Predigten von Abt Urban und Pater Mauritius an Engelweihe 2021

14.09.2021

Anlässlich des diesjährigen Weihefestes unserer Gnadenkapelle hielten Abt Urban Federer und Pater Mauritius Honegger zwei ausgezeichnete Predigten, die Sie hier gerne nachlesen können:

Predigt von Pater Mauritius Honegger im „Engelweihamt“ um 19.00 Uhr am 13. September 2021 

Liebe Mitchristen

Von der sogenannten Tempelreinigung Jesu berichten alle vier Evangelien. Heute haben wir die Version des Johannes gehört. Aus historischer Sicht dürfte es eine der sichersten Informationen über das Leben Jesu sein, dass im Tempel von Jerusalem zwischen Jesus und den jüdischen Autoritäten eine Konfrontation stattgefunden hat. Die kritische Einstellung Jesu gegenüber dem damaligen Tempelkult scheint dann auch einer der Hauptgründe gewesen zu sein für den Gerichtsprozess gegen ihn, der schliesslich zu seiner Verurteilung zum Tod am Kreuz führte.

In der jüdischen Religion der damaligen Zeit spielte der Tempel von Jerusalem eine zentrale Rolle: Nicht nur, weil es ein überwältigendes Bauwerk gewesen sein muss, das die sonst eher unbedeutende Stadt im judäischen Bergland in der ganzen antiken Welt berühmt machte, sondern auch weil der Tempel für gläubige Juden jener Ort war, an dem Gottes Gegenwart in dichtester Weise erfahrbar war.

Man muss sagen, es ist eine Anmassung, die sich hier abspielt: Ein Mensch aus der Provinz, Jesus von Nazareth, wagt es, den heiligsten Ort des Judentums zu kritisieren, und sich selber als den neuen Tempel zu präsentieren: «Er aber meinte den Tempel seines Leibes».

Aber diese Anmassung ist nicht die einzige, wenn wir etwa an die Bergpredigt denken, wo Jesus es wagt, die altehrwürdige jüdische Überlieferung zu relativieren und sich selber als neue wegweisende Autorität in den Vordergrund zu stellen: «Ihr habt gehört, dass zu den Alten gesagt worden ist – Ich aber sage euch».

Wir merken: Hier beansprucht einer die höchste Autorität für sich, eine Autorität, die sonst nur Gott zusteht. Und es ist klar, dass eine solche Anmassung nicht ohne Widerspruch der konservativen jüdischen Kreise bleiben konnte. Das ist bis heute der wesentliche Unterschied zwischen Juden und Christen geblieben: Für die Juden erhebt sich hier ein Mensch in unzulässiger Weise an die Stelle Gottes. Für uns Christen hingegen ist der Anspruch Jesu legitim: Wenn Jesus spricht, spricht durch ihn Gott zu uns. Er ist das Wort Gottes, das Fleisch geworden ist. Sein Leib ist der Ort in Zeit und Raum, an dem Gott selber in dichtester Weise gegenwärtig und für uns Menschen erfahrbar geworden ist.

«Er aber meinte den Tempel seines Leibes» – Das Evangelium betont also die Christozentrik des heutigen Festes. Wenn wir heute den Weihetag der Gnadenkapelle feiern, dann stehen nicht etwa die Engel im Zentrum, die gemäss der Legende bei dieser Weihe dabei gewesen sind und von denen der Name «Engelweihe» abgeleitet ist. Wenn wir heute den Weihetag der Gnadenkapelle feiern, dann steht auch nicht das wunderbar beleuchtete Gebäude im Mittelpunkt, sondern der, der das Gebäude erst heilige macht: Jesus Christus.

Wenn wir aufmerksam sind, werden wir merken, dass nicht nur das heutige Evangelium Jesus Christus ins Zentrum stellt, sondern dass uns auch der äussere Rahmen des heutigen Festes Hinweise dafür gibt. Da ist zunächst einmal das Datum: der 14. September. Wer mit dem liturgischen Kalender vertraut ist, weiss, dass an diesem Tag überall in der katholischen Kirche ausser in Einsiedeln das Fest der Kreuzerhöhung gefeiert wird. Über diesem besonderen Datum an der Schwelle der Jahreszeiten erhebt sich das Triumphzeichen des Kreuzes. An diesem Übergang zwischen Sommer und Herbst leuchtet das Zeichen des Ostersieges Christi. Bei all den Veränderungen, die wir rund um uns herum beobachten – die Tage, die kürzer werden, die Temperaturen, die kälter werden, die Bäume, die ihre Blätter verlieren, die Menschen, die älter werden – mitten in der Vergänglichkeit dieser Welt steht unerschütterlich das Kreuz Jesu, das uns Halt und Orientierung gibt, zu dem wir stets aufschauen können, in jeder Situation unseres Lebens.

Und neben dieser zeitlichen Dimension weist auch der räumliche Rahmen auf Jesus Christus als das Zentrum hin. Denn die Architektur, das Kirchlein in der Kirche, erinnert uns an den Ort, an dem sich das Geheimnis unserer Erlösung vollzogen hat: an die Grabeskirche in Jerusalem. Mitten im runden Kuppelbau der Jerusalemer Kirche steht die Anastasis-Kapelle: der Ort des leeren Grabes und der Auferstehung Jesu.

Die Engelweihe, das Weihefest der Gnadenkapelle, wie auch die Weihe jeder anderen Kirche, erinnert uns daran, dass die Kirche heilig ist, weil Jesus Christus in ihr anwesend ist. Alles weist auf ihn als das Zentrum hin: das Datum, die Architektur, das Evangelium.

Aber wo ist dieser Jesus nun konkret, auf welche Weise ist er anwesend? Klar, wir sehen ihn als Kindlein auf den Armen der Schwarzen Madonna. Klar, wir verehren ihn, indem wir die Kniebeuge vor dem Tabernakel machen, in dem die konsekrierten Hostien aufbewahrt werden. Klar, wir empfangen ihn in verborgener Weise im Sakrament der Eucharistie, das wir schon oft auf dem schlichten weissen Altar in der Gnadenkapelle gefeiert haben.

Aber vergessen wir nicht die Worte, die uns Paulus hinterlassen hat: «Wisst ihr nicht, dass ihr Gottes Tempel seid und der Geist Gottes in euch wohnt? – Gottes Tempel ist heilig und der seid ihr.»

Die Heiligkeit der Kirche, das sind die Menschen, in denen der Geist Gottes wohnt, deren Herzen von seiner Liebe entbrannt sind, deren Denken und Handeln vom Geist bestimmt ist und nicht vom Fleisch. Die Kirche ist heilig, weil Jesus Christus in ihr lebendig ist. Im Herzen jedes Menschen, der zu dieser Kirche gehört, wirkt seine heiligmachende Gnade. Amen.

 

Predigt von Abt Urban Federer Pontifikalamt um 09.30 Uhr am 14. September 2021

Liebe Schwestern und Brüder in Christus

Gleicht das Fest der Engelweihe nicht einem Zauber? Sinnliche Eindrücke stehen im Vordergrund: Blumen überall, schönstes Licht in der Kirche, ergreifende Musik, am Abend Tausende von Kerzen in und vor der Kirche, und die barocken Gewänder, die ich in diesen Tagen trage, sprechen von einer alten Tradition, von einem Zauber, dem schon unsere Vorfahren erlegen sind. Die Weihe der Gnadenkapelle von Einsiedeln mit ihrer Schwarzen Madonna: Dieser Ort gibt vielen Menschen Hoffnung und das Vertrauen, dass Gott uns nahe ist. Ja der Zauber der Engelweihe bringt uns eben diese Nähe Gottes ins Bewusstsein.

Die Realität dieser Tage gleicht nun aber gar nicht einem Zauber: Nur schon das Wort «Corona» sorgt für Nervosität, viele sind angesichts immer neuer Massnahmen müde, nicht wenige werden gar aggressiv. Der stürmische Frühling und Sommer brachten uns eine Natur näher, die gegen unsere Verschwendungssucht zurückzuschlagen scheint, und nicht nur die Situation in Afghanistan zeigt uns eine Weltpolitik in Schieflage. Der Weltfriede ist alles andere als gesichert und der Terror nicht weit. Ist es verwunderlich, dass es in dieser Situation das Vertrauen auf Gottes Gegenwart und Nähe schwer hat?

Es ist darum für uns, die wir hier feiern, wichtig, nicht nur einem äusserlichen Zauber zu verfallen. Ein solcher kann letztlich nicht tragen. Vielmehr sind wir aufgerufen, auf die Lesungen, die diesem Fest zugrunde gelegt sind, zu hören und uns über sie mit der Gegenwart Gottes in unserem Leben auseinanderzusetzen.

Wo befinden wir uns in der Lesung? Der Propheten Ezechiel hat darin eine Vision: Er sieht, wie die Herrlichkeit des Herrn in den Tempel in Jerusalem einzieht, wie dieses Gotteshaus damit seinen Zauber erhält. Dazu muss ich anfügen, dass sich Ezechiel im Exil im heutigen Syrien befand, als er diese Vision hatte, er also den Tempel nicht mit seinen Augen sah. Es geht Ezechiel nicht so sehr um den Tempel als Gebäude, sondern um die Gegenwart Gottes in seinem Volk Israel in der Verbannung, das dort traurig und von seinen Wurzeln getrennt war und sich fragte, ob für die Menschen Heil und Glück überhaupt noch möglich sind. Die Bilder, die Ezechiel in der Lesung braucht, könnten uns nicht vertrauter sein. Denn die Herrlichkeit des Herrn tritt ein «wie das Rauschen gewaltiger Wassermassen» – also mit dem Bild der Überflutung, das wir in diesem Sommer zumindest über unsere Fernsehgeräte in unseren Wohnzimmern gesehen haben. Ezechiel sieht keinen Tempel mit Blumen, Musik, Kerzchen und schönen Gewändern. Er sucht Gott vielmehr auch in der zerstörerischen Kraft der Natur. Die Gegenwart Gottes ist für diese Lesung also alles andere als abhängig von einem äusseren Zauber. Für Ezechiel ist Gott noch in der Katastrophe bei seinem Volk. Wie aber kann dieses Vertrauen in so schwierigen Umständen wie Exil oder Umweltkatastrophen gelingen?

Auch Jesus im Evangelium spricht nicht in einen konfliktleeren Raum hinein, wenn er sagt: «Die Stunde kommt und sie ist schon da, zu der die wahren Beter den Vater anbeten werden im Geist und in der Wahrheit.» Diesem Satz voraus geht ein Disput, wo Gott angebetet werden soll: auf dem Berg Garizim oder im Tempel von Jerusalem, also an Orten mit Kultstätten, von denen ein Zauber ausgeht und wo Menschen Hoffnung und Vertrauen schöpfen? Zwar ist Jesus als Jude überzeugt, dass das Heil von den Juden kommt. Und diese beten ihren Gott in Jerusalem an. Eine tragfähige Gottesbeziehung, die uns auch dann trägt, wenn die Welt um uns herum aus den Fugen zu geraten droht, ist für Christus aber nur im Geist und in der Wahrheit möglich – im Hl. Geist und in Christus selbst, der die Wahrheit ist.

Unsere Kirche wird sich in den nächsten Jahren schneller wandeln, als wir dies noch vor kurzem für möglich gehalten haben. Wer über die Beziehung mit dem Hl. Geist nicht in Christus verwurzelt ist, wird diese Veränderungen nur schwer aushalten. Wer nicht aus der christlichen Wahrheit lebt und nur gerade das sagt, was heute alle sagen, beraubt die heutige Welt der Kraft des Evangeliums und kann diese Welt nicht mit dem Geist Christi durchdringen. Wer in der Pastoral arbeitet und nicht das Heil und die Hoffnung Christi im Hl. Geist zu den Menschen bringt, könnte sich geradeso gut mehr auf die eigene Freizeit konzentrieren. Wer sich in einer Kirchgemeinde engagiert und nur die Struktur einer Pfarrei sieht, nicht aber die Nähe Gottes, die Menschen in der Kirche suchen, wird eines Tages aufhören, sich weiter einzubringen. Wenn ein Mönch oder Abt nicht täglich Christus sucht und aus dessen Geist lebt, verblasst dessen Zeugnis für die Gegenwart Gottes in dieser Welt und hinterlässt Menschen mit einer schwarzen Kutte und mit Herzensverhärtung.

Ja, es ist unsere Berufung, den Zauber der Nähe Gottes zu den Menschen zu diesen zu bringen – gerade auch in allem Wandel und selbst in der Katastrophe. Dafür müssen wir aber selbst aus der Beziehung mit diesem Geist und mit der Wahrheit leben. Die Weihe der Gnadenkapelle von Einsiedeln mit ihrer Schwarzen Madonna: Dieser Ort soll uns selbst Hoffnung und das Vertrauen geben, dass Gott uns nahe ist. So ist er auch den Menschen nahe, die uns nach unserer Hoffnung fragen. Amen.