P. Ansgar Schuler zum 7. Sonntag im Jahreskreis

20.02.2022

Liebe Brüder und Schwestern,

da nun einmal Fastnacht ist, deshalb wollte ich eine fröhliche Predigt halten. Eigentlich muss ja die Predigt immer fröhlich sein, denn „Evangelium“ heisst „Frohe Botschaft“ und unser Glaube beginnt nicht etwa mit einem Trauermarsch, sondern mit einem gar fröhlichen Engelsgesang: „Seht, ich verkünde euch eine grosse Freude“ (Lk 2,10)

Deshalb habe ich mir eine Lesung aus der Apostelgeschichte 20 ausgesucht, eine Lesung, die übrigens nie im Kirchenjahr vorgelesen wird. Sie erzählt von einem Eutychus, der am Fensterbrett der unendlich langen Predigt des Paulus lauschte und dabei von tiefem Schlaf überwältigt, vom dritten Stock eines Hauses hinabstürzte.

Diese peinliche Geschichte, die die Hl. Schrift mit allen Details schildert, ist für uns Prediger natürlich sehr tröstlich, umso mehr, da wir den Apostel Paulus in der Kunst des Einschläferns sicher übertreffen mögen und bei weitem nicht so gut Wunder wirken  können wie er.

Zum Glück sind die Menschen auch vorsichtiger geworden, sie wählen gesichertere und bequemere Orte für ihre Ruhe,  bei denen keine Gefahr für ihre Person besteht.

Ich stamme aus der sog. Nachkriegsgeneration. Da war es noch ganz selbstverständlich, dass man am Sonntag, zusammen mit der Familie, den Gottesdienst besuchte. Bei der Predigt ist dann mein Vater regelmässig eingeschlafen und ich als sein Erstgeborener empfand es nötig, ihn zu wecken, da ja der Glaube vom Hören kommt, wie es Paulus im Römerbrief schreibt. (Röm 10,17)

Das wusste ich natürlich auch nicht, so wenig war mir bewusst, dass mein Vater die ganze Woche streng arbeiten musste.

Aber, es stimmt schon, dadurch, dass es eine Bereitschaft zum Zuhören gab, deshalb konnte sich das Christentum verhältnismässig rasch ausbreiten. Die Menschen waren bereit den Verkündern dieser Botschaft zuzuhören.

In Athen dagegen waren die Menschen nicht offen für die Worte des Paulus. Als dieser ihnen von der Auferstehung Christi berichten wollte, sagten sie: „Darüber wollen wir dich ein andermal hören“ (Apg 17,33)  So kam es dort, da die Bereitschaft zuzuhören fehlte, nicht zur Gründung einer christlichen Gemeinde.

Sobald man um die grosse Bedeutung des Zuhören-Könnens weiss, da überrascht es auch nicht mehr, dass die ägyptischen Wüstenväter sich eines so grossen Zulaufes erfreuten. Die Hilfe, die die Menschen von ihnen erwarteten, bestand wohl vor allem darin, dass sie den Besuchern zunächst gut zuhören konnten und sie dann mit einem guten Wort, mit einem Rat entliessen.

Und lebt nicht eigentlich unser Gebet davon, dass wir daran glauben, dass es jemanden gibt, der ohne dazwischen zu reden, uns aussprechen lässt, der bis zum Ende zuhört, auch dann, wenn uns selbst dieses unser Sprechen unvollkommen erscheint?

Darf ich die Auslegung des heutigen Evangeliums zuerst dem Johann Peter Hebel überlassen?

In einem edelmännischen Dorf trifft ein Bauer den Herrn Schulmeister im Felde an. „Ist’s noch Euer Ernst, Schulmeister, was Ihr gestern den Kindern zergliedert habt: So dich jemand schlägt auf deinen rechten Backen, dem biete den andern auch dar“.

Der Herr Schulmeister sagt: „Ich kann nichts davon und nichts dazu tun. Es steht im Evangelium.“ Also gab ihm der Bauer eine Ohrfeige, und die andere auch, denn er hatte schon lange einen Verdruss auf ihn.

Indem reitet in einiger Entfernung der Edelmann vorbei und sein Jäger. „Schau doch nach, Josef, was die zwei dort miteinander haben.“  Als der Josef kommt, gibt der Schulmeister, der ein starker Mann war, dem Bauer auch zwei Ohrfeigen und sagte: „Es steht auch geschrieben: Mit welcherlei Mass ihr messet, wird euch wieder gemessen werden. Ein voll gerüttelt und überflüssig Mass wird man in euren Schoss geben.“

Und zu dem letzten Sprüchlein gab er ihm noch ein halbes Dutzend drein. Da kam der Josef zu seinem Herrn zurück und sagte: „Es hat nichts zu bedeuten, gnädiger Herr, sie legen einander nur die Heilige Schrift aus.

Die andere Wange hinhalten? Nicht nur den Mantel geben, sondern auch das Hemd?  Nicht auszuschliessen, dass Betroffene glauben, es sei unchristlich, sich zu wehren oder Hilfe zu suchen, Jesus verlange von ihnen, das Unrecht weiter zu erdulden.  Jesus selbst in seiner eigenen Leidensgeschichte handelt keineswegs nach der Anweisung unseres heutigen Sonntagsevangeliums.

Als ein Knecht des Hohenpriesters ihm beim Verhör ins Gesicht schlägt, da hält Jesus ihm nicht etwa die andere Wange hin, sondern er entgegnete ihm: „Wenn es nicht recht war, was ich gesagt habe, dann weise es nach; wenn es aber recht war, warum schlägst du mich?“

Auch Paulus nutzte die rechtlichen Möglichkeiten seiner Zeit. Als er einmal mit Silas ohne Verhandlung gegeisselt und ins Gefängnis geworfen wurde, da berief er sich auf sein römisches Bürgerrecht.

 

Der entscheidende Unterschied vom Schlag auf die Wange im heutigen Evangelium ist, dass Jesus von der rechten Wange spricht.

Der Schlag auf die rechte Wange wird von Rechtshändern mit dem Handrücken ausgeführt. Natürlich ist dies ein tätlicher Angriff, aber eine echte Ohrfeige würde man mit der Handfläche gegen die linke Wange ausführen.

Der Schlag auf die rechte Wange hat also mehr beleidigenden als verletzenden Charakter. Wenn dich jemand beleidigt, so antworte nicht mit einer Gegenbeleidigung, lass es nicht eskalieren, so könnte man das Wort von der anderen Wange in unsere Zeit übersetzen.

In meinen rund 30 Jahren in der Pfarrei Einsiedeln war es Ehrensache, jeweils dem Fasnachtsumzug zuzuschauen. Es galt dabei, meinen vielen Religionsschülern, Pfadis und Turnvereinskameraden für ihre  interessante Fasnachtsgestaltung Achtung zu zollen.

Aber immer wieder hatte es solche Fasnächtler, die zu ihrer Freude und zur Freude des Publikums mich dabei erhudelten; auf die spärliche Haarpracht hatten sie es dabei besonders abgesehen. Einmal erdreistete sich ein Fasnächtler sogar damit, mit einer Konvetti-Kanone auf mich zu schiessen.

Mit den Worten des Paulus sagte ich mir: „Wir sind zum Schauspiel geworden.“ Und mit den Worten von Elia sagte ich mir: „Nun ist es genug Herr.“

Wie sagte doch jeweils meine Mutter, wenn wir stritten: Sie sagte:

„Dä gschieder gid nah und lahd dä Esel lah stah.“ Amen