P. Georg Liebich zum 31. Sonntag im Jahreskreis 2021

31.10.2021

Liebe Hörerinnen und Hörer

Schmetterlinge – wo sind sie hin? Schmetterlinge im Bauch – Signal für Angesprochen-Sein durch ein Gegenüber, von Gefallen-Finden an jemandem, Regung von Liebe. Ein Anflug Glückseligkeit setzt eine Beziehung in Gang, – kann sein – Liebe, die hält und trägt durch gute und auch schlechte Tage.

Schmetterlinge im Bauch – könnte es sein, dass sie damit auch in diesen Gottesdienst gekommen sind? Feiern wir doch die Liebe Gottes zu uns Menschen. Schön sind sie da.

Wenden wir uns den Schrifttexten zu.
Im Duktus des Markusevangeliums ist Jesus in Jerusalem eingezogen. Am Tag darauf schon vertreibt er die Händler aus dem Tempel. In der Folge wird er in Streitgespräche verwickelt. Das Verhältnis zu Hohepriestern, Schriftgelehrten, Pharisäern, Sadduzäern und Herodes-Anhängern spitz sich zu. Wenige Tage später wird Jesus hingerichtet am Kreuz.

Trotz gegenteiligem Trend, einer der Schriftgelehrten ist beeindruckt, wie schriftgewandt und treffend Jesus Stellung bezieht.

613 Gebote und Verbote wurden in den jüdischen Schriften gezählt. Bestimmt gibt es heutzutage bedeutend mehr kirchliche Vorschriften und staatliche Gesetze von Verkehrsregeln bis zu den Coronamassnahmen. Wie sind sie zu gewichten, was liegt ihnen zugrunde? Welcher Maxime können sie unterstellt werden?

So fragt der Schriftgelehrte Jesus: «Welches Gebot ist das erste von allen»?

Jesu Antwort ist jedem Christen geläufig, der sich je im Glauben unterweisen liess. Jesus zitiert sie aus einem Buch der Tora. Von jedem gläubigen Juden wird der Text noch heute als Bekenntnis und Vergewisserung gebetet. Es ist zentraler Bestandteil des täglichen Gebets.

«Höre, Israel, der Herr, unser Gott ist der einzige Herr. Darum sollst du den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele, mit deinem ganzen Denken und mit deiner ganzen Kraft.»
Ebenfalls aus einem Torabuch fügt Jesus hinzu: «Du sollst den Nächsten lieben wie dich selbst,» und unterstreicht: «Kein anderes ist grösser als diese beiden.»

In seiner Replik anerkennt und wiederholt der Schriftgelehrte die Antwort Jesu, und stellt auch dem Tempelkult mit seinen Opfern das doppelte Liebesgebot voran. Jesus hat neben vielen Gegnern einen Seelenverwandten gefunden, beide fest verwurzelt in der besten jüdischen Tradition. Verwandtschaft von Juden und Christen ist geblieben.
Wie ein roter Faden durchzieht die Bücher der Tora und die Schriften der Propheten: Gott ist ganz Liebe zu seinem Volk, Liebe zu dem, was er geschaffen hat. Immer klarer schält sich heraus: er ist Liebe zu jedem Menschen. Sie macht auch den Menschen fähig zu lieben. Die angemessene Antwort Geliebter kann nur wieder Liebe sein, Liebe zum zuerst Liebenden, Liebe zu all dem was er liebt. Ja, Liebe zu Gott geht nicht ohne Liebe zum Nächsten.

Paulus schreibt: «Dient einander in Liebe. Das ganze Gesetz ist in dem einen Wort erfüllt: Du sollst den Nächsten lieben wie dich selbst.»
Und im ersten Johannesbrief steht: «Wenn einer sagt, er liebe Gott, aber den Bruder hasst, der ist ein Lügner.»

Wie hat Jesus selber das Doppelgebot der Liebe zu Gott und dem Nächsten umgesetzt? Ausser bei Johannes bemüht Jesus in den Evangelien die ausdrückliche Rede von Liebe viel seltener als ich in dieser Predigt. Er lebt sie.
In allem, was er war und tat, lebte er von ganzem Herzen, mit ganzer Seele und ganzer Kraft Liebe Gottes. Er lebte die Liebe Gottes zu den Menschen in der Verkündigung der frohen Botschaft der Liebe Gottes, im Heilen von Kranken, im befreienden Umgang mit Sündern und Zöllnern und mit Pharisäern, und auch in der Konfrontation mit allem, was der Liebe Gottes zu den Menschen entgegenstand. Er lebte Liebe Gottes zu dem Meschen – selbst für Gottgläubige unvorstellbar, unnachvollziehbar, gotteslästerlich anmutend, darum bis ans Kreuz, wo er noch sterbend um Vergebung bat für seine Feinde.

Im Doppelgebot der Gottes- und Nächstenliebe liegt eine Crux. Es macht unweigerlich politisch, es lässt kompromisslos eintreten für das, was Gott liebt, für Gerechtigkeit und für die Bewahrung der Schöpfung. Da wird gestritten mit konträren Interessen und Wertungen. Und immer wieder werden Menschenleben minderen Werten geopfert.

«Höre, Israel,» beginnt darum der Aufruf des Moses, und Jesus nimmt es auf. Auch wir sind so angesprochen. «Höre!» Hören lässt uns wahrnehmen, dass und wie Gott uns liebt und wie der Nächste der Liebe bedarf.
Hören, mit den Ohren, und mit all unseren Sinnen, mit Herz und Verstand, mit allem, was unsere Person und unsere Seele ausmacht, Hören ist schon Liebe.

Liebe Hörerinnen und Hörer!

Liebe vermag auch uns zu beflügeln, wenn wir ganz Hörende werden, wenn wir uns wirklich darauf einlassen, wie Jesus liebte mit der Liebe Gottes zu uns.

Gebe uns Gott, ihn zu lieben, und den Nächsten wie uns selbst, gegen alle inneren und äusseren Widerstände, aber gesegnet mit Fülle des Lebens – wie mit Schmetterlingen im Bauch.