Abt Urban zum Hochfest Allerheiligen (Sekundiz von P. Lukas Helg)

01.11.2021

Am Montag, 1. November feierten wir das Hochfest Allerheiligen und im festlichen Gottesdienst um 09.30 Uhr die „Sekundiz“ von Pater Lukas Helg. Mit ihm blicken wir dankbar auf 50 Jahre Priestertum zurück. Abt Urban hat zu diesem Anlass eine beeindruckende Predigt gehalten. Die Gesänge, auf die er sich in seiner Predigt bezieht, können Sie in der Aufzeichnung des Festgottesdienstes nachhören.

«Wo sind die guten Zeiten von Süsse und Vergnügen geblieben? Wohin sind sie die heiligen Eide, die dereinst sein verlogener Mund beschwor?» Nein, liebe Festgemeinschaft, diese Aussage bezieht sich nicht auf das Versprechen des heutigen Jubilars zum Priestertum vor mehr als 50 Jahren. Das ist auch kein Auszug aus dem Tagebuch des jungen Arthur Helg, als eine verschmähte Liebe zu einem übereilten Klostereintritt hätte führen können. Das ist lediglich die Übersetzung der Arie «Dove sono i bei momenti» der Gräfin Rosina Almaviva, die im dritten Akt der Oper «Le nozze di Figaro» von Wolfgang Amadeus Mozart ihr verlorenes Glück mit ihrem Mann beklagt, dann aber in dieser Arie sich dennoch zu ihrer Liebe zu ihm bekennt. Eine Opera buffa als Einleitung zu einer Sekundiz-Predigt? Ich gebe zu: Das ist erklärungsbedürftig.

Es war 1786, als sich im Wiener Burgtheater Gräfin Almaviva das erste Mal ihren Liebesschmerz aus dem Herz gesungen hat. Beim Schreiben dieser Arie erinnerte sich Mozart an eine Messe, die er 1779 noch in Salzburg komponiert hatte und die wir heute während dieses Gottesdienstes als ‘Krönungsmesse’ hörend beten. So gut hat Mozart diese Melodie gefallen, dass er sie aus der Messe übernommen hat. Wir hören heute die ursprüngliche Sopran-Melodie, und zwar zu Beginn des Agnus Dei – übersetzt: «Lamm Gottes» –, ein Text, der mit der Bitte endet (wieder zuerst vom Sopran gesungen): Dona nobis pacem – «Gib uns deinen Frieden». Und eben, auch die spätere Sopran-Arie in «Le nozze di Figaro» tönt so: Eine Geige spielt die Melodie. «Wo sind die guten Zeiten geblieben», «Lamm Gottes, gib uns Frieden» – verschiedene Worte, eine Melodie. Das, meine Lieben, ist für mich Allerheiligen.

Lieber Jubilar P. Lukas, niemand kann besser verstehen als Du, wie Salzburg so sehr nachhallen kann, dass seine Melodien nicht nur in Wien, sondern auch im fernen Einsiedeln berühren. Unzählige Male hast Du hier in dieser Kirche die Melodien Deiner geliebten Studien-Stadt spielen und singen lassen, zum Abschluss der grossen Kirchenrenovation Mozarts Krönungsmesse. Und als Priester und Prediger ist es Dir jeweils nicht nur ein Anliegen, die Lebensmelodien der Mitfeiernden zum Klingen zu bringen. Dir ist auch immer wichtig, dass die Menschen «dennoch» sagen können. Auch wenn Rosina ihr verlorenes Liebesglück besingt, kann sie mit ihrer Melodie eben dennoch die Liebe zu ihrem Mann besingen. Ist es nicht dieses «dennoch», das uns auch aus den heutigen Lesungen entgegenklingt? Jesus preist im Evangelium nicht Menschen selig, die alles erreicht haben, die perfekt sind. Das ist kein biblisches Heiligkeitsideal. Selig sind vielmehr, die arm sind vor Gott, die trauern, die nach Gerechtigkeit dürsten, die barmherzig sind, die ein reines Herz haben, die verfolgt werden und die Frieden stiften. Gott wendet sich damit nicht unseren gelifteten Gesichtszügen zu und auch nicht dem Pluder-Pulli, der unsere Figur verstecken soll, sondern vielmehr gerade unseren Schwächen, unserer Bedürftigkeit. Es gibt sie, die Armen: Glücklich, wer dennoch in seiner Armut mit Gott geht; er kennt sie auch. Selig die Trauernden, ihnen wendet sich Gott besonders zu. Selig, wer keine Gewalt anwendet, unser Gott liess sich lieber ans Kreuz schlagen, als selbst Gewalt anzuwenden. Danke, wenn Du dennoch Frieden stiftest, denn gerade darin bist Du ganz Tochter oder Sohn Gottes. Die Menschen der Seligpreisungen sind Menschen, die auf ihrem Lebensweg ihre Hoffnung nicht auf sich selbst, sondern auf Gott setzen. Die dennoch aufstehen, auch wenn alles dafür spricht, liegen zu bleiben.

Heiligkeit kommt nicht aus unserer Kraft heraus, sondern von Gott her. Allerheiligen ist nicht ohne die Hoffnung von Ostern zu verstehen. Daran erinnert uns die 1. Lesung aus der Offenbarung des Johannes. So schön diese Worte klingen: Sie sind für Menschen in der Bedrängnis, ja in der Verfolgung geschrieben. Diese möchten gerettet werden und singen aus ihrer Not heraus ihr miserere mei wie im Agnus Dei: «Erbarme Dich meiner.» Die Vision dieser Lesung vereint alle Menschen, die aus ihren eigenen Nöten kommen, im gemeinsamen Vertrauen auf Jesus Christus, der hier als das ‘Lamm Gottes’ besungen wird, als das Agnus Dei: «Sie riefen mit lauter Stimme und sprachen: Die Rettung kommt von unserem Gott, der auf dem Thron sitzt, und von dem Lamm.» Dieser Jubelruf wird heute im Gottesdienst noch mit weiteren Worten der Offenbarung des Johannes verstärkt im berühmten «Halleluja» aus dem Messias von Georg Friedrich Händel. In diese Perspektive der Hoffnung kann eben auch eine Gräfin Almaviva ihr «Dove sono i bei momenti» hineinsingen. Sie singt es nach der Melodie des Agnus Dei, des Vertrauens auf ein ewiges Ostern. Dieses Vertrauen kann ihr und allen, die ähnliches erleben, helfen, wieder aufzustehen.

Lieber P. Lukas, ich danke Dir, dass Du mit uns dieses Fest feierst. Damit können wir unsere Hoffnung feiern, um Mut und Kraft zu bekommen, immer wieder aufzustehen. Denn eine Heilige / ein Heiliger ist ein Mensch, der tausendmal fällt, und in der Hoffnung auf Christus tausendundeinmal aufsteht. Auch wenn Mozart die Krönungsmesse komponierte, als er wieder für seinen nicht über alle Massen beliebten Erzbischof arbeiten musste, hat er dennoch seine Melodie aus Salzburg mitgenommen – und er legte sie anderen in Herz und Mund, ja sie bewegt heute noch. Und so soll gerade das Agnus Dei dieser Messe heute eines unserer Jubellieder sein: Nicht nur singt die Sopranistin zu Beginn, – an das Lamm Gottes, an Christus gewandt –, dass wir dennoch aufstehen wollen. Zusammen mit P. Lukas und allen, die mit uns feiern, werden wir dann einstimmen mit den unterschiedlichsten Erfahrungen und Problemen in die gemeinsame Melodie der Hoffnung: Dona nobis pacem – gib und deinen Frieden! Vielleicht würden zwar einige lieber singen: «Wo sind die guten Zeiten geblieben!» Verschiedene Worte, eine Melodie der Hoffnung in Christus. Das, meine Lieben, ist für mich Allerheiligen. Amen.