nicht nur mit Simeon in die Zukunft richten und dankbar sein für unsere Erlösung, sondern auch zurück schauen auf die Herkunft unseres Erlösers wie auch auf unsere eigene Herkunft, auf unseren Ursprung in Gott, und uns wieder einmal sagen lassen: wir gehören dem Herrn. Amen