Predigt von Pater Lukas Helg am 24. Sonntag im Jahreskreis

12.09.2021

Liebe Mitchristen hier in der Klosterkirche und zuhause vor dem Fernsehapparat!

Es gibt einfachere Evangelien als das eben gehörte. Es gibt passendere Evangelien für ein Zentralfest des Studentenvereins. Kann man denn diesem Text überhaupt noch Evangelium sagen, gute Nachricht, frohe Botschaft?

Der arme Petrus tut mir leid. Wenn ich die Apostel mit einer Schulklasse vergleiche, so spielt Petrus darin die Rolle des Klassenbesten. Auf die schwierige Frage des Klassenlehrers Jesus von Nazareth, für wen sie ihn halten, weiss er als Einziger eine Antwort und rettet die Ehre der Klasse. „Du bist der Christus“. Um dann aber nicht gelobt zu werden, sondern die befremdende Antwort des Lehrers einstecken zu müssen: „Du hast zwar recht – aber bitte, behalt das für dich“. Und dann wendet sich der Lehrer an die ganze Klasse: „Dieses Thema, dass ich der Christus bin, ist tabu. Sprecht mit niemandem darüber. Der Titel Christus könnte falsch verstanden werden. Und jetzt rede ich ganz offen mit euch: Ich muss nach Jerusalem hinauf, um dort von der religiösen Oberschicht zum Tod am Kreuz verurteilt zu werden. Aber nach drei Tagen werde ich auferstehen. Lest doch die Schriften des Alten Bundes. Lest die Lieder vom Gottesknecht beim Propheten Jesaja. Dort, wo vom namenlosen Menschensohn die Rede ist, dort wird von mir und meinem Schicksal gesprochen, wenn auch nur andeutungsweise. Merkt euch also: ich bin der Menschensohn, der leiden muss.“

Jetzt greift Petrus, der Klassenbeste, ein. „Jesus von Nazareth! Das darf unter keinen Umständen mit dir geschehen“. Um dann vom Lehrer vor der ganzen Klasse ganz ungewohnt hart attackiert zu werden: „Stopp, sofort hinter mich, du  Versucher, du Satan, du hast keine Ahnung von dem, was Gott will. Du meinst, Gott müsse so sein, wie du willst.“ Betretenes Schweigen. Dann ist die Schulstunde aus. Petrus steht mit rotem Kopf an seinem Platz, während die übrigen Apostel möglichst unbemerkt schleunigst  davonschleichen und froh sind, diesmal nicht der Klassenbeste zu sein.

Ehrlich, der arme Petrus tut mir leid. Dabei hat er es wirklich nur gut gemeint.

Liebe Schwestern und Brüder!

Was soll nun an diesem Evangelium Frohe Botschaft sein?  Zwei sehr aktuelle Punkte möchte ich herausnehmen.

Erstens: Warum muss der Gottessohn leiden und warum gibt es so viel Leid auf der Welt?

Leiden, Krankheit, älter werden, Sterben müssen – all die negativen Seiten unseres Lebens beschäftigen jeden Einzelnen von uns, mag das in der Öffentlichkeit noch so raffiniert ausgeblendet und überspielt werden. Eine Krebserkrankung, eine schlechte Diagnose, eine unheilbare Krankheit – wir sprechen lieber nicht davon. Wir trösten den Betroffenen lieber mit so nichtssagenden Worten wie: Es wird bald wieder gut sein. Nicht so Jesus. Er spricht ganz offen über das, was ihm bevorsteht. Er weiss auch nicht, warum das Kreuz sein muss.  Wenn Jesus selber keine Antwort auf das Warum wusste, wie sollten wir dann eine geben können. Ist es nicht ehrlicher, zuzugeben, dass wir keine Antwort wissen, als immer so zu tun, als hätten wir alles im Griff? Wenn Gott das Leiden seines Sohnes zulässt, dann können die negativen Seiten unseres Lebens nicht von Natur aus schlecht sein, dann können Gesundheit, möglichst langes Leben und Anhäufen von allem möglichen Luxus und Reichtum aus Gottes Sicht nicht die höchsten Werte eines menschlichen Lebens sein. Wir alle sind wie der Petrus, der alles Leiden von seinem Meister fernhalten will, ja, wir sind noch schlimmer, wir drücken uns, wo wir können, um das Leiden herum, bei uns und bei unseren Mitmenschen.

Unser Gott und Heiland sagt uns heute im Evangelium: „Bemühe dich nicht vergeblich, hinter den Sinn von Krankheit, Unglück, Leiden aller Art zu kommen. Schau ihnen ins Angesicht. Verdränge sie nicht. Das ist dein Kreuz, das du tragen musst, wenn du mir nachfolgen willst. Du musst dir nicht eigens noch eines zimmern, musst dein Leben nicht noch schwerer machen, als es eh schon ist. Vertraue darauf: alles hat einen Sinn. Mein Vater allein weiss ihn.“

Zweitens: Warum eine Kirche der Unvollkommenen?

Jesus beruft Menschen mit Fehlern und Unvollkommenheiten in seine engste Nachfolge. Es wäre naiv, zu glauben, nur Judas sei das schwarze Schaf gewesen, die übrigen 11 aber makellose Heilige. Sie hatten alle ihre Fehler und Unvollkommenheiten. Sie alle stritten, wer der Grösste von ihnen sei. Bei der Gefangennahme ihres Meisters flohen sie alle. Nicht Petrus allein, sie alle träumten von einem politischen Christus, der die verhassten Römer zum Teufel jagt, der Israel seine alte Grösse zurück erobert. Und sie schielten alle, nicht bloss die beiden Zebedäus Söhne, sie schielten alle auf Ministerposten im kommenden Reich. Und trotzdem –  Jesus hat Petrus und die anderen unvollkommenen Apostel zum Fundament und Grundstein seiner Kirche gemacht. So ist die Kirche bis heute eine Kirche der Unvollkommenen. Ich erinnere mich sehr genau an die eindrücklichen Worte des inzwischen heiliggesprochenen polnischen Papstes, die er im Juni 1984 15000 Deutschschweizer Jugendlichen in unserem Studentenhof zugerufen hat: „Habt Geduld mit der Kirche. Die Kirche ist eine Gemeinschaft von schwachen und fehlerhaften Menschen. Das ist unser aller Glück. Denn in einer Kirche der Vollkommenen hätten wir alle keinen Platz, ihr nicht, liebe Jugendliche, und ich nicht, Euer Papst“.  Diese Worte sind heute, knapp 40 Jahre später, noch viel aktueller als damals. Wir alle sind mit Recht schockiert über die vielen grösseren und kleineren Verbrechen und Skandale, die innerhalb der Kirche geschahen und zum Glück aufgedeckt wurden oder hoffentlich noch aufgedeckt werden. Für sehr Viele war das dann leider ein willkommener Anlass, sich endgültig von diesem Verein zu verabschieden. Schade! Natürlich hat sich Vieles gebessert. Aber die Kirche wird eine Gemeinschaft der Unvollkommenen bleiben. Wie ich und du, wie wir alle unsere eigenen Fehler haben, so hat sie jedes andere wichtige oder weniger wichtige Glied der Kirche auch.

Unser Gott und Heiland sagt uns heute im Evangelium: „Ich weiss, jeder meiner Apostel hatte seine Fehler. Ärgere dich nicht über die Fehler der anderen, sondern bemühe dich, deine eigenen zu verbessern. Es ist kein Kunststück, menschliche Unvollkommenheiten bei den Aposteln und ihren Nachfolgern und bei allen Gliedern der Kirche zu entdecken. Verdränge sie nicht, dramatisiere sie nicht, denk immer an mein Wort: Wer ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein. Und schliesslich vertraue: wie das Leiden einen Sinn hat, hat auch das menschliche Antlitz unserer Kirche einen Sinn. Mein Vater allein weiss ihn.“

Amen.