Kardinal Pietro Parolin am 7. November 2021

07.11.2021

Heute Sonntag, 7. November 2021 hatten wir im Kloster Einsiedeln die grosse Freude, als Hauptzelebrant und Prediger in der Eucharistiefeier Kardinal Pietro Parolin begrüssen zu dürfen. Hier geben wir seine eindrucksvolle Predigt wieder. Ein ausführlicher Bericht mit zahlreichen Fotos ist am 8. November erschienen.

Gelobt sei Jesus Christus!

Exzellenzen, liebe Benediktinermönche, Schwestern und Brüder, ich freue mich sehr, dass ich diesen Besuch anlässlich der Hundertjahrfeier der Wiederaufnahme der diplomatischen Beziehungen zwischen der Schweizerischen Eidgenossenschaft und dem Heiligen Stuhl hier beginnen kann, zu Füßen der Muttergottes von Einsiedeln, der ersten unter den Schutzpatronen dieses Landes. Dieses Heiligtum und dieses Kloster sind ein Bezugspunkt weit über die Deutschschweiz hinaus: Sie sind gesegnete Orte und Ziel zahlreicher Pilger, die sich im Laufe der Jahrhunderte vertrauensvoll an die Muttergottes gewandt haben.

Den Chroniken zufolge war es Papst Leo VIII., der Einsiedeln gegen Ende des ersten Jahrtausends das noch heute gültige Privileg verlieh, die gleiche Achtung zu erfahren wie die Orte Palästinas. Wie schön, mich hier im Herzen Europas gleichsam in einem Teil des Heiligen Landes zu befinden! Ich freue mich auch über die besondere Verbindung mit dem Stuhl Petri. Sie gibt mir die Gelegenheit, Sie der Nähe und Zuneigung von Papst Franziskus zum geliebten Schweizer Volk zu versichern und Ihnen seinen Apostolischen Segen zu überbringen. Dieser Ort lädt uns ein, für ihn zu beten, worum er uns auch immer wieder bittet.

Im Mittelpunkt der Liturgie dieses Sonntags stehen zwei Witwen, die sehr arm sind. In der ersten Lesung aus dem Alten Testament wird die Gastfreundschaft der heidnischen Witwe von Sarepta belohnt mir einem Wunder, gewirkt vom Propheten Elia. Im Evangelium hingegen verdient sich die jüdische Witwe im Tempel mit ihrer Großzügigkeit ein außergewöhnliches Lob, ausgesprochen von Jesus. Beide Witwen geben uns ein Beispiel für Vertrauen und Demut. Die erste vertraute auf Elias Worte, die zweite vertraute voll und ganz auf Gott, der es nicht zulassen würde, dass ihr das Notwendige zum Überleben fehlt. Dieser demütigen und gläubigen Geste stellt Jesus die aufdringliche Haltung der ehrgeizigen und habgierigen Schriftgelehrten gegenüber. Das, was diese Witwe gibt, ist in der Tat minimal, aber ihre Gabe ist total, denn Jesus sagt, es sei „alles, wovon sie leben konnte“; es verhält sich also genauso wie bei der Witwe von Sarepta. Und die Gabe ist desto größer, je weniger aufdringlich sie ist. Nur Jesus bemerkt sie.

Wie oft sind wir in unserem Leben schon solchen Menschen begegnet: demütig und voller Vertrauen! Sie haben uns durch ihr Verhalten berührt und uns das Wesen des Christentums gezeigt. Sie sind die „Heiligen von nebenan“, wie Papst Franziskus sie nennt, „die in unserer Nähe wohnen und die ein Widerschein der Gegenwart Gottes sind“ (Apostolisches Schreiben „Gaudete et Exultate“, Nr. 7).

Das heutige Evangelium lehrt uns, nicht nur auf den äußeren Schein zu achten, sondern über ihn hinauszuschauen und das Demütige und Verborgene wiederzuentdecken. Jesus bringt seine Bewunderung für diejenigen zum Ausdruck, die aus dem Herzen heraus handeln, ohne Berechnung von Profit oder Ansehen. Was wir ihm und anderen geben, misst er nach den Kriterien und der Logik der Liebe, nicht der Weltlichkeit. Wie wichtig ist es daher, ein inneres Leben zu pflegen, das den Schein meidet und nicht der kommerziellen und egoistischen Logik des „alles und sofort“ folgt! Dem inneren Leben geht es immer um die Logik, die dem Evangelium entspricht: wie bei der Hefe, die im Mehl verborgen ist, oder wie bei dem kleinen Samenkorn, das in die Erde gepflanzt ist.

Wie oft erscheint die dem Gebet gewidmete Zeit ermüdend und sogar vergeudet angesichts der stets dringlichen Aufgaben! Und wie oft scheinen gute und unentgeltliche Gesten vergeblich zu sein, weil sie nicht gewürdigt werden oder weil sie nicht sofort die erhofften Früchte bringen! Aber so ist es nicht: Jede Geste der Liebe, die eben deshalb auch Opfer erfordert, trägt Früchte und zieht Gottes Segen auf sich.

Hinter der Gestalt dieser beiden Frauen, die uns die heutige Liturgie vorstellt, erkenne ich die Gestalt der Jungfrau Maria, der Muttergottes. Auch sie hat die Erfahrung einer alleinstehenden Frau gemacht, auch sie lebte als arme Frau, ihrem Sohn ähnlich, und vor allem: auch sie hat alles gegeben! Sie ist die demütige Jungfrau, die ihr Leben nicht auf sich selbst, sondern auf das überraschende und unerwartete Kommen Gottes ausgerichtet hat. Sie hat eine so tiefe Vertrautheit mit dem Wort Gottes gepflegt, dass dieses Wort in ihr Fleisch geworden ist. Sie hat ohne große Gesten jeden Tag als „Magd des Herrn“ (Lk 1,38) gelebt und jedes Ereignis in ein Geschenk verwandelt. So wurde sie, ohne etwas nach menschlichen Maßstäben Bemerkenswertes geleistet zu haben, zum größten aller Geschöpfe. Ihr Geheimnis war die innere Wachsamkeit, das Herz, in dem sie, wie das Evangelium wiederholt (vgl. Lk 2,19.51), alles bewahrte, indem sie darüber nachdachte, das heißt, indem sie es zum Gegenstand des Gesprächs mit Gott machte.

Die heilige Maria ist diejenige, auf die nach der Ankündigung des Engels der Geist herabkam (vgl. Lk 1,35), und deren Geist Gott, den Retter, bejubelte (vgl. v. 47). Sie war es, die durch ihr beharrliches Gebet die junge Kirche auf Pfingsten vorbereitete (vgl. Apg 1,14). Sie, die Tochter des Vaters und Mutter des Sohnes, ist daher auch Braut des Geistes, der in ihr die höchste Heiligkeit gewirkt hat, die es in einem Geschöpf gibt. Wohin sollen wir also gehen, wenn wir Lebensweisheit schöpfen wollen und wenn wir den Weg der Heiligkeit gehen wollen?

Dieser Monat hat mit dem feierlichen Gedenken der Heiligen begonnen, unserer Brüder und Schwestern, deren Leben der Geist entflammt hat. An dieser Stelle möchte ich zwei Persönlichkeiten erwähnen, die diesen Ort geprägt haben. Zum einen den heiligen Benedikt Josef Labre, Schutzpatron der Pilger. Es wird erzählt, dass er während seiner Aufenthalte hier seine Tage in der Kirche verbrachte, vorzugsweise in der Gnadenkapelle. Er lebte von den wenigen Dingen, die er brauchte, um so viel Zeit wie möglich zu verbringen als wachsamer Diener zu Füßen der Jungfrau. Das ist eine Lebensweise, die gegen die Maßstäbe der Welt verstößt, die uns aber zeigt, was letztlich das einzig Wertvolle ist, und das wir nicht vernachlässigen dürfen: vor Gott zu leuchten und die Welt zu erhellen.

Wie könnten wir hier nicht auch an den heiligen Nikolaus von Flüe erinnern? „Bruder Klaus“, der Schutzpatron der Schweiz, kam ja oft aus der Einsamkeit seiner Zelle hierher, weil er das dringende Bedürfnis verspürte, die Muttergottes zu besuchen, die auch seine Mutter war.

Diese Heiligen rufen uns zum inneren Leben auf und belehren uns mit der Weisheit des Heiligen Geistes. Maria ist der Sitz dieser Weisheit, wie das Gebet des christlichen Volkes lehrt. Echte Lebensweisheit lässt sich nicht von ihr trennen. Hierher zu kommen bedeutet, von ihr die Weisheit zu erhalten, die die Welt nicht geben kann. Es bedeutet, ihre Nachfolge nachzuahmen und auf das Wort Gottes zu hören. Es hat die Macht, unseren Geist zu verwandeln und ihn von der Finsternis zum Licht zu führen.

Liebe Brüder und Schwestern, der Weg der Weisheit fordert heute eine Entscheidung von uns. Auf der einen Seite steht der Weg des Geistes, den die Gottesmutter, die weise Jungfrau und die Heiligen eingeschlagen haben: Er besteht in der Pflege des inneren Lebens, er beginnt mit dem Gebet und führt über die Demut, die beständig das Gute tut, zur Selbsthingabe. Auf der anderen Seite steht der Weg der Äußerlichkeit, der „Weltlichkeit“, um einen Begriff zu verwenden, den der Heilige Vater oft gebraucht. Die Versuchung des Konsums, sich also übermäßig von überflüssigen Bedürfnissen abhängig zu machen, lässt uns heute verflachen in dem, was vergänglich ist, und lässt uns kreisen um eine fruchtlose Äußerlichkeit, die uns innerlich leer zurücklässt. Es liegt an uns, uns inmitten so vieler verführerischer und illusorischer Dinge, die doch letztlich fade sind, für Gott zu entscheiden. Seine Wege mögen zunächst wenig verlockend erscheinen, geben uns dann aber Frieden, im Gegensatz zu weltlichen Attraktionen, die verlockend erscheinen und dann Bitterkeit im Herzen hinterlassen.

Orte wie dieser, an denen wir aus den Quellen des Geistes trinken, sind Oasen des Friedens, die es uns ermöglichen, die sanfte Kraft des Gebets wiederzuentdecken. Dort können wir die Vergebung Gottes empfangen, die uns aufrichtet. Dort lernen wir zu unterscheiden, was im Leben zählt und was fruchtlos bleibt. Dies gilt umso mehr für Einsiedeln, eines der bedeutendsten Heiligtümer Europas, das der Herr selbst für seine Mutter gewollt hat, damit wir als Kinder dort Ruhe und Orientierung finden können. Beten wir von hier aus für diese Kirche und dieses Land, insbesondere für die, die in unseren schwierigen Zeiten am meisten leiden! Nehmen wir wahr, wie jeder Einzelne von uns aufgefordert ist, neben der Gesundheit des Körpers auch für die Gesundheit des Geistes zu sorgen, die noch wichtiger ist. Die Gottesmutter helfe uns, dem Herrn entgegenzugehen, der kommt!

Amen.