Predigt von Pater Daniel Emmenegger am Hochfest Mariä Geburt

08.09.2021

Am 8. September feiert die Kirche das Geburtsfest der Gottesmutter Maria. Im feierlichen Konventamt um 11.15 Uhr hat unser Dekan, Pater Daniel Emmenegger, folgendes Predigtwort an die zahlreichen Mitfeiernden gerichtet:

Der Anlass des heutigen Festes ist die Geburt der Gottesmutter. Diese Geburt aber zielt auf die Vereinigung Gottes mit dem menschlichen Fleisch, also auf die Menschwerdung in Jesus Christus, worum es im eben gehörten Evangelium primär auch ging. In Jesus begegnet uns Gott als Mensch – Gott, der absolut Einzige in diesem absolut einzigen Menschen, der deshalb der Einzige ist, weil er Gott ist.

Müssten wir darob nicht immer neu in Erstaunen geraten und mit den Worten von Psalm 8 fragen: „Was ist der Mensch, dass Du – Gott – an ihn denkst? Was ist des Menschen Kind, dass Du – Gott – es beachtest“ (Ps 8,5)?

Der Mensch scheint bei Gott einen unglaublich hohen Stellenwert zu haben. In der Lesung aus dem Römerbrief hiess es gar: Der Mensch soll teilhaben
an Wesen und Gestalt seines Sohnes; also an Wesen und Gestalt Jesu Christi, diesem absolut einzigen Menschen, der deshalb der Einzige ist, weil er Mensch und Gott ist. Im achten Psalm frohlockt der Psalmist geradezu: Du – Gott – hast den Menschen nur wenig geringer gemacht als Gott (Ps 8,6)! Wenn der Mensch darob wirklich staunen kann, wird er demütig. „Demütig“ aber heisst: Er kann hinstehen und sagen: „Ja, ich will! …

… ich will teilhaben an Wesen und Gestalt deines Sohnes!
… ich will annehmen, was mein Begreifen übersteigt; was Du, Gott, mir aber schenken kannst und schenken willst!“

Nun aber ist der Mensch nicht einfach demütig. Seine erste Antwort auf die Menschwerdung Gottes in Jesus lautete: „Kreuzige ihn!“ Dieser Ruf ist bis heute nicht verstummt, ja, er erschallt auch aus dem Innern der Kirche und – machen wir uns darob keine Illusionen! – er schlummert auch in jedem von uns!

Das „Ja, ich will!“ ist bei uns, ja in uns immer getrübt durch das „Kreuzige ihn!“ Unser Leben als Christen – also Christusnachfolge – hat im Grunde zum Ziel, dass das „Ja, ich will!“ immer grösser und das „Kreuzige ihn!“ immer kleiner wird – was freilich nicht dadurch geschieht, indem man das „Kreuzige Ihn!“ einfach ignoriert: Ignoranz verstärkt nur dessen Macht in uns! Gott weiss ja, dass unser „Ja, ich will!“ durch das „Kreuzige ihn!“ getrübt ist.

Auch dann, wenn wir das „Ja, ich will!“ in einzelnen, stillen Momenten aus ganzem Herzen sprechen, vielleicht auch in emotionaler Ergriffenheit; auch dann, wenn wir es in einer Feierlichen Profess öffentlich ablegen. Aber das stört Gott nicht. Nicht nur ist Seine Liebe weit genug, um auch mit unserer widerstrebenden Freiheit und mit unserer widerspenstigen Natur zu rechnen, vielmehr hat Gott in der Welt, in seiner Schöpfung einen Raum geschaffen und gefunden, der ein reines, ungetrübtes, unbeflecktes „Ja, ich will!“ ist.

Heute feiern wir das Geburtsfest dieses Raumes: Raum in der Welt für Gott. Raum in der Welt auch für uns. Wenn wir unser getrübtes und beflecktes „Ja, ich will!“ in diesen Raum stellen, wo Gott Mensch wird, dann ist das „Kreuzige ihn!“, das zum Tod führt, längst schon besiegt, und es braucht uns nicht zu ängstigen, wir können uns ihm vielmehr furchtlos stellen. „Die, die Gott vorausbestimmt hat, hat er auch berufen, und die er berufen hat, hat er auch gerecht gemacht; die er aber gerecht gemacht hat, die hat er auch verherrlicht“ (Röm 8,30).

Amen.