P. Patrick zum Christkönigssonntag

21.11.2021

P. Patrick Weisser OSB predigte am Fest Christkönig, dem 21. November 2021
Evangelium: Johannes 18,33b–37

Otmar, der erste Abt des Klosters St. Gallen, hat auch das erste Krankenhaus auf dem Gebiet der heutigen Schweiz gegründet. Er pflegt Kranke sogar eigenhändig. Weil er sein Kloster gegen fremde Mächte verteidigt, wird ihm der Prozess gemacht, und Otmar stirbt am 16. November 759 in der Verbannung.

Nach seinem Tod holen ihn die Mönche ins Kloster zurück. Sie verehren Otmar als Heiligen. Das Tagesgebet von seinem Festtag nennt ihn sogar „Anwalt der Bedrückten“ und „Vater der Kranken und Verfolgten“.

Ein unschuldig Verurteilter, ein einsam in der Verbannung Verstorbener wird nach seinem Tod plötzlich zum Heiligen, ja sogar zum Anwalt der unschuldig Verurteilten und zum Vater der Verbannten. Mit welchem Recht glauben wir so etwas?

Mit welchem Recht verändern wir die Perspektive so gewaltig, dass aus einem Opfer ein Heiliger wird? Wäre es nicht realistischer, das heisst: näher an der Wirklichkeit, Otmar ganz einfach zu nennen, was er ist: ein unschuldig Verurteilter und ein in der Verbannung Verstorbener?

Stehen wir nicht ganz einfach vor einem Skandal, der zum Himmel schreit; vor einem Unrecht, das nach Gerechtigkeit ruft?

In der St. Galler Klosterkirche steht ein Altar, der dem hl. Otmar geweiht ist. Er trägt die Inschrift „DEUM INVOCO TESTEM“; „ich rufe Gott zum Zeugen an“.

Ist das nicht realistischer? Otmar, ungerecht verurteilt und verbannt, ruft Gott zum Zeugen an. Damit ist er tatsächlich Bruder vieler unschuldiger Opfer, die in ihrer Hilflosigkeit nichts anderes mehr tun können, als Gott zum Zeugen anzurufen.

Ein unschuldiges Opfer wird zum Heiligen. Das ist eine deutliche Um-Interpretation, ein starker Kontrast. Ein noch viel stärkerer Kontrast bietet uns das heutige Evangelium.

Ein zu einem sehr unwürdigen Tod Verurteilter behauptet, er sei ein König. Ein Opfer ungerechter Machtpolitik behauptet, eigentlich sei ihm alle Macht gegeben. Der Kontrast zwischen Wirklichkeit und Anspruch könnte kaum grösser sein.

Das Markusevangelium bringt den Kontrast zwischen der Wirklichkeit dieser Welt und dem Anspruch unseres Glaubens an Christus besonders drastisch zum Ausdruck. In seiner Passionserzählung schreibt Markus: „Jesus aber schrie laut auf. Dann hauchte er den Geist aus. – Als der Hauptmann, der Jesus gegenüberstand, ihn auf diese Weise sterben sah, sagte er: Wahrhaftig, dieser Mensch war Gottes Sohn.“ (Mk 15,37.39.)

Ähnlich wie bei Otmar stellt sich auch bei Jesus die Frage: Mit welchem Recht erkennen wir in einem am Kreuz Verbluteten den Sohn Gottes, den Erlöser der Welt, den König des Universums? Ist eine solche Um-Interpretation nicht eine Verdrehung der Wirklichkeit – und damit ein starkes Stück?

Es gibt zwei Gründe, weshalb die genannte Um-Interpretation trotz des überaus grossen Kontrastes berechtigt ist. Diese zwei Gründe sind sehr unterschiedlich. Sie spielen aber beide für unser Leben eine wichtige Rolle.

Der erste Grund: Wir Menschen können gar nicht anders als annehmen, dass das Unrecht und die Ungerechtigkeit dieser Welt nicht die letzte Wirklichkeit sind.
Anders formuliert: Wir Menschen können uns nicht damit abfinden, dass diese Welt und unser Leben letztlich von Ungerechtigkeit und Unrecht beherrscht bleiben. Denn wäre das der Fall, dann wäre die Situation für die Welt und auch für uns persönlich hoffnungslos. In der Hoffnungslosigkeit aber kann der Mensch nicht leben. Deshalb der Schrei nach Gerechtigkeit; deshalb die Hoffnung, dass alle Otmars dieser Welt nach ihrem Tod noch etwas Anderes erfahren dürfen.

Der Neutestamentler Gerhard Lohfink formuliert es so: „Es muss doch wohl einmal die Stunde kommen, in der die Lügen und Manipulationen, die Gemeinheiten und die verborgenen Gewalttaten der Geschichte aufgedeckt werden – das endlose, verworrene, verfilzte Ineinander menschlicher Schuld und menschlicher Unschuld. Eine Welt, die nicht in diesem Sinn gerichtet wird, wäre ohne Hoffnung, ohne Ziel und ohne Würde.“ (Jesus von Nazaret, S. 236f.)

Lohfink schreibt weiter: „Schuld klären kann letztlich nur Gott.“ „In diesem Sinn kann man das Gericht sogar erhoffen. Man kann es sogar für sich selbst und das eigene Leben mit all seinen Verworrenheiten erhoffen.“ (S. 237.)

Das ist der eine Grund, weshalb wir Otmar als Heiligen verehren: Wir können nicht glauben, dass das Unrecht das letzte Wort hat. Die Annahme eines göttlichen Gerichtes ist für uns eine Denknotwendigkeit.

Nun zum zweiten Grund, weshalb eine Um-Interpretation des scheinbaren Scheiterns Jesu am Kreuz nicht nur berechtigt, sondern sogar notwendig ist. Dieser Grund hängt ganz an der Person Jesu von Nazaret.

Wenn wir glauben, dass Jesu Tod am Kreuz nicht die letzte Wirklichkeit ist, dann beruht das letztlich ganz einfach auf dem Glauben, dass Jesus von Nazaret Gottes Sohn war.

Dass Jesus von Nazaret Christus ist, der Sohn Gottes, der Erlöser der Welt, der König des Universums, das glaubten seine Jünger erst nach Ostern. Dieser Glaube wurde erst möglich nach seiner Auferstehung.

Der Glaube, dass Jesus Christus der Sohn Gottes ist, ist nicht nur Ausdruck unserer Hoffnung auf eine ausgleichende Gerechtigkeit. Das wäre deutlich zu wenig. Der Glaube an Christus beruht auf wesentlich mehr als nur auf menschlicher Denknotwendigkeit; er geht zurück auf die Begegnungen der ersten Christen mit dem Auferstandenen. Jesus von Nazaret ist eben mehr als Otmar; er ist, wie die Evangelien sagen, mehr als Salomo, mehr als Jona. (Cf. Lk 11,31f.; Mt 12,41f.)

Nur wenige Meter entfernt vom Otmarsaltar in der St. Galler Klosterkirche steht ein anderer Altar. Das Altarbild zeigt den Gekreuzigten in qualvoller Verrenkung. Über dem Bild steht nicht „DEUM INVOCO TESTEM“; „ich rufe Gott zum Zeugen an“. Sondern der Altar trägt bezeichnenderweise die Inschrift „SIC DILEXIT“; „so sehr hat Gott die Welt geliebt“.

Einen König, der das Leid und die Schuld der Welt nicht nur gerecht richtet, sondern sie selber auf sich nimmt und bis ans Holz des Kreuzes trägt, einen solchen König verehren wir gern.

Amen.