P. Alois Kurmann zum 8. Sonntag im Jahreskreis

27.02.2022

Habe nun, ach! Philosophie,
Juristerei and Medizin,
Und leider auch Theologie
Durchaus studiert, mit heißem Bemühn.
Da steh‘ ich nun, ich armer Tor,
Und bin so klug als wie zuvor!

So beginnt, liebe Schwestern und Brüder, die Dichtung «Faust» von Johann Wolfgang Goethe. Es ist die enttäuschende Erkenntnis, dass das lange Studieren ihm keine Klugheit gebracht hat, dass es ihm nicht hilft, wie er nachher sagt, zu erkennen, «was die Welt im Innersten zusammenhält».

Es ist eine oft schmerzlich gefühlte und unzählige Male ausgesprochene Wahrheit, dass Studium, Klugheit und Wissen nicht unfehlbar das geben, was nötig ist, das Leben gut zu gestalten.  Der Schauspieler Curd Jürgens braucht den entscheidenden Ausdruck: «60 Jahre und kein bisschen weise». Mehr und umfassender als Klugheit und Wissen ist Weisheit.

Viele Kulturen haben Weisheitsliteratur hervorgebracht: Ägypten, nordische Länder, Griechenland. Oft sind Lebensweisheiten sprichwortartig formuliert, wie etwa unser «Eile mit Weile», das uns darauf aufmerksam macht, dass allzu schnelles Reagieren und Handeln nicht den gewünschten Erfolg bringen. Neben solchen sprichwortartigen Sätzen gibt es auch eine eigentliche Weisheitsliteratur, in denen Überlegungen zum Sinn des Lebens, zum Leiden und zur Wirklichkeit Gottes thematisiert werden.

Im Alten Testament gibt es zwei Bücher, die Weisheitsliteratur sind; eines heisst wörtlich «Buch der Weisheit» und das andere «Buch Jesus Sirach». Aus diesem Buch haben wir eben in der Lesung einen Abschnitt gehört. Schauen wir einen dieser Weisheitssprüche genauer an. Der Satz lautet: «Den guten Boden eines Baumes bringt seine Frucht zum Vorschein; so das Wort die Gedanken des Herzens». Also: Wenn wir an einem Apfelbaum köstliche, zum Essen einladende Äpfel sehen, wissen wir auch, dass dieser Baum auf einem guten Boden steht. Und nun der Vergleichspunkt: Wenn wir einen Menschen reden hören, spüren wir, wie der Boden ist, aus dem die Worte kommen, nämlich, ob im Herzen des redenden Menschen Güte oder Bosheit, Ehrlichkeit oder Falschheit, ehrliche Liebe oder Heuchelei ist. Der nächste Satz führt einen Schritt weiter, er sagt: «Lobe keinen Menschen, ehe du nachgedacht hast; denn das ist die Prüfung für jeden!» Das heisst: Wenn du mit jemandem redest und den Eindruck hast, dass er ehrlich ist, dass er meint, was er sagt und auch dazu stehen wird, traue ihm doch nicht zu schnell, sondern denke über das nach, was er sagt, prüfe seine Worte! Die zwei Sätze mahnen also zur Vorsicht: Sei nicht leichtgläubig, falle nicht unbedacht auf die Worte eines anderen ein, brauche deine eigene Urteilskraft.

Das neue Testament enthält auf den ersten Blick keine vergleichbare Weisheitsliteratur. Die vier Evangelien reden ja über Jesus und geben Worte Jesu, reden von seinem Umgang mit den Menschen, zeigen, wie er mit Menschen, vor allem mit Armen, Kranken, Verachteten umgeht und ihnen zu verstehen gibt, dass ihnen Gott besonders nahe ist. Aber wir könne doch einige Texte des Neuen Testamentes besser versehen, wenn wir sie als Weisheitsliteratur anschauen. Ein sehr gutes Beispiel ist das Evangelium, das wir eben gehört haben. Dass ein guter Baum gute Früchte, ein schlechter schlechte Früchte bringt, ist eine typische Aussage der Weisheitsliteratur. Die Fortsetzung bringt sofort das Entscheidende: Das Herz des Menschen ist wie ein guter oder ein schlechter Baum, und entsprechend ist auch das, was aus dem Herzen kommt, was ein Mensch redet: es ist gut oder nichts wert. – Schauen wir den Abschnitt, der unmittelbar davor steht, an. Da ist von einem Splitter, einem kleinen Stück Holz und einem Balken im Auge die Rede. Der Wortlaut ist typisch für Weisheitsliteratur, er übertreibt, bringt eine unmögliche Vorstellung: Wie kann im Auge ein Balken Platz haben! Doch die Aussage ist völlig klar: Ein Mensch, der einen anderen kritisiert, ihm seine Fehler vorhält, ihn korrigieren will, ist sich nicht bewusst, dass er selber viel grössere Fehler hat. Der Text ruft also dazu auf, dass wir uns selber prüfen, über unser Verhalten nachdenken müssen, bevor wir andere beurteilen oder korrigieren wollen. Wenn wir diese Prüfung unsres eigenen Verhaltens nicht machen, bevor wir andere korrigieren wollen, sind wir Blinde, die einen Blinden führen, wie der vorangehende Weisheitsspruch sagt, und beide fallen in die Grube, das heisst, es gibt keinen Nutzen sondern nur Schaden.

Werfen wir noch einen Blick auf die griechische Kultur. Am Tempel des Gottes Apollon in Delphi war geschrieben: Γνῶθι σαυτόν „Erkenne dich selbst!“ / „Erkenne, was Du bist!» Dieser Satz ist die Grundlage aller Weisheitsliteratur und aller Bemühung, sein Leben gut zu gestalten. Es geht nicht darum, sich immer mit sich selber zu beschäftigen, sich selber als das Wichtigste zu sehen, und sich selber in den Mittelpunkt zu stellen. Es ist im Gegenteil die Aufforderung, ehrlich und offen immer seine Wünsche, Interessen, Hoffnungen und sein eigenes Verhalten anzusehen, sich zu prüfen oder, wie wir religiös sagen, sein Gewisssen zu erforschen. Sich selber zu erkennen ist eine unumgängliche, absolut notwendige Bemühung, um weise zu werden.

Hören wir zum Schluss den Apostel Paulus, der für uns das entscheidende Wort zur Suche nach Weisheit sagt: «Wir verkünden Christus als den Gekreuzigten: für Juden ein Ärgernis, für Heiden eine Torheit, für die Berufenen aber, Juden wie Griechen, Christus, Gottes Kraft und Gottes Weisheit. Denn das Törichte an Gott ist weiser als die Menschen und das Schwache an Gott ist stärker als die Menschen.» Jesus Christus ist für uns «Gottes Weisheit». Unsere Beziehung zu Jesus Christus, das Hören auf seine Worte im Evangelium, das Nachdenken über ihn und sein Wirken, wie Paulus mit seinen Briefen uns anregt, das hilft uns, weise zu werden. Jesus Christus feiern in der Liturgie, uns mit seinem Wort und dem heiligen Brot nähren, führt uns in seine Weisheit ein. Bei allem, was wir erleben, was uns freut und Sorge macht, alles, was wir planen und machen, bei allem immer durch das Beten mit ihm verbunden sein: das schenkt uns die Gabe der Weisheit. So dürfen wir zuversichtlich hoffen, dass uns Philosophie, Juristerei, Medizin, Theologie und alle anderen geistigen Bemühungen zu mehr führen als zu Fausts Klugheit. Jesus Christus, Gottes Kraft und Gottes Weisheit wird uns in Lebensweisheit führen.