P. Philipp Steiner zum Rosenkranzsonntag 2021

03.10.2021

Der erste Oktobersonntag wird in Einsiedeln jeweils als „Rosenkranzsonntag“ begangen. An diesem wichtigen Wallfahrtstag hielt Pater Philipp Steiner folgende Predigt:

Liebe Schwestern und Brüder!

Im Laufe des Kirchenjahres durchschreiten wir die ganze Heilsgeschichte – die Geschichte Gottes mit uns Menschen. Im Advent verbinden wir uns mit der gefallenen Menschheit und insbesondere mit dem Volk des Ersten Bundes in seiner Sehnsucht nach dem verheissenen Messias. An Weihnachten feiern wir die Geburt des menschgewordenen Wortes Gottes aus Maria. An den Sonntagen im Jahreskreis hören wir aus dem Leben und der Lehre Jesu, der das Reich Gottes verkündet und den Menschen ein Beispiel gab, wie auch wir als Gottes geliebte Kinder leben sollen. In der Fastenzeit werden wir uns bewusst, dass wir oft nicht aus der Gotteskindschaft leben, dass wir der Umkehr bedürfen und dass uns der barmherzige Vater in Jesus Christus neu an Kindes statt annimmt. Im Österlichen Triduum schliesslich durchleben wir den Höhepunkt der Heilsgeschichte: Jesu Leiden, Sterben und Auferstehen, das in der Ausgiessung des Heiligen Geistes neun Tage nach seiner Himmelfahrt seinen krönenden Abschluss erfährt.

Was das Kirchenjahr im Grossen will, das ermöglicht der Rosenkranz im Kleinen.

Liebe Schwestern und Brüder, ich wage zu behaupten, dass wer mit dem Rosenkranz nichts anzufangen weiss, auch den tiefsten Sinn des Kirchenjahres und seiner steten Vergegenwärtigung des Heilswirkens Gottes an uns Menschen nicht erfasst. Gerne betrachten wir den Rosenkranz als eine Gebetsform, die losgelöst vom gottesdienstlichen Leben der Kirche ein Nischendasein führt und in dieser Nische verkümmert und allmählich verschwindet.

Es ist für mich eine der schönsten Erfahrungen, die ich in den vergangenen sieben Jahren als Wallfahrtspater machen durfte, dass das allabendliche Rosenkranzgebet hier in Einsiedeln einen neuen Stellenwert erhalten hat und die Eucharistiefeier, das Chorgebet von uns Mönchen, die Eucharistische Anbetung und die vielfältigen Seelsorgeangebote auf eine harmonische Weise ergänzt. Durch das Betrachten des Freudenreichen, Lichtreichen, Schmerzreichen und Glorreichen Rosenkranzes wird das Geheimnis unserer Erlösung in Jesus Christus Tag für Tag bei der Gnadenkapelle unter dem liebevollen Blick Mariens lebendig erhalten und verkündet. Der Rosenkranz, wenn er in seiner ursprünglichen Intention gebetet wird, ist weit entfernt davon, ein Herableiern der ewiggleichen Gebetsworte zu sein, was ihm von Kritikern gerne unterstellt wird. Ich möchte diese Predigt jedoch nicht als flammendes Plädoyer für das Rosenkranzgebet verstanden wissen. Für manche unter uns ist der Rosenkranz belastet. Er ist als unfreiwillig zugemutete Gebetsform in Familie und Pfarrei in schlechter Erinnerung und vielen wurde durch Zwang die Lust am Rosenkranzbeten abgewöhnt. Dies gilt es zu respektieren. Zudem ist der Rosenkranz zwar ein wertvolles Gebetsinstrument, aber eben doch nur eines von vielen!

Dennoch möchte ich die Predigt an dieser Stelle noch nicht beenden! Vielmehr möchte ich versuchen, anhand der vorhin gehörten Lesungen aus der Apostelgeschichte und aus dem Lukasevangelium einige Impulse für das Gebetsleben insgesamt herauszukristallisieren. Denn so kann der Rosenkranz – auch ausserhalb seiner Praxis – eine wirkliche «Schule des Gebets» sein und ich denke, dass er hierfür einen wertvollen Dienst für das Kirche-Sein heute leisten kann, wenn er uns anregt, über das Gebet insgesamt nachzudenken.

Da ist einerseits die Feststellung, dass christliches Gebet zuerst einmal Gebet in Gemeinschaft ist. Wir hörten in der Lesung aus der Apostelgeschichte (Apg 1, 12-14), wie die Jünger zusammen mit Maria und den Frauen im Obergemach zusammenkamen und dort blieben. Der Ort, wo Christus vor seinem Leiden die Eucharistie eingesetzt hat, ist der Ort des gemeinschaftlichen Betens. Wie Perlen an einer Schnur aufgereiht, so hörten wir vorhin die Namen der zwölf Apostel vorgetragen. Keiner geht in einer anonymen Gemeinschaft auf, jeder bringt sich und seine ganz persönliche Erfahrung mit Jesus in diesen Raum des Gebets ein. Es wäre schön, wenn wir den Wert des gemeinschaftlichen Betens – auch ausserhalb der Feier der Eucharistie – als Kirche neu entdecken würden. Denn am Gebet der Kirche wächst das Gebet des Einzelnen.

Dann hörten wir aus dem ersten Kapitel des Lukasevangeliums die Erzählung der Begegnung zwischen dem Engel Gabriel und der Jungfrau Maria (Lk 1,26-38). Sie wurde als Festtagsevangelium ausgewählt, weil aus ihr der erste Teil des «Ave Maria» gebildet ist, welches im Rosenkranzgebet dreiundfünfzigmal gesprochen wird: «Sei gegrüsst, du Begnadete, der Herr ist mit dir» (Lk 1,28). Man hätte als Alternative durchaus auch eine andere Begebenheit wählen können, welche Lukas nur wenige Verse später erzählt: Die Begegnung zwischen Maria und Elisabet (Lk 1,39-56). Aus dieser Erzählung stammt der zweite Teil des «Ave Maria»: «Gesegnet bist du unter den Frauen und gesegnet ist die Frucht deines Leibes» (Lk 1,42). Für mich zeigt sich hier sehr schön, wie die Gebetsworte der Kirche zutiefst biblisch sind. So wird deutlich: Die Heilige Schrift ist die Richtschnur und der Massstab für unser Gebet. Unser Gebet muss schriftgemäss sein und darf sich so einfügen in eine lange Reihe von Beterinnen und Betern, deren Worte und Erfahrungen wir uns durch die Bibel zu eigen machen dürfen.

Aber es gibt noch einen anderen Grund, weshalb gerade die Verkündigungsszene für das Rosenkranzfest passend ist: Das Rosenkranzgebet mit dem «Englischen Gruss» als eine seiner biblischen Grundlagen lädt uns ein, die Menschwerdung Gottes in Jesus Christus zu betrachten und vor allem auch zu leben. Das Gebet will unsere eigene Menschwerdung unterstützen, indem wir durch unser Danken, Loben und Bitten immer mehr zu jenen Menschen werden, als die uns der himmlische Vater haben will. Ziel des Christseins und Ziel allen Betens ist, die Verwirklichung des Bildes Jesu in uns!

Liebe Schwestern und Brüder

Anhand der Schrifttexte zum Rosenkranzfest haben wir eben im Schnelldurchlauf gesehen, wie unser Beten – wenn es von der Gemeinschaft getragen und von der Heiligen Schrift inspiriert ist, uns in unserer Berufung, als Gottes geliebte Kinder zu leben, unterstützen und wachsen lassen kann.

Maria nimmt uns dabei als gute Mutter an der Hand und nimmt uns in eine Schule des Gebets, die auch ihr Sohn durchlaufen hat. Wenn wir den Rosenkranz beten, dann sind wir in bester Gesellschaft. Der heutige Rosenkranzsonntag soll uns dazu ermutigen. Amen.