P. Benedict Arpagaus zum Dritten Adventssonntag 2021

12.12.2021

Es war sehr spät am Abend, schon Nacht. Ich war etwa 8 Jahre alt und kann mich nicht an Details erinnern. Aber da war etwas, das mir blieb. Es war ein besonderer Abend und mein Vater erzählte mir von einer Überraschung. Ich war schon ganz aufgeregt, voll in der Vorfreude und fragte schliesslich, wann denn diese Überraschung käme. Mein Vater antwortete darauf, schmunzelnd: „Im nächsten Jahr.“ Die Vorfreude war schnell weg. Ich war zutiefst enttäuscht. Erst im nächsten Jahr? Das kam mir so unendlich lange vor. Da war es schwierig, diese Vorfreude zu halten. Meines Vaters Schmunzeln durchschaute ich nicht. „Erst nächstes Jahr“, dachte ich und wurde traurig. Das ist doch noch so lange. Es war mir nicht bewusst, dass dieses nächste Jahr bereits in einer halben Stunde vor der Tür stehen würde. Es war Silvester, wohl im Jahre 1979. Vorfreude ist tatsächlich wunderschön! Sie kann so motivierend sein und so erfrischend. Aber so schnell sie aufblühen kann, so schnell kann sie wieder verblühen. Eine missverstandene Aussage, eine unbedachte Handlung oder ein unerwartetes Ereignis, und die Vorfreude ist dahin.

Ich bleibe aber dabei und erst recht am heutigen 3. Adventssonntag: Vorfreude ist eine schöne Freude und eine motivierende dazu. Manche behaupten gar, sie sei die schönste Freude. Der dritte Advent steht ganz im Zeichen solcher Vorfreude. Weihnachten rückt definitiv näher. „Gaudete!“ sang die Choralschola als Introitus, „Freuet euch!“ Verbunden wird diese Vorfreude mit einem Text aus dem Buch des Propheten Zefanja und mit einem Abschnitt aus dem Lukasevangelium über das Zeugnis des Johannes des Täufers und einiger Ermahnungen für den Alltag. In der ersten alttestamentlichen Lesung wird Freude in deutlichen Worten ausgedrückt. Der Prophet Zefanja macht dem einfachen Volk der Israeliten Mut und erinnert es daran, trotz der gegenwärtigen Not und Ungerechtigkeit, nicht aufzugeben! Der Grund nicht zu resignieren, wenn es schwierig wird, wenn es ungerecht zu und her geht, wenn gegenwärtig Angst und Schreckensbotschaften die Welt ergreifen, wenn so viel Not Menschen und das Leben insgesamt erdrückt, liegt darin, dass Gott da ist! Das Volk der Israeliten ist nicht allein! Wir sind auch heute nicht allein! Und Gott hat sein Volk, gerade die von Ungerechtigkeit Geplagten und Armen nicht vergessen und wird rettend eingreifen. Deshalb schreibt Zefanja: „Fürchte dich nicht, Zion! Lass die Hände nicht sinken! Der Herr, dein Gott, ist in deiner Mitte, ein Held, der Rettung bringt“ (Zef 3, 16bc.17ab). Es gibt Grund zur Freude, weil Gottes Volk, auch wir heute, SEINE Freude sind. Und Gott möchte uns beschenken mit Freude. Es ist keine oberflächliche Freude, weil wir ein bisschen abgelenkt werden, ein wenig vertröstet oder beruhigt, weil wir uns ein wenig Spass gönnen und damit unsere inneren und äusseren Probleme gut verdrängen können. Es ist eine Freude, die tief aus dem Herzen aufsteigt und eng mit dem Frieden verwoben ist, die sich dann bemerkbar macht und Lebensmut und Kraft entfaltet, wenn der Mensch, damals wie heute und auch in Zukunft, sich Gottes Wort, seiner Verheissung, seiner liebevollen Zusage öffnet, ihr Raum schenkt und sich immer wieder zu neuem Vertrauen durchringt.

 

Im Abschnitt des Evangeliums wird ein ernster Ton gewählt. Es geht um die konkrete Vorbereitung für den Tag der Ankunft des Herrn, dieses Retters, eines Helden, dessen Heldentat aber kein Triumphzug sein wird, sondern schlicht der Weg der Liebe. Und diese Liebe zeigt sich in konkreten Handlungen im Alltag, welche die Herzen weiten und somit Räume der Freude schaffen. Denn wo wir miteinander und füreinander das Leben ehrlich teilen, da entsteht Gerechtigkeit und daraus Frieden und wiederum daraus Freude. Doch selbst diese Freude ist letztlich Vorfreude auf das, was Gott uns allen zugesagt hat: SEINE Liebe rettet uns aus allen inneren und äusseren unheilvollen Verstrickungen, sie schenkt uns wahrhaft erfülltes Leben über den Tod hinaus. Was jetzt gerade ist und geschieht, ist vorläufig.

Diese Vorläufigkeit wird für mein Empfinden im gregorianischen Choral sehr schön ausgedrückt. So gut wie nie driftet der gregorianische Choral in die Übertreibung ab. Die Freude ist wohl zu spüren, aber nicht weniger die Vorläufigkeit dieser Freude. Dasselbe gilt, wenn Trauer ausgedrückt wird, die Trauer ist spürbar im Gesang, aber ebenso die Vorläufigkeit dieser Trauer. Alles, was wir heute erfahren, sei es Freude, sei es Schmerz, sie sind vorläufig. Mit dieser Vorläufigkeit umzugehen, ist gar nicht so einfach, schon gar nicht, die Vorfreude zu bewahren, weiter zu hoffen, zu glauben, zu vertrauen, wenn inneres Leid und äussere Not bedrängen.

Erst nächstes Jahr!? Wann wird das sein? In einer halben Stunde? Oder in einigen Monaten? Vielleicht sogar erst in einigen Jahren? Und wenn meine Geduld nicht mehr ausreicht, wenn mein Vertrauen wankt, wenn meine Traurigkeit zu sehr drückt und wenn Schmerz, Angst und Not meine Kräfte übersteigen? Es ist so leicht gesagt, aber überhaupt nicht leichtgetan, dann noch für die Freude offen zu bleiben. Und doch werden wir Christen heute dazu eingeladen, wie damals die Israeliten durch den Propheten Zefanja und später die unterdrückten Juden von Johannes dem Täufer, neue Freude und Zuversicht zu schöpfen, weil diese Welt und alles, was sie ausmacht, vorläufig ist, weil nicht diese Welt das letzte Wort hat, sondern Gott selbst, der einst das erste sprach. Und trotzdem kann es sein, dass ich es kaum schaffe, mich dieser Hoffnung und der damit verbundenen Freude zu öffnen, weil zu viel Schmerz da ist und zu viel Not. Ich bin auch nur ein Mensch. Was tue ich? Dann öffne ich mein Herz einem vertrauten Menschen, einem Freund. Was mir dann so gut tut, ist nicht nur, das Belastende im Reden loswerden, sondern vor allem die Erfahrung, dass da jemand ist, der mich wirklich-wirklich sieht und hört, mich erkennt und meine Not versteht, mit mir fühlt und mich so tatsächlich erfahren lässt: Ich bin nicht allein. Dann wird es schon leichter in meinem Herzen und neuer Boden unter meinen Füssen wird spürbar, neue Kraft entfaltet sich in den Armen und Beinen, damit sie nicht sinken, sondern tragen, gehen und anpacken. Da füllt sich der Seelenraum neu mit einer vielleicht noch zarten Freude; aber das Zarte ist viel stärker als das Harte. Und die vielleicht noch stille Freude wird zur Vorfreude, die uns über all das Vorläufige dieser endlichen Welt hinausträgt und darüber hinausweist, dass nämlich etwas Grösseres da ist, etwas unendlich Grösseres, dass uns liebevoll im Blick hat und im Blick behält, der menschgewordene Gott, der für uns und mit uns ist und mit uns bleibt.

Ja. Gott, der – wie es beim Propheten Zefanja heisst – in seiner Liebe schweigt. Aber es ist kein kaltes Schweigen. Es ist ein Schweigen, wie es Liebende kennen. Ein Schweigen, das, wenn die Zeit reif ist, ein starkes Wort gebiert, welches in uns Fleisch werden soll, unser Wesen ergreifen und verwandeln will, damit wir es weiterschenken: „Lass die Hände nicht sinken“ (Zef 3, 16c).

Das soll heute gesagt sein und uns Mut machen, dass da Einer ist, der für uns da ist, uns liebt und uns nicht vergisst! Wie damals der Prophet Zefanja dem Volk Mut macht und Hoffnung weckt, so klingen Worte in mir nach, die mir ein guter Freund schrieb: „Das Licht kommt zurück! Immer und immer wieder, in dieses ewige Versprechen (Gottes) wurden wir geboren. Das Licht kommt zurück, man kann es einfach fast nicht sehen in dieser Zeit der Not! Aber zu zweit findet man zurück zum Licht.“ Amen.