P. Daniel zum 29. Sonntag im Jahreskreis B

17.10.2021

Am Sonntag, 17. Oktober 2021 predigte P. Daniel Emmenegger zu den Lesungen des 29. Sonntages im Jahreskreis: Jes 53,10-11 und Lk 10,42-45.

Sehen Sie dieses Kreuz? – Es ist das Crucifix unseres Ehrwürdigen Dieners Gottes Meinrad Eugster, dessen Grab- und Gedenkstätte Sie hinten in der Klosterkirche finden.

Es ist wahrlich kein schöner Anblick! Und doch wird uns das Kreuz heute vor Augen gestellt: Jesaja spricht vom leidenden Gottesknecht, durch dessen Hingabe Gottes Plan gelingt zur Rettung von vielen. Nun: Hier ist Er! Im Evangelium wollen Jakobus und Johannes die Ehrenplätze neben Jesus haben. Und Jesus antwortet ihnen gleichsam: Hier ist Euer Ehrenplatz!

Der Glaube lehrt uns: Am Kreuz hängt nicht irgend ein Mensch. Hier hängt Gott als dieser konkrete Mensch mit Namen Jesus; hier hängt die Liebe, durch die die Welt geworden ist und in ihr der Mensch. Am Kreuz offenbaren sich damit zwei Dinge, die aufs engste zusammengehören: Zum einen die Schändung und Vergewaltigung der Liebe durch den Menschen; daran haben wir alle Anteil: Jesu Kreuzigung ist Menschenwerk – und zwar des Menschen aller Zeiten, aller Generationen, aller Völker! Zugleich zeigt sich aber auch, wie diese Liebe in Jesu Leib gleichsam wie ein Schwamm all diese Schändung und Vergewaltigung aufsaugt – alle Schändung und Vergewaltigung, derer der Mensch zu allen Zeiten fähig war und fähig ist, mit der er aber selbst nie fertig wird. Da kann er noch so viele Gerichtshöfe einrichten und noch so viele Genugtuungsfonds: Nichts davon mag ihn zu befreien – hier aber ist sie, seine Befreiung!

Der Mensch, dem die Augen des Glaubens aufgehen, sieht am Gekreuzigten nicht nur die Wunden des Herrn; er erkennt auch seine eigenen Wunden am Kreuz. All die kleinen und grossen Wunden, die er sich in diesem Leben zugezogen hat. Mit den Augen des Glaubens sieht er aber nicht mehr in erster Linie deren Hässlichkeit, auch wenn sie ihm durchaus Schmerzen bereiten. Vielmehr werden sie zu einem Schleier, durch den Gottes Liebe hindurchschimmert. Diese Liebe ist es, die der Mensch seinerseits wie ein trockener Schwamm aufsaugt – wohl wissend, dass er sie ohne den Schleier nicht ertragen würde.

So findet der Mensch schon in diesem Leben seinen Ehrenplatz, der ihm von Gott her bestimmt ist. Den Ehrenplatz, an dem er aus dem Kelch trinken darf, den der Herr getrunken hat; an dem er die Taufe empfängt, mit der sein Herr getauft wurde. Bedenken wir aber: Dieser Ehrenplatz wurde ihm vom Kreuz her zuteil. Das Leiden des Herrn schuf ihm diesen Platz; Sein Leiden aus Liebe; Sein Leiden für den Menschen. Das Leiden des Herrn ist entscheidend ein Für-Leiden. Anteil am Kelch des Herrn und an der Taufe des Herrn bedeutet Anteil an diesem Für-Leiden. Wer von der Liebe getroffen wird, die durch die Wunden des Herrn und durch die Wunden des eigenen Lebens hindurchschimmert, wird selbst ein Liebender – und will allein deshalb diese Liebe nicht für sich, sondern für andere, ja für die ganze Welt! Wirkliche Liebe verschenkt sich immer, gibt sich immer hin – für andere!

Aus alldem ergeben sich ernsthafte Konsequenzen für unseren Umgang mit Leiden, das wir in diesem Leben erfahren und dem kein Mensch ausweichen kann – sei es Leiden durch eine Krankheit, durch Krieg und Gewalt oder Leiden, das mir von anderen Menschen zugefügt wird – in der Familie, am Arbeitsplatz, in einer Gemeinschaft oder auch von Fremden.

Zum einen: Wenn mir im Glauben die Wunden, die mir das Leben schlägt, zu einem Schleier werden, durch den die Liebe Gottes hindurchschimmert, dann kann ich mich zu diesen Wunden völlig neu verhalten – ich möchte sagen: Es ergibt sich ein Verhältnis der Freiheit. Die Frage beispielsweise, wer an diesen Wunden schuld ist, verliert ganz enorm an Bedeutung. Damit einhergehend verliere ich eine etwaige Abhängigkeit von Rechtssprüchen und Genugtuungen von Seiten der Menschen.

(Klammerbemerkung: Damit wird nicht gesagt, dass Unrecht einfach toleriert werden; echte Versöhnung zwischen Menschen nicht gesucht werden soll. Aber gerade Versöhnung – Verzeihen können und Verzeihung annehmen – setzt Freiheit voraus. Nur um diese Freiheit geht es, wobei hier unterstrichen wird, dass diese Freiheit eben vom Kreuz kommt.)

Wenn mich – zweitens – die Gottesliebe, die durch den Schleier meiner Wunden durchscheint, wirklich trifft, dann will ich diese Liebe weiterschenken; ich will, dass andere, ja möglichst viele Menschen von der Liebe hinter meinem Wundenschleier getroffen werden. Das ist möglich durch den gekreuzigten Herrn hindurch. Sie können sich ja mal ganz konkret überlegen, wen Sie mit der Liebe hinter Ihren Wunden – Wunde einer Krankheit, Wunde durch Gewalt oder Wunde einer Verletzung durch andere Menschen – … wen Sie mit der Liebe dahinter treffen wollen. So wird Ihr Leiden ein Für-Leiden; Für-Leiden durch den Gekreuzigten hindurch.

Um solches können wir nur betend bitten. Darum zu bitten ist aber bereits Ausdruck des Glaubens, der unseren Blick verwandelt. Glauben aber, der ein frei verfügbares Geschenk Gottes bleibt. Ich bin überzeugt, dass es das grösste Geschenk ist, dass einem Menschen in diesem Leben zuteil werden kann.