P. Pascal Meyerhans am Hochfest Epiphanie 2022

06.01.2022

In unserm Chor, links des Tabernakels befindet sich ein grosses Relief, ein plastisches Bild, das die Erscheinung des Herrn darstellt. Zuoberst am Relief ist ein goldener Stern, der die ganze Umgebung mit Strahlen in freudiges Licht stellen soll. Von allen Seiten kommen Engel, Menschen, Weise und andere, die dem neugeborenen Kind Ehre erweisen wollen. So auch drei meiner Mitbrüder. Sie sind in ihrer menschlichen Eigenart, ohne dass sie es ahnten, zu diesem neugeborenen Kind gekommen, glauben aber ganz bestimmt, dass es das erwartete Licht ist und verehren es jeder in seiner Art, ohne dass sie es wissen und wollen.

Vor gut 60 Jahren, als ich Schüler war, hat die Nebenabteilung unserer Klasse einen strengen, in seiner Art aber originellen Lateinlehrer gehabt. P. Cuno. Es gab Momente, wo er seine angsteinflössende Strenge ablegte und zur Klasse sagte: «Der heutige Tag verdienst es.» Das war für die Klasse jeweils ein unerhörtes Aufatmen. Einmal ging er mit seinen Schülern vor dieses Relief und erklärte das Bild in seinem kunstgeschichtlich, wirklich amüsanten Jargon, aber auch mit theologischer Feinheit, wobei er den strahlenden Stern von Bethlehem nicht vergessen hat. Das alles wurde für die Klasse zu einer richtigen Sternstunde und die blieb es auch. – In dieser Klasse gab es einen Schüler, der diesen Lehrer treffend nachahmen konnte. Und so bekamen wir, die nicht dabei Gewesenen, nachher ebenfalls eine einmalig köstliche Schilderung dieses Bildes. Natürlich hat die ganze Klasse schallend gelacht. Und wir wussten, obwohl wir das Bild noch nie gesehen hatten, wie es aussehen musste. Ist ja klar, es sah dann immer noch übertrieben anders aus, als es in Wirklichkeit war. Was dieses Klassen-Original, unser Clown, bei jeder Gelegenheit zum grossen Vergnügen für uns Schüler und auch Lehrer schilderte, war natürlich der Lehrer, nicht das Bild. Das Bild bleibt mir aber seither – zusammen mit dem Lehrer – in lebhafter Erinnerung.

Der zweite Mitbruder war Bruder Paul, unser unvergesslicher Sakristan. Die Chorrestauration war eben fertig. Der Papstbesuch für die Einweihung des Altars stand bevor – vor 40 Jahren. Weil das neurenovierte Relief durch die Arbeiten vom Staub wieder befallen war, hat Bruder Paul es in aller Eile nochmals abgestaubt und dabei in der Hast einen Finger eines Weisen aus dem Morgenland im Relief abgebrochen. Bruder Paul war so verwirrt, dass er deswegen weinte und als er es dem Verantwortlichen beichtete, hat der gemeint, er müsse halt aufpassen. Der Stuckateur war noch im Haus und hat den abgebrochenen Finger wieder angegipst. Das sei doch nicht so schlimm, meinte er. Für Bruder Paul ist dadurch sein verschwundener Stern wieder aufgetaucht und hat von neuem wie immer für ihn und für uns alle geleuchtet.

Der dritte Mitbruder war P. Karl. Heute ist gerade sein Todestag. Er war ein träfer, in seiner Art lieber, ehrlicher aber auch kraftvoller Haudegen. Bei guter Stunde hat er mir einmal gesagt, als wir in der Nähe des Reliefs standen: Schau dort jenen mit der grossen Glatze, der vor dem Jesuskind fast auf dem Boden liegt und Geschenke bringt, den kann ich nicht ausstehen. Das ist ein richtiger Schleimer. Ich musste lachen und P. Karl war glücklich, weil er mich aufheitern konnte. Auch sein Stern ging wie immer wieder auf.

Die drei Mitbrüder sind schon lange tot. Jeder hat dieses Relief in seiner Art erlebt und erfahren. Jeder wollte doch dem Jesuskind, gleich den drei Weisen, das Schönste und Beste entgegenbringen – aber auf menschliche Art, ganz unbewusst. Ich bin überzeugt: die drei lieben Mitbrüder sehen das grosse Geheimnis der Erscheinung – jeder in seiner Art – heute ganz anders, nämlich so, wie es in Wirklichkeit ist: für sie ist jetzt der wahre Stern wirklich aufgegangen. Das Jesuskind strahlt ihnen dankbar freudig entgegen. Was würden sie wohl lächelnd zu uns sagen, zu uns, die wir meinen, wir wüssten alles besser und hätten alles im Griff – wie sie damals, die drei Mitbrüder?