P. Jean-Sébastien Charrière zum Fest der Heiligen Familie

26.12.2021

Sehr geehrte Damen und Herren

Was empfinden Sie, wenn Sie innerhalb einer Messe so angeredet werden: «Sehr geehrte Damen und Herren»!? Ist das nicht etwas formal und befremdend? Diese Anrede ist zwar korrekt und höflich, sie schafft aber eher eine Distanz. Hingegen das vielleicht zu vertraute «Liebe Schwestern und Brüder» drückt die Zugehörigkeit und die Verwandtschaft aus. Sie ist die Anrede unserer christlichen Begegnungen, denn in der Tat, auch wenn es nicht immer reibungslos geht, bilden wir eine Familie. Nicht umsonst beten wir mit Christus, in Christus und durch Christus «Vater Unser».

So ist das heutige Fest der Heiligen Familie nicht nur das Fest von Jesus, Maria und Joseph, sondern unser aller Fest. Jesus, Maria und Josef sind gleichermass Vorbild, aber auch Teil dieser Heiligen Familie, die wir als Christinnen und Christen bilden.

Was ist aber eine heilige Familie?

Das Wort «heilig» wird oft mit fromm verwechselt, oder für Menschen benützt, die ihr Leben ganz Gott gewidmet haben. Für viele ist aber die Heiligkeit nicht erstrebenswert, denn sie denken, dass „heilig sein“ auch so viel heisst wie langweilig, frömmlerisch, charakterlos, lebensfern zu sein, ja sogar, dass es mit Abtötung und Masochismus zu tun hat. Aber heilig hat vor allem mit Heil zu tun. Die Heiligkeit ist nichts anderes als die Gesundheit der Seele – die Gesundheit dessen, was unser ganzes Leben prägt und bewegt. Die Heilige Familie ist, mit anderen Worten, eine gesunde Familie.

Diese Gesundheit hat aber nicht mit äusserlichen Umständen zu tun. Es genügt das Leben von Joseph, Maria und Jesus zu betrachten, was sie durchgemacht haben, um festzustellen, dass für sie nicht alles optimal und problemlos ging, ganz im Gegenteil. Die Umstände dieser Familie sind nicht viel anders als jene zahlreicher Familien von heute, die ebenfalls Armut, Unsicherheit, Schmerz, Trennung, Unverständnis oder Ablehnung erleben. Josef, Maria und Jesus sind uns als Vorbild geschenkt nicht aufgrund dessen, was sie erlebt, sondern wie sie es erlebt haben. Was wir beobachten können ist, dass Gott immer im Zentrum ihres Lebens ist, was auch immer geschehen mag. Sie schenken Gott ihr Vertrauen und ihre Zuversicht, wissend dass er Ursprung, Teil und Erfüllung ihrer Familie ist. Deshalb sind sie Vorbild für jede Familie. Die Familie ist der Ort der Zugehörigkeit, der Verbundenheit, des gemeinsamen Ursprungs sowie der echten Solidarität.

Eine gesunde oder heilige Familie ist eine Familie, die diese Eigenschaften verkörpert. Auch wenn unsere leiblichen oder irdischen Familien diesem Ideal nicht immer entsprechen, ja manchmal sogar widersprechen, gibt es eine umfassende Familie, die uns alle verbindet. Als Getaufte sind wir bewusst Kinder Gottes geworden und gehören dieser Familie an. Nicht unser irdisches Blut, das einmal wieder zu Staub wird, macht uns zu einer Familie, sondern der Geist, der uns mit Gott und miteinander verbindet.

Jesus sagt: „Wer den Willen meines himmlischen Vaters erfüllt, der ist für mich Bruder und Schwester und Mutter“ (Mt 12,50; Mk 3,35). Der Wille des Vaters ist, dass wir das Leben in Fülle haben (siehe Joh 10, 10; Joh 6,40), und diese Fülle wird Wirklichkeit, wenn wir vereint mit ihm und miteinander leben. Wir werden Geschwister Jesu, in dem wir uns für die Einheit, für das Leben, für die Versöhnung entscheiden. «Daran werden alle erkennen, dass ihr meine Jünger seid: wenn ihr einander liebt» (Joh 13,35) verkündet Jesus im Johannesevangelium.

Die Liebe ist das Wesen des Lebens und der Familie. Im Gegensatz zur Sünde, die trennt und tötet, belebt, heilt und vereint die Liebe. Deshalb ist das erste und wichtigste Gebot: «Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit deinem ganzen Herzen und deiner ganzen Seele, mit deiner ganzen Kraft und deinem ganzen Denken, und deinen Nächsten wie dich selbst» (Lk 10,27). Liebe erweist sich immer in der Beziehung: gleichsam in der Beziehung zu Gott, zum Mitmenschen und zu sich selbst. Nur in Gott können wir die Kraft finden wahrhaftig zu lieben, denn Gott ist die Liebe (1Joh 4,8). Und die Liebe zu Gott verwirklicht sich in der Liebe zum Nächsten und zu uns selbst. Auch wir können uns selber nicht wirklich lieben lassen, wenn wir uns selber nicht annehmen und lieben. Wenn wir an uns selber zweifeln, werden wir immer auch an der Ehrlichkeit der Liebe unseres Nächsten zweifeln.

In dieser Zeit erleben wir viel Angst, Streit und Spaltung; so ist es besonders wichtig sich zu fragen, wie weit wir im Dienst des wahren Lebens und der Liebe sind, wie weit unsere Nächsten in uns Schwestern und Brüder erleben können. Das Hohelied der Liebe in dem Brief an die Kirche in Korinth kann uns helfen darüber zu meditieren und unser Gewissen zu erforschen:

« Die Liebe ist langmütig, die Liebe ist gütig. Sie ereifert sich nicht, sie prahlt nicht, sie bläht sich nicht auf. Sie handelt nicht ungehörig, sucht nicht ihren Vorteil, lässt sich nicht zum Zorn reizen, trägt das Böse nicht nach. Sie freut sich nicht über das Unrecht, sondern freut sich an der Wahrheit. Sie erträgt alles, glaubt alles, hofft alles, hält allem stand. Die Liebe hört niemals auf » (1.Kor 13, 4-8).

Liebe Schwestern und Brüder

Ich wünsche uns allen ein schönes und heiliges Familienfest. Amen.