P. Philipp Steiner zum Zweiten Adventssonntag 2021

05.12.2021

Liebe Schwestern und Brüder, es ist ein besonderes Evangelium, das wir heute, am Zweiten Adventssonntag, zu hören bekommen. Wie schon am vergangenen Sonntag, als wir an die Wiederkunft des Herrn erinnert und zur Wachsamkeit und zum ständigen Gebet ermahnt worden sind, so setzt uns die Kirche in ihrer Leseordnung auch heute keinen «vorweihnachtlichen Wohlfühl-Bibeltext» vor.

Vielmehr stellt sie uns mit der sperrigen Figur des Täufers Johannes einen weiteren Adventsbegleiter vor Augen. Zusammen mit dem Propheten Jesaja, dessen Worte wir im Advent insbesondere in den Werktagsmessen ausgiebig als Lesungstexte zu hören bekommen und der Gottesmutter Maria, welche der «adventliche Mensch» schlechthin ist, begleitet uns Johannes am Zweiten und Dritten Adventssonntag durch den Gottesdienst – und hoffentlich auch durch die Woche.

Ausgehend vom eben gehörten Evangelium möchte ich mit Ihnen einige Gedanken teilen, wie uns Johannes der Täufer konkret durch die Zeit auf Weihnachten zu begleiten kann.

Der Evangelist Lukas verortet das Auftreten Johannes‘ des Täufers in den grossen politischen Kontext seiner Zeit. Wir hören vom Kaiser Tiberius, von Pontius Pilatus, von Herodes, weiteren lokalen Herrschern und den beiden religiösen Führern des damaligen Judentums. Diese illustren Persönlichkeiten stehen als Machtmenschen in krassem Gegensatz zum Aussteiger Johannes.

In einer Zeit, wo die mediale Öffentlichkeit unsere ganze Aufmerksamkeit erheischen will, lädt uns Johannes als Adventsbegleiter ein, mit ihm zusammen den Rückzug in die Wüste, in die Stille, zu wagen. Dieser Rückzug aus dem Lärm und Trubel der Welt soll uns helfen, wahrhaft Hörende zu werden, so wie es über Johannes heisst: «Da erging in der Wüste das Wort Gottes an Johannes […]» (Lk 3,2). Auch wenn der Advent schon etwas fortgeschritten ist und alles auf das Weihnachtsfest hindrängt: Gönnen wir uns den Luxus der Stille! Johannes möchte uns helfen, inmitten der leeren Phrasen das Wort Gottes an uns zu hören!

Dann heisst es weiter von Johannes, dass er «die Taufe der Umkehr zur Vergebung der Sünden» (Lk 3,3) verkündete. Taufe, Umkehr und Vergebung: dieser Dreiklang kann unsere Adventszeit mit Johannes bereichern. Wir sind eingeladen, uns in diesen Tagen dankbar an unsere eigene Taufe zu erinnern, in der wir aus Wasser und Geist zu Kindern Gottes wurden. Unsere Taufe ist die Geburt Christi in uns. Ziel des christlichen Lebens ist es, dass Christus immer mehr in unserem Leben, in unserem Beten, Denken, Sprechen und Tun Gestalt annehmen kann, so dass wir immer mehr mit dem Apostel Paulus sagen dürfen: «Nicht mehr ich lebe, sondern Christus lebt in mir» (Gal 2,2). Das ist das Geheimnis der Menschwerdung Christi in uns – das ist Weihnachten «live»! Weiter werden wir im Advent ermutigt, in unserem Leben umzukehren, wo wir den Weg der Liebe verlassen haben. Und wir werden mit der Vergebung beschenkt, wenn wir diese ehrlichen Herzens von Gott erbitten. Der Advent kann mit Johannes als unserem Begleiter ein Weg der Rückkehr sein. Als adventliche Menschen dürfen wir die vorhin gehörten Worte aus der Lesung aus dem Buch Baruch über das Volk Israel auch auf uns beziehen:  «Denn Gott führt Israel heim in Freude, im Licht seiner Herrlichkeit; Erbarmen und Gerechtigkeit kommen von ihm» (Bar 5,9).

Wenn der Evangelist Lukas dem Täufer Johannes die Verse aus dem 40. Kapitel des Propheten Jesaja zuschreibt, dann zeigt er damit auf, dass dieser dem verheissenen Messias als letzter der Propheten tatsächlich den Weg bereitet hat: «Bereitet den Weg des Herrn! Macht gerade seine Strassen! Jede Schlucht soll aufgefüllt und jeder Berg und Hügel abgetragen werden. Was krumm ist, soll gerade, was uneben ist, soll zum ebenen Weg werden» (Lk 3,4-5 / Jes 40,3-4). Was bedeutet dies für uns in dieser Adventszeit? Auch wir sollen dem Herrn den Weg bereiten. Nicht, indem wir beginnen, unsere wunderschöne Bergwelt umzugestalten, sondern indem wir die Landschaft unseres Herzens von Gott verwandeln lassen! Indem wir zulassen, dass er in uns die Berge der Überheblichkeit und des Stolzes abträgt und die Schluchten der Engherzigkeit, die uns von anderen trennen, mit seinem Erbarmen ausfüllt. Mit einem derart verwandelten Herzen ist der Weg bereit, dass der Herr darin einziehen und wohnen kann. Gleichzeitig bereiten wir damit dem Herrn auch den Weg zum anderen, indem wir wie Johannes Zeuginnen und Zeugen der Treue Gottes und seiner Liebe zu den Menschen sind.

Wenn wir in diesem Advent bei Johannes in die Schule gehen, dann werden wir auch gute Jüngerinnen und Jünger Jesu sein. Es ist ja kein Zufall, dass einige der Apostel (Andreas, Johannes, Philippus) zuerst Jünger des Johannes waren, ehe Jesus sie in seine Nachfolge rief. Johannes lässt sie gehen. Er bindet niemanden an sich, sondern er steht im Dienst dessen, den er als den Messias verkündet. Auch wir sind eingeladen, Gott in allem den Vortritt zu lassen, damit er unser Leben umgestalten und er uns als seine Botinnen und Boten in seinen Dienst nehmen kann.

So, liebe Brüder und Schwestern, werden wir wie Johannes der Täufer zu adventlichen Menschen. Wir werden damit zwar keine lautstarken «Rufer in der Wüste», wohl aber diskrete Zeigefinger auf den, der kommen wird. Wir werden Zeugen jener Verheissung, mit der das heutige Evangelium geendet hat und die sich an Weihnachten erfüllt: «Und alle Menschen werden das Heil Gottes schauen» (Lk 3,6). Amen.