P. Cyrill Bürgi am Meinradssonntag

10.10.2021

In Einsiedeln begehen wir am Sonntag nach dem 6. Ok­tober den sogenannten Meinradssonntag. Denn 1039 brachte man an diesem Tag die Reliquien des heiligen Meinrads von der Insel Reichenau zurück an seinen Wirkungsort als Eremit im Finstern Wald. Gut 100 Jahre nach der Gründung der Abtei und nach dem Brand der ersten Kirche bauten die Mönche das romanische Münster, deren Apsis wir heute noch in der Krypta sehen können. Für dieses Münster wurden also die Reliquien hierher gebracht und am Weihetag, dem 13. Oktober 1039 feierlich eingesetzt.

Lesung: Gen 12,1-4a; Evangelium: Mk 10,17-27

Liebe Brüder und Schwestern im Herrn

Der reiche Mann tut schon, was er tun muss, um das Ewige Leben zu gewinnen. Er hält die 10 Gebote. Das genügt.

Sie kennen vielleicht die Antwort von Kardinal Newman auf die Frage, was man tun müsse, um das ewige Leben zu gewinnen: «Wenn du mich fragst, was du tun musst, um vollkommen zu sein, so sage ich dir: Bleibe nicht im Bett liegen, wenn es Zeit ist aufzustehen; die ersten Gedanken weihe Gott, mache einen andächtigen Besuch beim Allerheiligsten Sakrament, bete fromm den Angelus, iss und trink zu Gottes Ehre, bete mit Sammlung den Rosenkranz, sei gesammelt, halte böse Gedanken fern, mache deine abendliche Betrachtung gut, erforsche täglich dein Gewissen, geh’ zur rechten Zeit zur Ruhe – und du bist bereits vollkommen.»

Gott fordert nicht ausserordentliche Taten. Die Erlösung, das Ewige Leben ist schon auf sicher geschenkt – durch Christus und durch Gnade und nicht durch unser Tun.

Dem reichen Mann genügt das offenbar nicht. Er will eine Absicherung und einen eigenen Beitrag dazu leisten. Oder er spürt einen inneren Ruf, sich ganz Gott zur Verfügung zu stellen; vielleicht merkt er eine gewisse Stagnation in seinem Leben. Er hat erreicht, was er anstrebt, eine gutes Leben nach den Geboten Gottes, aber er macht keine Fortschritte mehr und doch verspürt er die Sehnsucht nach mehr. Jesus zeigt ihm den nächsten Schritt. Doch da kommt ihm die Absicherung mit seinem Reichtum in die Quere. Er mag sich momentan nicht entscheiden, alles zu verkaufen, zu verschenken und Christus nachzufolgen. Diese Entscheidung ist für ihn offenbar notwendig, damit er Fortschritte machen kann. Das ist eine allgemeine Lebensweisheit: «Will einer Fortschritte machen, muss er Entscheidungen treffen».

Jesus hebt die Entscheidung des reichen Mannes auf ein neues Niveau. Es geht nicht um die Entscheidung für eine spezifische Tat: «Was muss ich tun?» Darin versteckt sich noch viel Ich-Zentriertheit. Es geht um die Entscheidung für Christus, letztlich für Gott, den einen Guten. Die Entscheidung ist auf der Beziehungsebene erwartet, nicht mehr auf der Tat-Ebene: «Jesus sah ihn an und weil er ihn liebte, sagte er: Folge mir nach!» Auf der Ebene der Beziehung kann er Fortschritte machen, wenn er die entsprechende Entscheidung trifft. Das ist ein Sprung ins Ungewisse, ein Risiko. Bis anhin stützte ihn die Absiche­rung des eigenen Vermögens und jetzt will er noch die eigene Wirkmächtigkeit seines Handelns hinzufügen. Das hätte seine Stagnation in der Gottes­beziehung nur bestärkt, doch nicht vorwärts­gebracht.

Es geht letztlich um die Frage, ob der reiche Mann bereit ist, seine Absicherung hinter sich zu lassen, und sich auf den guten Gott einzulassen, sich ihm vorbehaltlos zur Verfügung zu stellen, ihm zu vertrauen. Beim Ewigen Leben geht es nicht um mein Ego, sondern um die Gottes­beziehung. Und wie jede Beziehung, so ist auch die Gottes­beziehung ein Risiko, auf Vertrauen aufgebaut. Ich lasse mich auf jemanden ein, mit allen Konsequenzen und Risiken. Ich öffne mein Intimstes und verlasse meine sichere Komfortzone. Ich wage einen Schritt ungeschützt und ohne Absicherung auf den Anderen hin.

Aus solchen „Komfortzonen“ herauszukommen ist nicht leicht, es ist sogar sehr schwer: Schwerer, als dass ein Kamel durch ein Nadelöhr geht! Es gilt, die eigene Bequem­lich­keit, die in solchen Komfortzonen gefördert wird, zu über­winden, das Leben ausserhalb neu zu wagen und so an der Vielfalt dieser Welt Anteil zu nehmen. Die wahren Schätze des Lebens, wie das Reich Gottes, finden wir nur ausser­halb des selbstbezogenen Lebens.

Wer im Leben, in der Liebe und in seinen Beziehungen Fortschritte machen will, muss sich hie und da entscheiden, aus seiner Komfortzone heraus­zu­kommen.

In dieser Hinsicht hat Gott schon Abram herausgefordert: «Zieh weg aus deinem Land, von deiner Verwandtschaft und deinem Vaterhaus» (Gen 12,1). Abram wusste nicht, wohin die Reise geht. Allein im Vertrauen auf die Verheissung des Segens zog er aus. Es war ein Risiko, das er nur vertrauend und wagend überwinden konnte. Der Ruf ist klar, Gott jedoch liefert keine detaillierte Handlungs­an­weisungen mit. Er sieht auch mich an und weil er mich liebt, bittet er mich, die eigenen Sicherheiten aufzugeben und ihm zu vertrauen. Jeder Schritt in Richtung Vertrauen, offenbart den nächsten entscheidenden Schritt. Die getroffene Entscheidung öffnet den Weg nach vorne.

Der heilige Meinrad folgte ebenso einem klaren Ruf, sein Leben Gott zur Verfügung zu stellen. Was das für ihn bedeutet hatte, präzisierte sich nur Schritt um Schritt.

Wir haben auch nicht die Kraft für mehr. Gott gibt gerade die Gnade für den gegenwärtigen Tag. Mehr brauchen wir nicht.

Natürlich ringt uns Gott immer den höchsten Preis für solche Entscheidungen ab. Gott gibt sich nicht mit Halbem zufrieden. Wir können nicht wirklich Fortschritte machen, wenn wir nicht jene Entscheidung unter allen vorziehen, die die grösste Liebe zum Ausdruck bringt.

Wenn wir das so hören, tönt die Nachfolge Christi recht anspruchsvoll. Das mag sie auf die eine Seite sein, weil sie sich nicht billig als gutes Werk erledigen lässt, andererseits aber vereinfacht die vertrauensvolle Nachfolge das Leben ungeheuer­lich. Ich aktualisiere meine generelle Entschei­dung, dem einen Guten mein Leben zu weihen und er offenbart mir Schritt für Schritt den unmittelbaren Weg. Im Mass meines Vertrauens schenkt er mir die Gnade für den anstehenden Entscheidungsschritt.

Sie verstehen mich richtig, dass ich hier nicht so sehr von den grossen Lebensentscheidungen, der Berufs- oder Partnerwahl spreche. Das alltägliche Leben fordert genügend kleine Entscheidungen ab. Sei es am Morgen, wenn der Wecker schellt – gehe ich widerwillig und nach langem Hin- und Her auf –, sei es bei der Arbeit, die ansteht oder die ich vor mir herschiebe, sei es meine schlechte Laune, die mich und mein Umfeld irritiert, sei es das Zappen beim Fernsehen oder das Surfen im Internet. Es sind 1000 kleine Situationen, die von mir eine Ent­scheidung abverlangen. Gerade das Zappen im Fernsehen oder das Surfen im Internet sind Paradebeispiele. Solange ich mich nicht für einen Kanal entscheide, mich nicht auf eine Sache fokussiere oder eben abschalte, verspüre ich keine Genugtuung. Das wahllose Tun hinterlässt einen schalen Geschmack. Erst die wirkliche Entscheidung bringt Befriedigung. Die kleinen Entscheidungen des Alltags aktualisieren die grosse Richtungsentscheidung. Sie sind die Gebote des Alltags, von denen Jesus sagt, dass sie den Weg zum Ewigen Leben bilden.

Gott gibt uns gewöhnlich nicht die Gnade, durchs Nadelöhr zu gehen. Er gibt uns aber sehr wohl die Gnade für den heutigen Tag.

Wenn eine drängende Sehnsucht nach Mehr im Innern aufkommt, wird uns Gott schon nach dem Mass des Vertrauens Schritt für Schritt das Nötige aufzeigen. Für heute aber bleibt uns der Alltag als Aufgabe und als göttlicher Ruf. Und will ich darin Fortschritte.