P. Cyrill Bürgi zum Sonntag des Wortes Gottes

23.01.2022

P. Cyrill predigt am 3. Sonntag im Jahreskreis, Sonntag des Wortes Gottes
Lesung: Neh 8,2-10; Evangelium: Lk 1,1-4; 4,14-21

Wir haben uns an die Texte der Bibel gewöhnt. Sie werfen uns nicht mehr vom Hocker. Zudem sind die meisten wundersame Ge­schichten, die heute nicht mehr so passieren. «Heute hat sich das Schriftwort erfüllt» galt für die Menschen in Nazaret, aber das ist vorbei. Gottes Wort lässt sich heute nicht mehr unmittelbar vernehmen, so denken wir erfahrungsgemäss in unserem Alltag.

Manchmal schrecken wir vor der Lektüre der Bibel zurück, weil wir nicht alles verstehen, ja weil gewiss Dinge gar ab­stossend sind. Egal wie viel wir verstehen, solange wir leben, was wir verstehen, leben wir aus dem einen Wort.

Nicht nur in der Bibel auch in der Schöpfung spricht Gott sich aus – in der Ordnung, der Schönheit, den Zyklen. In der Lebens-, und Heilungskraft und den Zusammenhängen erkennen wir das Wort des Schöpfers: «Es werde!» – und es wurde gut – und es wird immer noch gut.

Und was in der Geschichte geschieht, passiert unter Seinem Wort, das Gutes für diese Welt im Sinn hat (vgl. Gen 50,20). Sein Wort ist letztlich der Clou, die Pointe des Lebens. Ich bin überzeugt, dass kein Mensch dieser Erde, der in seinem Leben Sinn erkennt, diese Pointe verpasst. Wer liebt, wird verstehen.

Des Weiteren hören wir in unserem eigenen Innern die Stimme Gottes, die uns zum Guten lenkt, das Gewissen, das uns führt. Es ist ausserdem die Sehnsucht nach Liebe und Frieden, die wir als wirkendes Wort in unserem Herzen vernehmen. Deswegen dürfen wir Situationen, in denen wir leben, Bitten von Menschen in Not als Ruf Gottes inter­pretieren. Unsere Zeit, jede Zeit ist voll von Gott, voll Gottes Wort.

Ein Liebender wird verstehen, dass auch 2022 gilt: «Heute hat sich das Schriftwort erfüllt» (Lk 4,21).

Mit dem Ps 119 möchte ich mit Ihnen all diese Gedanken zusammenfassen. Der Dichter dieses Psalms ist ein grosser Liebender, der verstanden hat, dass es immer «nur» um das eine Wort Gottes geht: Das Wort des Herrn, das Wort der Liebe. Sein Wort entfaltet sich zwar auf 1000fache Weise, bleibt aber trotzdem einfach.

In 176 Versen meditiert der Psalm über dieses Wort Gottes, das als Weisung, Gesetz und Verheissung dem mensch­lichen Leben Sicherheit, Freude und Ziel gibt. Der Psalm hat 22 Strophen und ist schön geordnet entspre­chend der 22 Buchstaben des hebräischen Alphabets. Die acht Verse jeder Strophe beginnen alle mit demselben Buchstaben. (Die Psalmen 9, 19, 25, 34, 37, 111, 112, 145 sind ebenfalls als alphabetisches Akrostichon aufgebaut).

Der hebräische Dichter variiert mit acht Bezeichnungen für Gottes Wort. Die lateinische Übersetzung verwendet sogar elf verschiedene Ausdrücke. Diese werden synonym ver­wendet, bezeichnen dasselbe, wenn auch mit Nuancen. Die deutsche Einheitsübersetzung gebraucht ebenfalls ver­schie­dene Ausdrücke. Man sollte auch hier keine grossen Unterschiede vermuten.

Im Antwortgesang haben wir einige Verse dieses Ps 119 gehört. Mit Ihnen zusammen möchte ich nun einzelne Verse daraus anschauen. Ich lade Sie ein das Kirchen­gesang­buch bei Nummer 630.1 zu öffnen. Da findet sich eine Auswahl von Versen dieses Psalms. Leider ist es keine kompakte Strophe, sondern einzelne Vers willkürlich zu­sammengefügt. Die Versangaben sehen Sie am Ende des Psalm­textes. Trotzdem wird klar: Das eine «Wort Gottes» wird in einer Auswahl von Synonymen wieder­gegeben: «Wei­sung», «Gesetz» (im Pl. und Sg.), «Wort», «Vor­schriften», «Verheissung», «Gebote» (Pl.), «Urteile» (Pl.)

Schauen wir uns die einzelnen Verse an:

«Herr, öffne mir die Augen für das Wunderbare an deiner Weisung» (Ps 119,18)! Nehmen wir mal an, dass Gottes Wort sich in der Natur offenbart, dann zeigt sich Gottes Weisung in der wechsel­vollen Schönheit der Jahreszeiten, im Rhythmus von Tag und Nacht; in der Notwendigkeit von Arbeit, Essen, Ruhe und sozialem Austausch. «Weisung» also ver­standen als die von Gott gegebene Ordnung. Die Rhyth­men der Zeiten annehmen, bedeutet also, Sein Wort hören.

«Ich habe meine Freude an deinen Gesetzen, dein Wort will ich nicht vergessen» oder später «Wäre nicht dein Gesetz meine Freude, ich wäre zugrunde gegangen in meinem Elend» (Ps 119,16.92). An Gesetzen haben wir gewöhnlich keine Freude. Wir fühlen uns durch sie eher eingeschränkt. Der Psalm spricht aber nicht von juridischen Gesetzes­vorschriften. Er spricht von dem, was Gott gesetzt hat, was vorgegeben ist. So ist unsere DNA gesetzt; unsere Eltern, unser Charakter und das weitere Umfeld sind mit unserer Geburt gesetzt. Unsere ureigene Aufgabe besteht darin, dies anzunehmen, ja Freude daran zu gewinnen, Freude an dem, was gesetzt ist, um darin Sein Wort zu hören und Seinen Anruf nicht zu vergessen. Die Selbstannahme als Antwort auf Seinen Ruf. Die Selbstliebe als Ausdruck der Gottesliebe.

«Deinen Vorschriften neige mein Herz zu, doch nicht der Habgier!», heisst es weiter. «Ich will deiner Weisung beständig folgen auf immer und ewig. Auch wenn mich die Stricke der Frevler fesseln, vergesse ich deine Weisung nicht» (Ps 119,36.44.61). Hier ist das Wort im Herzen angesprochen. Gottes Wort spricht durch das Gewissen. Im Widerstreit, der sich oft im Innern ab­spielt, tritt Gottes Wort klar zutage. Es ist Seine Weisung, Sein Wort im Innern, das wir deutlich vernehmen, auch wenn wir nicht immer danach handeln.

Ein ganz schöner Vers ist der folgende: «Dein Wort ist meinem Fuss eine Leuchte, ein Licht für meine Pfade» (Ps 119,105). Damit können wir die Worte der Bibel verstehen, die Evange­lien, die Seligpreisungen etc.
Genauso dürfen wir darunter das gute und aufbauende Wort eines lieben Menschen verstehen. Wohlwollende Äusserungen und Gesten sind ein Ausdruck der Güte Gottes. Sie stabilisieren unseren aufrechten Gang und lassen unser Würde erkennen. Es ist Licht auf dem Weg, wenn wir einander sagen: «Ich habe dich lieb!» Es ist Sein Wort, wenn wir verzeihen und sagen: «Friede mit dir!»

Den nächsten Vers verbinden wir mit dem letzten: «Festige meine Schritte, wie du es verheissen hast» und «Meine Zunge soll deine Verheissung besingen» (Ps 119,133.172). Es ist eine Verheissung, wenn wir im Gottesdienst immer wieder hören: «Gott hat diese Welt gut gemacht. Er hat sie erlöst und er wird sie vollenden in seiner Liebe.» Dieses Wort der Verheissung ist nicht ein allgemeines Trostwort, sondern wir dürfen es in unsere Lebenssituation hineinsprechen lassen: «Gott meint es gut mit mir!» Es festigt meinen Schritt, wenn ich das Versprechen höre: «Ich habe dich beim Namen gerufen. Du bist mein!» (Jes 43,1).

Ja, «das Wesen deines Wortes ist Wahrheit, deine gerechten Urteile haben alle auf ewig Bestand» (Ps 119,169). Gottes Wesen ist wahr, klar, offen und transparent. Er hat keine verborgene Agenda. Deshalb hat sein Urteil über die Welt Gültigkeit: «Mein Sohn, meine Tochter, bist du! Du bist gut.» Dieses Urteil trifft auch meinen Nächsten, ja den Feind. Aus jeder zwischenmenschlichen Begegnung kommt uns also dieses Wort Gottes entgegen.

Es wurde hoffentlich klar, was ich vermitteln wollte: Der Ps 119 meditiert über das eine Wort Gottes, das der Dichter in seinem Alltag auf vielfältige Weise vernimmt.

Auf mannigfaltige Weise ist Gottes Wort auch heute hörbar – nicht weniger als vor tausenden von Jahren. Natürlich nicht so, wie wenn wir den Radio andrehen, aber doch im Glauben deutlich vernehmbar. Die Liebe versteht: «Heute erfüllt sich Gottes Wort.»

Beten wir um diesen Glauben – vielleicht mit den Worten des Psalmisten: «Herr, öffne mir die Augen für das Wunder­bare an deiner Weisung», für dein Wort im Alltag.