P. Daniel Emmenegger am Fest Taufe des Herrn 2022

09.01.2022

Neulich war am Radio von der «Credibilität» die Rede. Man möchte die Glaubwürdigkeit u. a. von Staaten und Regierungen messen, indem  man fragt, wie sich deren Versprechungen und formulierten Ziele zur Wirklichkeit verhalten: Hält man sich an die Versprechungen? Werden die Ziele auch tatsächlich erreicht? Je mehr dies bejaht werden kann, desto höher die «Credibilität» bzw. «Glaubwürdigkeit», desto höher damit auch die Wahrscheinlichkeit, dass Versprechungen auch in Zukunft gehalten, gesetzte Ziele erreicht werden. Für die Höhe der «Credibilität» ist darüber hinaus auch entscheidend, ob man sich eher hohe Ziele gesetzt hat oder die Messlatte doch eher tief ansetzt.

Die Messlatte in der heutigen Lesung aus dem Buch Jesaja ist sehr hoch, die Verheissung wahrlich gross: «Der Frondienst ist beendet … die Schuld ist gesühnt … die Herrlichkeit des Herrn offenbart sich, ja, Gott selbst kommt; alles Fleisch wird sehen.» Es wundert daher kaum, dass die Menschen, die die Verheissung des Propheten Jesaja kannten, «voll Erwartung» waren und Ausschau hielten nach der Erfüllung dieser Verheissung, wie wir zu Beginn des eben gehörten Evangeliumsabschnittes vernommen haben. Sie erfüllte sich auch tatsächlich, allerdings nicht in der Person Johannes’ des Täufers, sondern in der Person dessen, von dem Johannes sagt, dass er stärker ist als er und der nach diesem Zeugnis sogleich in Szene tritt: Jesus, der der Krippe inzwischen entwachsen ist und sich als erwachsener Mann unter die Menschen einreiht. Wir könnten also sagen, das Buch Jesaja habe maximale «Credibilität»!

Das Ganze hat natürlich eine Crux, denn: Maximale «Credibilität» wird dem Propheten Jesaja nur zusprechen, wer dem Zeugnis des Johannes glaubt. Erst, wenn sich daraufhin nicht nur mein Blick auf Jesus richtet, sondern auch mein Glaube – erst dann werde ich auch anerkennen können, dass sich erfüllt hat, wovon Jesaja sprach; dass Jesaja also maximal glaubwürdig ist. Für Jesus selbst aber gibt es keinen «Credibilitäts-Wert»! Kein menschliches Mass kann messen, was alle Masse sprengt und wovon uns die Weihnachtszeit, die mit dem heutigen Fest endet, ununterbrochen gekündet hat: Gott wird ein sterblicher Mensch, und wir sterblichen Menschen empfangen in Christus göttliches Leben (Weihnachtspräfation III).

Gott zeigt sich in unserer Welt und in unserer Geschichte als dieser konkrete Mensch Jesus und bittet geradezu, dass wir ihm unseren Glauben schenken. Wenn wir heute nochmals auf das Kind in der Krippe schauen, bevor die Krippen an den meisten Orten in den kommenden Tagen wieder abgebaut werden, – müssen wir dann angesichts des Kindes Jesu nicht sagen, dass Gott demütiger und bescheidener um unseren Glauben gar nicht bitten könnte? Könnte es sein, dass der Ewige uns Sterbliche gerade auch deshalb so um unseren Glauben gleichsam anfleht, weil er weiss, dass wir keine Möglichkeit haben, die Glaubwürdigkeit Gottes irgendwie zu messen und zu prüfen, was wir doch so gerne täten? Fleht er uns auch deshalb an, weil er weiss, dass wir ihm unseren Glauben auch verweigern können?

Tatsächlich scheint es hier nur ein «Entweder-Oder» zu geben: Entweder schenke ich Gott meinen Glauben, oder ich verweigere ihm dieses Geschenk.

Entweder glaube ich dem Zeugnis des Johannes, der Apostel, der ganzen Kirche, das durch die Zeiten hindurch bis an mein Ohr drang und glaube damit Christus. In diesem Zusammenhang ist es bemerkenswert, dass der heilige Benedikt in seiner Regel denjenigen, der diesen Glauben in erster Linie bezeugt (gemeint ist damit der Abt eines Klosters) ermahnt, mehr mit seinem Beispiel zu bezeugen als mit Worten (RB 2,12). Wenn ich glaube, dann muss ich auch mein Leben nach diesem Glauben ausrichten; muss ich dem Wort meines Zeugnisses lebendige Gestalt geben bzw. zulassen, dass Christus in mir und durch mich Gestalt gewinnt. Diejenigen, denen nach der Regel des heiligen Benedikt das Zeugnis gilt (gemeint sind damit die Mönche eines Klosters) fordert Benedikt dagegen auf, das zu tun, was der Zeuge sagt und nicht, was er tut – also eher die Worte zu befolgen als auf das Beispiel zu schauen (RB 4,61). Der heilige Benedikt war sich offenbar bewusst, dass der menschliche und oft allzu menschliche Zeuge immer hinter dem letztlich Unfassbaren, das er bezeugt, zurücksteht; der Gestaltwerdung Christi in ihm noch oft genug Hindernisse in den Weg legt.

Oder – und das ist die Alternative: Ich glaube dem Zeugnis des Johannes, der Apostel, der Kirche nicht und damit auch nicht Christus! Dann werde ich taub für die Stimme Gottes, die uns zuruft: «Dieser ist mein geliebter Sohn!»; ich vermag den offenen Himmel über mir und über meinem Leben nicht zu sehen, werde zurückgeworfen auf die Erde und auf mich selbst und überfordere die Erde, die Menschen und mich selbst mit meinen Erwartungen, sofern ich welche habe; ich vermag die Gestalt der Taube über Jesu Haupt nicht zu sehen, ich kann höchstens noch «in Jesu Geist … denken und handeln», aber nicht glauben, was dem Wissen und Denken der Menschen angeblich nicht entspricht, wie jüngst in einem Leserbrief in einer Tageszeitung zu lesen war. Selbst wenn das Zeugnis eines Glaubenden in mir ganz sanft etwas «zum Klingen» bringt; etwas, das mich vielleicht über meinen irdisch-begrenzten Horizont hinausführen könnte, so fixiere ich meinen Blick auf Dauer dann doch auf die Diskrepanz zwischen dem Zeugen und dem Unfassbaren, das er bezeugt – und nehme an beidem Ärgernis. Nicht, dass ich dann nichts mehr glaube. Eher laufe ich Gefahr, meinen Glauben allem möglichen zu schenken, denn: «Der Glaube ist dem Menschen angeboren, scheint aber Gottes Sonne nicht hinein, so spuckt der Teufel darein.» So hat es vor 200 Jahren Jeremias Gotthelf in seinem Roman «Anne Bäbi Jowäger» ausgedrückt.

Gottes Sonne ist in unserer Welt in Jesus Christus aufgeschienen. Gott wurde ein sterblicher Mensch, und wir sterblichen Menschen empfangen in Christus göttliches Leben (Weihnachtspräfation III). Er schreit nicht, er lärmt nicht; er reiht sich demütig unter uns und in unser Leben ein und bittet um das Gut unseres Glaubens – auch heute! Sind wir bereit, dem Credo, das wir gleich mit unserem Munde sprechen werden, auch in unserem Leben konkrete Gestalt zu geben bzw. unser Leben von dem, dem wir glauben, formen zu lassen?