P. Lukas Helg an Heiligabend

25.12.2021

In der festlichen Mitternachtsmesse in der Heiligen Nacht, 24. Dezember 2021, hielt Pater Lukas folgende Predigt:

Was für ein wunderbarer Text, dieses Evangelium der Heiligen Nacht! Klar – er stammt ja vom gebildetsten Evangelisten, vom heiligen Lukas! Ganz auffällig! Wer ergreift in diesem Evangelium als erster das Wort? – Nein, es ist nicht Kaiser Augustus, auch nicht der Statthalter Quirinius, auch nicht Josef oder Maria. Anfänglich läuft alles wie in einem Stummfilm ab. Erst in der zweiten Hälfte des Evangeliums ergreift der Engel das Wort und verkündet den Hirten: „Heute ist euch der Retter geboren“. Das ist für die Hirten die brandneue Nachricht dieser Nacht.

Und für uns? Leider nicht! Die Nachricht ist rund 2‘000 Jahre alt. Wir selber, je nachdem wie alt wir sind, haben die Nachricht schon so oft gehört. Ich zum Beispiel mindestens 70 mal. Nein, für uns ist diese Nachricht nicht mehr neu. Eigentlich total unvorstellbar in unserem Medienzeitalter. Nichts Schlimmeres als Meldungen, die nicht mehr neu sind. Was erleben wir denn heute? Eine immer schnellere Jagd nach den aktuellsten News. Und wir selber rennen mit, haben uns angepasst. Gehen Sie mal in eine Grossstadt oder in überfüllte Züge und zählen Sie die Leute, die ohne Handy unterwegs sind. Wohlgemerkt: – ohne Handy. Die sind nämlich leichter zu zählen. Wir sind fast immer on line, connected, um die neuesten News mitzubekommen.  „Heute ist euch der Retter geboren“ hat da Null Chance. Die Nachricht war einmal neu. Vor rund 2‘000 Jahren.

Warum sind wir der uralten Nachricht dieser Nacht gegenüber so verlegen? Wissen wir vielleicht gar nicht mehr so recht, was wir mit dieser Botschaft anfangen sollen? Sagt uns Weihnachten nichts mehr? Was ist der eigentliche Kern dieser Botschaft? Mit dieser Nacht ist nichts mehr so wie vorher. Mit dieser Nacht hat sich alles radikal geändert. Gott hat sich in diesem kleinen Baby total an unsere Welt gebunden. Er wird sich nie mehr von ihr distanzieren. Er gibt sie nie mehr verloren. Ja, er wird sich für sie – für uns! –  ans Kreuz schlagen lassen!

Liebe Schwestern und Brüder! Ist das nicht nur ein schönes Märchen, das wir den Kindern an Weihnachten erzählen – wie das Märchen vom Samichlaus oder vom Storch? Woher weiss ich denn, dass diese Botschaft wahr ist? Der Chor hat vorhin im Gloria  „Et in terra pax hominibus“ gesungen. Friede auf Erden! Wo ist denn dieser Friede? Woher weiss ich denn, dass Jesus wirklich auf diese Welt gekommen ist und den Frieden gebracht hat? Es spricht ja offensichtlich Einiges dagegen. Lesen Sie die Zeitungen oder schauen Sie sich die Tagesschau an. Von Frieden kann kaum gesprochen werden, nicht einmal in unserer scheinbar so friedlichen Schweiz. Ich höre von vielen Familien, die wegen der leidigen Pandemie und der Impferei zerstritten sind.

Ist das Geschehen der Heiligen Nacht nur eine Phantasie?  Was der heilige Evangelist Lukas erzählt, lässt sich nicht nachprüfen. Das kann man nicht beweisen wie die Verwüstungen durch einen Tornado in Amerika oder den Ausgang der Abstimmung zum Einsiedlerhof. Man kann nur daran glauben und sein Leben danach ausrichten. Ob das Geschehen von Weihnachten wahr ist, entscheidet sich in meinem Leben, an der Wirkung, die es auf mein ganz persönliches Leben hat. Die Wahrheit der christlichen Botschaft erweist sich an ihrer lebensverändernden Kraft. Gott sei Dank kennt die Glaubensgeschichte unzählige Beispiele dafür in den bekannten und unbekannten Heiligen. Mutter Teresa von Kalkutta, Martin Luther King, Albert Schweitzer. Vorbilder hätten wir genug. Wie oft muss es denn noch Weihnachten werden, bis ich verstehe, was Gott damit gemeint hat? Wie oft muss es denn noch Weihnachten werden, bis ich für mein persönliches Leben die Konsequenzen ziehe? Kennen sie die kürzeste Weihnachtspredigt? Sie stammt vom emeritierten Limburger Bischof Franz Kamphaus und heisst: „Mach’s wie Gott – werde Mensch!“  Amen!

Nach einer Mitternachtspredigt kam der Kirchenpräsident etwas verlegen in die Sakristei und sagte: „Herr Pfarrer! Danke für die tolle Weihnachtspredigt! Aber, ich muss Ihnen leider sagen: seit mindestens 5 Jahren halten Sie an Weihnachten immer die genau gleiche Predigt!“.  Als Kirchenpräsident war er natürlich besorgt um die Gesundheit seines Pfarrers. Er sah sich in der Verantwortung, um allenfalls bei beginnender Demenz des Pfarrers frühzeitig eingreifen zu können. Der Pfarrer reagierte zu seinem Erstaunen überhaupt nicht so, wie er es erwartet hätte, sondern sagte mit einem verschmitzten Lächeln: „Danke, Herr Kirchenpräsident, Danke, dass Sie mich darauf hinweisen. Ich weiss das schon, dass ich seit Jahren an Weihnachten immer die gleiche Predigt halte. Aber ich muss das ja auch, denn unsere Gemeinde lebt bisher immer noch nicht danach!“

Ob Gott nicht auch mit verschmitztem Lächeln ganz ähnlich denkt? Er redet uns zu Herzen mit immer der gleichen uralten Botschaft, Jahr für Jahr, Weihnachten für Weihnachten – und er hat – zum Glück für uns – die Hoffnung immer noch nicht aufgegeben, dass wir an ihn glauben und danach leben. Machen wir es doch endlich wie Gott: werden wir Menschen. Amen!

Nichts gegen Stille Nacht und nichts gegen den wunderbaren Weihnachtshymnus von Basilius Breitenbach. Aber mir fehlen darin die Impulse für mich. Mir fehlen die Konsequenzen für mein persönliches Leben. Wenn Sie mich fragen, was soll ich denn jetzt aus dieser Predigt mitnehmen, dann zitiere ich Ihnen die vierte Strophe eines Weihnachtsliedes aus unserem Kirchengesangbuch. Es hat den wunderbaren Refrain: „Weil Gott in tiefster Nacht erschienen, kann unsre Nacht nicht traurig sein.“ Die vierte Strophe heisst: „Nimm an des Christus Freundlichkeit, trag seinen Frieden in die Zeit.“ – „Nimm an des Christus Freundlichkeit, trag seinen Frieden in die Zeit.“ Bitte, nehmen Sie diesen Satz mit und versuchen Sie, danach zu leben! Wenn Sie das machen, dann wird es ganz bestimmt Weihnachten in Ihrem Leben – und drum herum!

Und jetzt, beim dritten Mal stimmt es wirklich: Amen. Ich wünsche Ihnen gesegnete Weihnachten!