P. Mauritius Honegger am Hochfest der Gottesmutter Maria / Neujahr 2022

01.01.2022

Liebe Mitchristen,

Die Liturgiereform nach dem zweiten Vatikanischen Konzil war ein Versuch, in den Gottesdiensten das Wesentliche wieder besser zur Geltung zu bringen. Heiligenfeste wurden zurückgestuft, Marienfeste wurden zu Christusfesten umbenannt. So ist etwa aus Mariä Lichtmess am 2. Februar das Herrenfest Darstellung des Herrn geworden oder Mariä Verkündigung am 25. März zur Verkündigung des Herrn.

Dieser Versuch, im liturgischen Kalender das Wesentliche, Christus, hervorzuheben, ist der Liturgiereform für den heutigen Tag offensichtlich nicht gelungen. Es herrscht eher Verwirrung darüber, was wir heute eigentlich feiern. Die Liturgiewissenschaftlerin Gunda Brüske etwa stellt fest: „Wohl kein Fest in der katholischen Kirche hat mehr und unterschiedlichere Namen als dieses: Hochfest der Gottesmutter Maria, Oktavtag von Weihnachten, Namensgebung des Herrn, Neujahr, Weltfriedenstag“.

Hier ist etwas passiert, was erstaunlich ist, weil es im Widerspruch steht zum genannten Ziel der Liturgiereform: Ein Herrenfest ist einem Marienfest gewichen. Das Fest der Beschneidung des Herrn, am achten Tag nach der Geburt, wie wir es im Evangelium gehört haben, ist dem Fest der Gottesmutter Maria gewichen.

Es erstaunt deshalb nicht, dass es unter den Theologen auch kritische Stimmen zum heutigen Fest gibt: Der Liturgiewissenschaftler Hansjörg Auf der Maur spricht von einem „künstlich rekonstruierten, seit über tausend Jahren abgestorbenen Fest“. Und der Dogmatiker Jan-Heiner Tück fragt sich, ob „das marianische Symbolkapital im kirchlichen Kalender tatsächlich noch weiter aufstockungsbedürftig sei“, und er findet, dass „die Kirche nichts verlieren, aber einiges gewinnen würde, wenn sie das Hochfest der Gottesmutter zur Disposition stellen und den Gedenktag der Beschneidung des Herrn wieder einführen würde“.

Wie alles in der katholischen Kirche muss auch eine Liturgiereform mit der Tradition begründet sein. Und tatsächlich gab es in Italien im frühen Mittelalter einmal ein Marienfest am 1. Januar. Der Ursprung des Beschneidungsfestes liegt hingegen in Spanien und Gallien. Seit dem 6. Jahrhundert gab es dort ein liturgisches Gedenken an dieses wichtige Ereignis im noch jungen Leben des Jesuskindleins. Spätestens im 12. Jahrhundert wurde das Beschneidungsfest dann auch in der römischen Kirche übernommen. Auch die orthodoxen Kirchen und einige evangelische Konfessionen erinnern sich in ihren Gottesdiensten am achten Tag nach Weihnachten an die Beschneidung Jesu. Es ist bemerkenswert, dass die katholische Kirche diese lange Tradition und den ökumenischen Konsens ohne weiteres aufgekündigt hat. Über die Gründe kann nur spekuliert werden.

Vielleicht wurde es als peinlich empfunden, am ersten Tag des neuen Jahres im Gottesdienst etwas zu thematisieren, was man zugespitzt auch als Genitalverstümmelung bezeichnen könnte. Das kann man den Leuten doch nicht zumuten. Dann doch lieber über den Weltfrieden oder über Maria predigen. Aus pastoraler Perspektive ist das sicher einfacher.

Ein gutes Beispiel für diesen pastoralen Ansatz finden wir auf der Internetseite unseres Klosters: „Mit der Vesper am 31. Dezember beginnt liturgisch gesehen das Hochfest der Gottesmutter Maria, an deren Hand wir das alte Jahr beschliessen und das neue Jahr vertrauensvoll beginnen wollen“. An der Hand von Maria ins neue Jahr hinübergehen – das ist doch eine wunderbare Vorstellung. Und es ist ja auch wichtig, dass die Gottesdienste, die wir feiern, den Menschen Mut machen und Trost spenden, gerade an einem so wichtigen Tag wie Neujahr.

Dennoch möchte ich noch auf einige Aspekte hinweisen, die mir im Zusammenhang mit der Beschneidung Jesu wichtig erscheinen: Der heutige Evangeliumsabschnitt (Lk 2,16-21) steht im zweiten Kapitel des Lukasevangeliums. In den ersten zwei Kapiteln seines Evangeliums erzählt der Evangelist Lukas die Ereignisse der Geburt und Kindheit Jesu. Dabei bemüht er sich aufzuzeigen, dass Jesus in einer gesetzestreuen jüdischen Familie aufwächst.

Paulus sagt dasselbe in komprimierter Form: „Gott sandte seinen Sohn, geboren von einer Frau und dem Gesetz unterstell“ (Gal 4,4). Damit bringt er auf den Punkt, was auch Lukas sagen will. Aber der Stil des Lukas ist anders, blumiger. Lukas liebt es, Geschichten zu erzählen. Um zu zeigen, dass das Leben Jesu von Geburt an durch das jüdische Gesetz geprägt wird, erzählt er, wie Maria und Josef die im Gesetz des Mose vorgeschriebene Reinigung vollziehen und im Tempel das entsprechende Opfer darbringen (vgl. Lk 2,22-24). Lukas erzählt auch, wie die Familie Jesu an den Wallfahrtsfesten nach Jerusalem pilgert, so wie das von frommen Juden erwartet wird (vgl. Lk 2,41-42). Und in diesen Zusammenhang gehört eben auch die Beschneidung, von der der heutige Evangeliumsabschnitt berichtet.

Lukas erwähnt das Ritual der Beschneidung sogar zweimal in den beiden Anfangskapiteln seines Evangeliums: Schon Johannes, der nur wenige Monate älter ist als Jesus, wird am achten Tag nach seiner Geburt beschnitten (vgl. Lk 1,59). Beide Buben erhalten bei dieser Gelegenheit auch ihren Namen.

Die Beschneidung ist das Zeichen des Bundes zwischen Gott und dem Volk Israel und wird im Buch Genesis auf den Stammvater Abraham zurückgeführt. Dort spricht Gott zu Abraham: „Das ist mein Bund zwischen mir und euch samt deinen Nachkommen, den ihr halten sollt: Alles, was männlich ist unter euch, muss beschnitten werden. Am Fleisch eurer Vorhaut müsst ihr euch beschneiden lassen. Das soll geschehen zum Zeichen des Bundes zwischen mir und euch. Alle männlichen Kinder bei euch müssen, sobald sie acht Tage alt sind, beschnitten werden“ (Gen 17,10-12).

Das körperliche Zeichen der Beschneidung ist der Ausdruck einer geistlichen Wirklichkeit, so wie auch unsere Sakramente materielle Zeichen für eine geistliche Wirklichkeit sind. Die Beschneidung ist ein Initiationsritual ähnlich unserer Taufe. Wie die Taufe das Ritual für die Aufnahme in die Kirche ist, so bedeutet die Beschneidung nach jüdischem Verständnis die Aufnahme in das Bundesverhältnis zwischen Gott und dem Volk Israel.

Die Wirkung der Taufe und der Beschneidung ist unauslöschlich; Gott nimmt seine Heilszusage nie mehr zurück. Die Zugehörigkeit zum Volk Gottes oder zur Gemeinschaft der Kirche gilt für das ganze Leben und sogar über den Tod hinaus. Doch während das Wasser der Taufe schnell wieder trocknet, bleibt die Vorhaut ein Leben lang abgeschnitten. Die Beschneidung kann nicht mehr rückgängig gemacht werden und ist deshalb ein bleibendes körperliches Zeichen, das den gläubigen Juden immer an seinen Bund mit Gott erinnern wird.

Das Gedenken an die Beschneidung Jesu am achten Tag nach seiner Geburt verdeutlicht nochmals das Festgeheimnis von Weihnachten und betont einen wichtigen Aspekt der Menschwerdung Gottes: Die Inkarnation vollzieht sich nicht im abstrakten Raum, sondern in einer konkreten menschlichen Person. Wenn Gott Mensch werden wollte, musste er sich für ein konkretes Individuum entscheiden. Und dieses Individuum ist Jesus von Nazareth. Darum ist für uns sein Leben so wichtig.

Zu den historischen Fixpunkten dieses Lebens gehören ein konkreter Ort, Galiläa, und eine konkrete Zeit, das erste Jahrhundert, aber auch ein konkretes ethnisches und kulturelles Umfeld. Gott ist Mensch geworden in einem jüdischen Mann, in einem Mitglied seines Bundesvolkes. In diesen Bund ist Jesus durch seine Beschneidung aufgenommen worden. Diesen Bund hat er später erneuert in seinem Blut. In diesen Bund sind auch wir hineingenommen durch unsere Taufe. Auf diesen Bund können wir bauen, auch im neuen Jahr, egal was es bringen wird. Diesen neuen und ewigen Bund zwischen Gott und den Menschen dürfen wir auch jetzt wieder miteinander feiern im Sakrament der Eucharistie. Amen.