Abt Urban Federer am Weihnachtstag

25.12.2021

Im Pontifikalamt am Weihnachtstag, 25. Dezember 2021, hielt Abt Urban folgende Predigt:

Am Anfang war der Samichlaus, der hl. Nikolaus: Er brachte am 6. Dezember die Geschenke. Als mit der Reformation der Heiligenhimmel entrümpelt wurde, musste dieser beliebte Bischof mindestens im Norden Europas Platz machen. Nun war es der «Herre Christ» selbst, der an Heiligabend die Geschenke brachte. Aus ihm wurde, passend zum Weihnachtsfest, das Christkind. Doch auch dieses musste der neuen Zeit weichen: Der Samichlaus eroberte seinen Platz zurück, jetzt hübsch säkularisiert als Santa Clause oder Weihnachtsmann. Und der bekommt heute ebenfalls fleissig Konkurrenz: In der Werbung sind es mitfühlende Drohnen, die Menschen mit ihren Online-Einkäufen beschenken, und die Filmwelt stärkt ins uns den Glauben an die Magie, die uns alle verzaubern und damit zu beschenken vermag. Was von Anfang an gleich bleibt: Wo Weihnachten gefeiert wird, werden andere beschenkt.

Liebe Schwestern und Brüdern in Christus, wenn ich zur Geschichte des Schenkens an Weihnachten sage, am Anfang war der Samichlaus, dann kann ich in einer solch historischen Perspektive auch zur Geschichte des Lebens auf der Welt sagen: Am Anfang war der Urknall. Gläubige Menschen müssen keine Angst vor den Naturwissenschaften haben, sondern können sich freuen auf neue Teleskope, die solchen Phänomenen des Lebens auf den Grund gehen. Gerade Einsiedeln ist seit mehr als 1’000 Jahren ein Ort der Wissenschaft. Gott hat uns einen Verstand gegeben, den es zu nutzen gilt. Der grossartige Prolog zum Johannesevangelium macht sich aber nicht nur Gedanken dazu, was am Anfang war. Vielmehr ruft er staunend aus: Im Anfang war das Wort. Dieser Anfang liegt noch vor oder über der Erschaffung von Galaxien, Milchstrassen und Planeten durch Gott und auch vor jedem Samichlaus. Nicht nur am Anfang, sondern im Anfang, sagt Johannes, ruft Gott das Leben ins Dasein: Er will zuerst das Leben. Johannes spricht vom absoluten Anfang, der das menschliche Denken übersteigt. Und in diesem Anfang spricht Gott sein Wort, sein göttliches Wort. Gott will in jedem Moment das Leben und ruft, ja er spricht es ins Dasein. Gott ist in jedem Anfang anwesend, sagt uns Johannes, denn dieses Wort ist Gott. So ist für uns ein Urknall keine kalte Laune eines unpersönlichen Schicksals, sondern ein Anfang, in dem das Wort Gottes Leben schafft. Und der Samichlaus beschenkt nicht, weil seine Säcke per Zufall noch gefüllt sind, sondern weil Weihnachten selbst ein Geschenk ist, weil Gottes lebenspendendes Wort konkret wird und sich uns schenkt.

Heute gehen Spaltungen durch unsere Gesellschaft: geradeswegs durch unsere Familien, unseren Freundeskreis, zwischen Reichen und Armen, Geimpften und Ungeimpften, zwischen Jung und Alt. Nicht nur alte, sondern auch viele junge Menschen sind psychisch erschöpft. Da hilft es nicht, davon zu sprechen, dass da einmal ein Anfang war, dass vor 2’000 Jahren Weihnachten war. Weihnachten ist vielmehr überall und immer, wo Gott sein lebensspendendes Wort spricht. Überall und immer, wo Gott einen Anfang setzt, ist Gott anwesend. Ein neuer Anfang, in dem Gott anwesend ist, darf darum nicht allein aus guten Worten bestehen, die nach diesem Gottesdienst zur Seite gestellt werden. Wir brauchen konkrete Neuanfänge, die die Herzen von Leidenden erwärmen und in Verbitterung und Ängsten beistehen. Wir brauchen Anfänge, die unsere Herzen öffnen und stärken, so dass in uns der Wunsch brennt, anderen beizustehen und zu helfen. Machen wir es wie Weihnachten vor 2’000 Jahren: Das Wort, das schon immer da war, wurde konkret Mensch. Es ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt, sagt das Johannesevangelium: Christus wurde geboren. So konkret sollen auch wir aus Gott heraus den Anfang wagen, damit Christus in diese Welt kommt. Weihnachten war so gesehen schon vor etwa 2’570 Jahren, als die heutige erste Lesung verkündet wurde. Das Volk Israel lebte im Exil, Jerusalem und sein Heiligtum lagen in Trümmern. Und hier ruft Jesaja seinem Volk zu: Wagt einen neuen Anfang, kehrt zurück, denn Gott ist mit Euch. Was braucht es dazu, dass dies nicht nur gut gemeinte Worte bleiben? Menschen wie Maria und Josef, die das Wort hören, es aufnehmen und zur Welt bringen. Menschen, wie die Hirten, die rennen, anbeten und das Leben bezeugen. Es braucht konkrete Menschen, die Frieden bringen: «Wie willkommen sind auf den Bergen die Schritte des Freudenboten, der Frieden ankündigt, der eine frohe Botschaft bringt und Heil verheißt», jauchzt die heutige Lesung. Freudenbotinnen und Freudenboten zu sein – ist das nicht unsere Berufung als Christinnen und Christen? Unser Evangelium, unsere Botschaft ist: Gott ist nahe, auch in allen Trümmern des Lebens.

Ja meine Lieben, wo Weihnachten gefeiert wird, werden andere beschenkt, weil sich Gott uns schenkt. Ob der Schenkende jetzt Samichlaus, Christkind oder Santa Clause heisst: Wichtig ist, dass Menschen dabei nicht hinters Licht geführt, sondern konkret mit Gottes Gegenwart und Heil erfüllt werden. Wagen wir doch heute noch einen Anfang, um unserer Berufung als Botinnen und Boten der Freude zu leben und Gott konkret zu den Baustellen des Lebens zu bringen. Denn im Anfang ist das Wort und dieses Wort ist Gott und wurde Fleisch, Mensch. Überall, wo Gottes Wort einen neuen, konkreten Anfang setzen kann, ist Weihnachten. Ich wünsche uns allen den Mut, Botinnen und Boten der Freude von Weihnachten zu sein, wo auch immer wir heute und in den nächsten Tagen hinkommen. Amen.