P. Theo Flury zum Missionssonntag 2021

24.10.2021

P. Theo Flury predigte am Missionssonntag, am 24. Oktober 2021, zu den folgenden Lesungen: Jer 31, 7-9 / Mk 10, 46b-52

 

Liebe Brüder und Schwestern

Zwischen der dritten Leidensankündigung und dem Einzug in Jerusalem finden sich im Markusevangelium zwei erstaunliche Abschnitte. Der erste spricht vom Gerangel der Jünger um Macht und Ansehen, und der zweite, wir haben ihn soeben gehört, vom Wunsch des Blinden, geheilt zu werden. Die Volksmenge hingegen ist wetterwendisch. Einerseits will sie den Blinden zuerst zurückhalten: «Was fällt dir ein? Schweige und dränge dich nicht vor!» Wie sich Jesus aber dem Blinden zuwendet, tönt es plötzlich anders: «Hoppla, mach vorwärts, er ruft dich!» Es sind wohl dieselben, die am Palmsonntag «Hosanna!» rufen und am Karfreitag «Kreuzige ihn!» Der Mensch zeigt sich im heute verkündigten Abschnitt aus dem Evangelium nach Markus als selbstbezogen, krank und instabil. Doch gerade um diesen Menschen zu erlösen, ist Gott in Jesus Christus Mensch geworden!

Jesus dreht weder dem Volk seinen Rücken zu, noch wendet er sich von seinen erbärmlichen Jüngern ab, noch lässt er den Blinden links liegen. Jesus heilt den Blinden, so wie er, nach den Evangelien, öfters Kranke und Besessene geheilt und befreit hat. Diese Wunderberichte haben, bei oberflächlicher Lektüre, da und dort ein verzerrtes Gottesbild gefördert: Gott, zu dem man nur wacker zu beten hat, erscheint als Automatismus, ähnlich dem Automatismus einer Kaffeemaschine – drückt man den richtigen Knopf, wird der Wunsch nach Kaffee, Cappuccino oder Espresso schnell erfüllt. Spuckt die Maschine nicht das Gewünschte aus, ist sie defekt und wird entsorgt. Gottes Pläne aber stecken einen viel weiteren Horizont ab als den unserer vordergründigen Bedürfnisse. Manchmal schweigt Gott, scheint fern zu sein, taube Ohren zu haben: Wir haben das alle gewiss schon erfahren. Gottes Pläne sind offensichtlich unabsehbar.

Die zuvor gehörte erste Lesung aus dem Buch Jeremia öffnet uns die Augen für das je grössere. Die Stelle wurde von den Verantwortlichen für die Leseordnung wohl deshalb ausgewählt, weil auch Blinde darin vorkommen. Hier steht aber gerade nicht die Heilung im Vordergrund, sondern der frohe Einzug ins Heimatland, ein Einzug, in dem Blinde als Blinde und Lahme als Lahme mitgenommen werden. In der christlichen Lesart dieser Stelle steht nicht ein innerweltliches Glück im Vordergrund, sondern ein jenseitiges, ein Ankommen im eigentlichen Daheim, in der himmlischen Heimat, bei Gott.

Worum geht es im Grund bei den Heilungswundern? Augenscheinlich um die Heilung, das ist klar. Doch sind, besonders nach dem Johannesevangelium, die Wunder kein Selbstzweck, sondern verweisende Zeichen, welche den Glauben an Jesus, den Gottessohn und Erlöser der Welt, wecken wollen: So lesen wir bei Johannes 2,11: „So tat Jesus sein erstes Zeichen (das Weinwunder), in Kana in Galiläa, und offenbarte seine Herrlichkeit, und seine Jünger glaubten an ihn. »

Diesen Glauben möchte Jesus auch durch uns in den Menschen wecken. Deshalb fügen sich nun noch einige Gedanken zum Weltmissionssonntag an, den die Kirche heute begeht.

Sie kennen vielleicht die Ringparabel von Gotthold Ephraim Lessing, dem berühmten Vertreter der deutschen Aufklärung. Ein Vater hatte drei Söhne und wollte allen einen Ring schenken. Doch besass er nur den einen, nämlich den seinen. So liess er sich zwei genaue Kopien anfertigen und gab jedem Sohn einen mit der Bemerkung, dass derjenige Ring der echte sei, der vor Gott und den Menschen „angenehm mache“. Die Ringe bedeuten nach Lessing die drei monotheistischen Religionen, einander ununterscheidbar gleichgeordnet. Ihre eigentliche Wahrheit erweise sich lediglich darin, dass der Mensch moralisch gut handle. Mission beschränkte sich somit darauf, einen Ansporn zum Guten zu wecken, wobei die Frage bliebe, was denn dieses Gute überhaupt sei. Gerade das heutige Evangelium streicht hingegen für uns Christinnen und Christen die entscheidenden Bedeutung Jesu deutlich hervor. Er selbst sagt von sich an anderer Stelle, dass er der Weg, die Wahrheit und das Leben sei, ohne ihn könne niemand zum Vater kommen (Joh 14,6). Damit wird niemand vom Heil ausgeschlossen, denn Jesus kann auch unerkannt in den Gewissen der Menschen wirken und ist in den Armen und Kranken gegenwärtig (Mt 25, 40). Auch da wird sich, manchmal unbewusst, unser eigenes Verhältnis zu Jesus Christus entscheiden. Ein weiteres gilt es zu bedenken: Der Gott, den wir durch Jesu Offenbarung kennen, dem wir alles zuschreiben, von dem wir alles empfangen und den wir anbeten, ist dreifaltig: Vater, Sohn und Heiliger Geist. Er ist nicht einfach ein unerkennbares transzendentes Woraufhin unseres religiösen Fühlens und Strebens, von dem wir uns unterschiedliche kulturell bedingte, sekundäre, Bilder machen, ein Fühlen und Streben, das wir tatsächlich mit allen Menschen teilen, da es zur menschlichen Natur zu gehören scheint.

Glaubensfragen gehören zum Intimsten des Menschen. Geht es darum, unter dem Vorwand der Mission jemanden zu überreden? Will man jemanden mit Argumenten einfach zum Einknicken bringen? Können wir, wie Jesus, Wunder tun, damit die Welt glaubt? Das, was die Menschen vielleicht am Ehesten zu Jesus Christus aufblicken lässt, sie neugierig macht, sind vor allem unsere Einfühlung, unser Takt ihnen gegenüber, und, ich wage es zu sagen, unsere Heiligkeit. Auch ist Gott gewiss immer vor dem Missionar, vor der der Missionarin da, deshalb sollten wir der Vorsehung nicht vorgreifen, ihr nicht ins Handwerk pfuschen, sondern ihr stets nachfolgen, kleine günstige Zeichen abwarten.

Die Jünger fragten im Johannesevangelium Jesus: «Wo wohnst du?» Die Antwort lautete: «Kommt und seht!» (Joh 1, 37-39). Möge Jesus auch uns heute, wenn nötig, heilen: von der Blindheit des Herzens und von der Lähmung, die uns hindert, uns immer wieder zu ihm aufzumachen.

Amen.